Freitag, Dezember 16, 2011

In die Neue Welt

"Il y a un autre monde mais il est dans celui-ci." (Paul Éluard)

Düsternis hatte sich am tonnenschweren Firmament verdichtet, und das graue Licht verlangsamte jede Bewegung. Irgendwann würden die Wolken wie bröckelnder Zement zerfallen und alles unter sich begraben. Beim Gang durch die ausgestorbenen Gassen bewegte R sich in Richtung seiner innersten Stadt. Dabei verlor R die Erinnerung an vertraute Adressen. Noch war alles bekannt: der Müll in jeder Tonne und die Abfahrtzeiten an den Haltestellen seines geistigen Nahverkehrs. Kaltes Blut pulsierte im Rhythmus der Einsamkeit.

R war auf der Suche nach einer Grenze, die noch nicht überschritten war. Aus dem Gewirr zog es ihn in die Weite. Irgendwo dahinter musste sich die Neue Welt befinden, ein unerkundeter Kontinent. Und R war sich seiner Schwäche gewahr, zwanghaft vermaß und kartografierte R die fremden Landschaften. Exotik wich der gefräßigen Eintönigkeit, Ernüchterung folgte auf Erregung.

Das Ende der Straße schien in einen blauen Himmel zu führen. R wechselte die Welten. Aber es blieb derselbe Planet.

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Dienstag, Juli 26, 2011

Entzug der Sehnsucht

Während R versuchte, sich seiner Sehnsucht zu entziehen, kam ihm jenes zersetzende Verlangen unbemerkt abhanden. R vermisste das Sehnen und Suchen jedoch erst, als nichts mehr davon übrig war. Und inmitten der plötzlichen Leere stellte R fest, dass es sich nicht um die erwartete Erleichterung, sondern um den größten vorstellbaren Verlust handelte. Denn bis zu diesem Zeitpunkt waren unerfüllte Erwartungen der Kraftstoff für seinen Antrieb. Obwohl R an einem Sonntagmorgen frei von Fragen erwachte, konnte die Sehnsucht doch nicht über Nacht verschwunden sein. Wie ein Langstreckenläufer, der zuletzt ins Ziel kam, empfand R keine Freude über den Erfolg des Ankommens, sondern nur Erschöpfung und am Ende aller Mühen eine weite Leere. R hatte geglaubt, durch den Entzug der Droge Sehnsucht Leichtigkeit zu finden und sein Bewusstsein wie in einem Ballon durch den Abwurf von Ballast in unverhangene Aussichten zu befördern. Aber das Dasein war unerschütterlich auf dem Boden der Tatsachen verankert.

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Dienstag, Juni 08, 2010

Bleiwüstenblumenpflücker

Auf der ausgetrockneten Haut seiner Zunge bildeten sich Risse mit scharfen Kanten. Das Blut schmeckte nach Druckerschwärze und klebte wie Honig am Gaumen. Verklärende Sonnen brannten auf der Tagseite, diffuses Licht ließ die Konturen der Bleiwüste verschwimmen. Die gleichförmige Umgebung, deren Graustufen R. durchstreifte, glich einer inneren Tundra.

Sein geistiges Auge fand kaum Anhaltspunkte in den verödeten Wortlandschaften, aber R. nahm jenen Durst während seiner Suche nach klaren Quellen in Kauf. Der Sud, den man ihm in Kristallkelchen servierte, schmeckte wie süßliches Gift. Begreifbar sollte alles sein in dieser Welt der simulierten Übersichtlichkeit. Informationsflüsse wurden begradigt, bis jeder Nichtschwimmer in eine beliebige Strömung eintauchen und sich mitreißen lassen konnte, ohne zu ertrinken.

R. vermisste die Anstrengung. Schrebergärtner hatten blühende Unterhaltungslandschaften erschaffen, aber ohne die Anstrengung als Gegenentwurf zur Ablenkung ist alles wertlos. Das Verständnis flüchtet vor dem Verstand durch Labyrinthe aus dicht beschriebenen Zeichenträgern. Man musste in die Archive der Bibliotheken steigen und in die ausgelagerten Bereiche der Archive, bis in die entferntesten Winkel des Gedächtnisses. Denn dort war alles vorhanden.


Etwas unterschied ihn von dem früheren Tier aus seinem persönlichen Paläozoikum. Und der Unterschied lag weder in Raum noch Zeit, sondern in einer anderen Größe, für die es noch keinen Begriff gab. R. hatte in der Suche nach diesem Begriff sein Ziel bestimmt.

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Dienstag, Mai 04, 2010

Rücken in Fahrtrichtung

R. reiste mit dem Rücken in Fahrtrichtung durch lückenhafte Landschaften seines Daseins. Das Gefühl der unbestimmbaren Bewegung, weder vorwärts noch rückwärts, und dennoch keinen Stillstand zu spüren, widersprach sich selbst. Aber im Tod, und auch in diesem anderen unzeitlosen Gefühl, verlor jede Bewegung ihre Geschwindigkeit und jeder Gegenstand sein Gewicht.

Nachdem R. in einem eisgrauen Wintermonat als versehentliches Wesen das Dunkel der Welt erblickt hatte, fassten die Stimmen in seinem Kopf mehrheitlich den Beschluss, sich nicht mehr von der kalten Glut blenden zu lassen. Gleichzeitig wurde in jener Nacht darüber entschieden, dass sein innerstes Ich jede Wahl einer Zukunft verlieren musste, weil es sich selbst als Betrüger entlarvt hatte.



Außer den Luftburgen in seinem Kopf, verwitterten Festungen aus Gedanken, hatte R. nichts errichtet. Daher sollte man ihn nur noch an der tätowierten Rose auf seiner Netzhaut, einer wurmstichigen Ausgabe der Ablehnung im Gedächtnis und der emotionalen Behinderung, wenn er auf Gefühlen hinkte, erkennen.

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Sonntag, Oktober 25, 2009

Kopfschlächter

R hat vor vielen Jahren in einem Schlachthaus gearbeitet. Im Winter wurde das Gebäude nicht beheizt, und R hat darüber berichtet, wie R und seine Kollegen sich wärmten, indem sie ihre Arme zwischen das Gedärm der frisch aufgeschnittenen Bäuche gesteckt haben. Manchmal überkam sie dabei ein Gefühl, als zuckten die Innereien der Kadaver noch.
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>> Kopfschlächter

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Sonntag, Juli 20, 2008

Fremde Geschwindigkeit

R hätte sich auf seinen Instinkt verlassen sollen. Anstatt einzusteigen, hätte R das Angebot ablehnen, und sich durch die schwankende Straße weiter in jene Richtung bewegen sollen, wo er sein Hotel vermutete. Der Bordstein kam ihm gefährlich entgegen. R hatte Mühe, sich auf den Beinen zu halten, die giftgetränkten Zellen widersetzten sich seinem Instinkt.

Aus dem dunklen Innenraum lockte eine vertraute Stimme. R kannte das Fabrikat nicht, der nachtfarbene Wagen rollte in einem Tempo neben ihm, das kaum höher war, als sein eigenes. Die schwarze Luft roch nach Benzin und Verwesung. R empfand die Geschwindigkeit als Provokation. Sie drängte ihn, seinen Gang zu beschleunigen. R hätte das Gegenteil tun sollen und auf der Stelle stehen bleiben, R hätte in eine andere Richtung laufen oder in einer schmalen Seitengasse verschwinden sollen. Aber die fremde Geschwindigkeit, wenig höher als seine eigene, vermittelte ihm das Gefühl, etwas zu verpassen. R hielt Schritt.


Die Tür stand weit offen. R hatte gezögert, einzusteigen. Aber schon in den ersten Momenten der Begegnung passte R seinen Gang der fremden Geschwindigkeit an. Es war keine bewusste Beschleunigung, vielmehr ein unaufhaltsamer Prozess. Dann versuchte R, den Wagen zu überholen und hinter sich zu lassen, aber bei jedem Versuch passte auch das Fahrzeug seine Geschwindigkeit an und war anschließend wieder schneller, kaum spürbar.


Nachdem die Tür geräuschlos zugefallen war, lehnte sich R im gepolsterten Sitz zurück. Die Stimme aus dem Inneren verstummte. Der Wagen beschleunigte, bis die Umrisse der Nacht schemenhaft vorbeizogen.


Zunächst sah R nur den Nacken des Fahrers. Der Mann kam ihm bekannt vor. R beugte sich nach vorn, und als er das Profil erkannte, erfasste ihn ein kindliches Staunen. R saß selbst am Steuer. Aber es war zu spät, R hätte seinen Blick auf die Straße richten sollen. Die falsche Entscheidung war längst getroffen.


Im letzen Moment entdeckte R mit einem flüchtigen Blick aus dem Fenster, wie R neben dem Wagen lief und sich zulächelte. Nach dem Aufprall stand R neben den Trümmern. R atmete. Die Luft roch verbrannt, es dämmerte ein zähflüssiger Morgen.

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Freitag, Juni 27, 2008

Hohe Stufen

R wollte nach oben. Auch wenn das Erklimmen einsamer Gipfel keinem vernünftigen Zweck diente, symbolisierte allein die Anstrengung einen Fortschritt auf den steilen Routen zur Erkenntnis. Der Ausblick von den verschiedenen Spitzen unterschied sich kaum, und dennoch enttäuschte ihn das Panorama, wenn R unter einem Gipfelkreuz stand, nie. Zwar konnte man die Bergwelt auch fliegend bestaunen, aber das wäre zu einfach gewesen.

Sein letzter Tritt schien sicher, und beim Abtasten der rauen Oberfläche fand R einen Griff. Mit dem Zeigefinger klammerte R sich an einen winzigen Vorsprung. Als R den anderen Arm streckte, um sich an einem weiteren Griff hochzuziehen, rutschten seine Füße vom Felsen. Für einen winzigen Moment aus Ewigkeit hing R an seinem Zeigefinger, unter ihm das Nichts.


Als R aus dem Nichts erwachte, spielte Schwerkraft keine Rolle mehr. Nachdem der Entwicklungsprozess abgeschlossen war, fanden seine Füße im neuen Leben Halt, und auch Überhänge bewältigte R ohne Schwierigkeiten. Das freie, ungesicherte Klettern war noch immer seine Leidenschaft. Mit den neuen Voraussetzungen bewegte R sich sogar an vollkommen glatten Steilwänden aus Glas ohne Gefahren.


Eine Fliegenklatsche machte R sein neues Dasein schlagartig bewusst. Das bislang unbekannte Gefühl des Schmerzes durchzuckte seinen Körper. Die Wiedergeburt als Stubenfliege in einer Allgäuer Bauernküche brachte offenbar nicht nur Vorteile mit sich. Aber nach einigen Drehungen um die eigene Achse gelang es ihm, vom Rücken wieder auf die kleinen Beinchen kommen. Ohne zu zögern, hob er vom Fensterbrett ab und flog in exakten geometrischen Mustern durch die Weiten der Stube. So entging R dem zweiten Schlag der Fliegenklatsche. Die Bäuerin kniff die Augen zusammen und versuchte, seine Flugbahn zu verfolgen. Dann gab sie ihre Jagd auf und legte die Fliegenklatsche zurück auf den Küchentisch.


Wenig später steuerte R das gelbe Band an. Es erschien ihm vernünftig, sich nach der Aufregung zu erholen. Das Band hing von der Decke und verströmte einen angenehmen Geruch. Manchmal stellt sich die Vernunft als Falle heraus. R ging der Bäuerin auf den Leim. Inmitten verendeter Artgenossen klebte R am Fliegenband und wunderte sich darüber, dass ihm diese Todesfalle während seiner Erkundungsflüge und Klettertouren zuvor nie aufgefallen war.


Auf der nächsten Stufe in der Reihe seiner Wiedergeburten befand R sich im Körper einer Zecke. Dieser Aufenthaltsort war für eine kletternde Seele beinahe ideal, denn außer den Zecken gab es im Kreislauf der Natur nur einen Schädling, der noch weniger natürliche Feinde kannte und ähnlich nutzlos erschien. Aber diese Stufe der Evolution hatte R bereits hinter sich.

(Dem >Seeblogger
in den Allgäuer Bergen gewidmet.)

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Freitag, Juni 13, 2008

Conscientia in vitro

Das Labor befand sich im dunkelsten Keller der Wahrnehmung. R untersuchte sein Bewusstsein in der Tiefe wie eine Larve, die sich durch den Nährboden verwesender Gedanken fraß. In Reichweite der Glasbehälter lagen Skalpelle und andere Sektionsinstrumente, sorgfältig sortiert auf Zellpapier. Die meisten Substanzen im Nährboden stammten von Totgeburten oder von Gedanken, die unmittelbar nach ihrer Geburt gestorben sind.

Während der Versuchsreihen trug R einen Laborkittel, der mit Flecken unbestimmter Farbe und Herkunft übersät war. R starrte in das Mikroskop und protokollierte jede Veränderung, unscharf zeichneten sich die Bewegungen der Larve im Inneren seines Geistes ab. Vor allem wollte R herausfinden, was jenseits der Grenze biochemischer Prozesse passierte.


Das geistige Klima musste konstant kühl bleiben, damit sich die Larve nicht verpuppte. Statistisch betrachtet war es unwahrscheinlich, dass sie sich in ein schillerndes Wesen verwandelte. Bestenfalls schlüpfte ein Nachtfalter, der orientierungslos durch die Dunkelheit taumeln würde, bis er in einem Irrlicht verbrannte. Im schlimmsten Fall wäre es eine Stechmücke, die sich am Bewusstsein anderer nährte.


Indem R weitere Entwicklungsstadien unterdrückte und die Larve nährte, ohne sie fett werden zu lassen, verfügte R über Kontrollmechanismen.


Irgendwann würde R die Larve aus dem Glas nehmen und sie an den Maulwurf seines Unterbewusstseins verfüttern, um anschließend die zerlöcherten, namenlosen Kadaver seiner Gedanken in einem anonymen Massengrab beizusetzen.

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Donnerstag, Mai 08, 2008

R

Im Lichtkegel der Schreibtischlampe wirkte der Text wie ein Rinnsal aus durchgestrichenen Sätzen, die im Papier versickerten. Vom Starrsinn gegen die Müdigkeit getrieben, bemühte R sich um eine aufrechte Haltung.

Untote Gedanken hatten sich in Leichentücher gehüllt und schwebten durch entlegene Gänge seines Bewusstseins. R lauschte ihrem verzweifelten Atem und dem Geräusch ihrer Ketten. Das graue Licht des Morgens warf Schatten auf die Wortlosigkeit. Sein Körper verweigerte den Schlaf, gleichzeitig wollte sein Geist in der Müdigkeit versinken wie in einem See aus schwarzen Federn - einschlafen und nie wieder auftauchen aus den Tiefen zeitloser Stille.


Aber nach jedem Schlaf wiederholte sich das Erwachen, und jedem Erwachen folgten Variationen von Variationen. Alles verschmolz zu einer konturlosen Masse aus Bedeutungslosigkeit. R hatte Außergewöhnlichkeiten aneinander gereiht, bis sie zu Regeln eines verwechselbaren Alltags geworden waren. Anfangs war jedes Extrem der Beginn einer Steigerung, aber irgendwann stieß R an die Grenzen seiner Vorstellung. Und um die Vorstellungen der Anderen schienen die Grenzen noch enger gezogen.


Der Zauber einer richtungslosen Zukunft hatte sich in berechenbare Banalität verwandelt. Die Inspiration entpuppte sich als ein uneheliches Kind der Monotonie. R konnte Ideen beliebig abrufen, Wirkungen waren die Ergebnisse gezielter Absichten. Denken war eine steuerbare Verkettung biochemischer Prozesse.


Besessen vom Trieb des Jägers und Sammlers schlich sich R in die Festung seines Bewusstseins. R dokumentierte, klassifizierte, ordnete und archivierte. Noch glaubte R an die Existenz unbekannter Kontinente und an die Möglichkeit einer Entdeckung.

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