Donnerstag, Mai 08, 2008

R

Im Lichtkegel der Schreibtischlampe wirkte der Text wie ein Rinnsal aus durchgestrichenen Sätzen, die im Papier versickerten. Vom Starrsinn gegen die Müdigkeit getrieben, bemühte R sich um eine aufrechte Haltung.

Untote Gedanken hatten sich in Leichentücher gehüllt und schwebten durch entlegene Gänge seines Bewusstseins. R lauschte ihrem verzweifelten Atem und dem Geräusch ihrer Ketten. Das graue Licht des Morgens warf Schatten auf die Wortlosigkeit. Sein Körper verweigerte den Schlaf, gleichzeitig wollte sein Geist in der Müdigkeit versinken wie in einem See aus schwarzen Federn - einschlafen und nie wieder auftauchen aus den Tiefen zeitloser Stille.


Aber nach jedem Schlaf wiederholte sich das Erwachen, und jedem Erwachen folgten Variationen von Variationen. Alles verschmolz zu einer konturlosen Masse aus Bedeutungslosigkeit. R hatte Außergewöhnlichkeiten aneinander gereiht, bis sie zu Regeln eines verwechselbaren Alltags geworden waren. Anfangs war jedes Extrem der Beginn einer Steigerung, aber irgendwann stieß R an die Grenzen seiner Vorstellung. Und um die Vorstellungen der Anderen schienen die Grenzen noch enger gezogen.


Der Zauber einer richtungslosen Zukunft hatte sich in berechenbare Banalität verwandelt. Die Inspiration entpuppte sich als ein uneheliches Kind der Monotonie. R konnte Ideen beliebig abrufen, Wirkungen waren die Ergebnisse gezielter Absichten. Denken war eine steuerbare Verkettung biochemischer Prozesse.


Besessen vom Trieb des Jägers und Sammlers schlich sich R in die Festung seines Bewusstseins. R dokumentierte, klassifizierte, ordnete und archivierte. Noch glaubte R an die Existenz unbekannter Kontinente und an die Möglichkeit einer Entdeckung.

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12 Comments:

Blogger MudShark said...

R weiß offenbar nicht, daß die festung seines bewusstseins teil eines galaktischen bollwerks ist, das wiederum nur ein kleiner ableger einer verstaubten ecke unseres universums aus eingebildeten möglichkeiten und verpassten chancen ist. die antimaterie heißt dort müdigkeit, schlaf ist eine tödliche beschäftigung.

9.5.08  
Blogger Oles wirre Welt said...

Sätze, die wie Fusseln hängen bleiben und bei denen man weit entfernt davon bleibt, auch nur einen herausbürsten zu wollen.

11.5.08  
Anonymous eon said...

diesen glauben sollte R auch schön beibehalten!!!

11.5.08  
Blogger Frau H. said...

Variationen um Variationen. Des ewig selben Themas. Ja... Wunderbar geschrieben!!!

13.5.08  
Blogger mq said...

/Mudshark: Der Tod ist eine einschläfernde Beschäftigung, und das Universum aus eingebildeten Möglichkeiten und verpassten Chancen ist wiederum ein Staubkorn in der Ecke eines Kleiderschranks auf dem Dachboden eines Hauses in ... Gibt es überhaupt verpasste Chancen?

/Ole: Ein selbstgestrickter Pullover aus federleichten Fusseln bringt einen warmen Herzens durch den Winter. Solche Fusseln finde ich auch immer wieder in Absurdistan.

/Eon: Warum?

/Frau H.: Das Thema variiert, die Variationen bleiben gleich.

14.5.08  
Anonymous eon said...

wegen der suche, die man nie als beendet ansehen sollte.

14.5.08  
Blogger MudShark said...

ja, der zauderer kann sogar ein lied davon singen.

15.5.08  
Anonymous nietzsche-wo said...

Leben in einer seltsam vertrauten und doch unendlich entfernten Dimenson.

15.5.08  
Blogger Frau H. said...

Abba wenn das Thema variiert und die Variantionen gleich bleiben, dann braucht man doch gar kein Thema...oder ist das Thema eine Art Amme? Ach, Sie werfen schon wieder so viele Fragen auf...

15.5.08  
Anonymous eon said...

sehr schön! das thema als amme der immergleichen variationen.

16.5.08  
Blogger mq said...

/Eon: Ohne das Wissen, wonach man sucht, bleibt jedes Finden Utopie.

/Mudshark: Cunctator Quintus wählte jedenfalls die richtige Strategie!

/nietzsche-wo: Als Alternative zur Eindimensionalität des Über-Ichs.

/Frau H.: Die stärksten Themen wurden mit Wolfsmilch gestillt.

16.5.08  
Blogger mkh said...

Wow. Außergewöhnlich starker Text unter vielen starken Texten! - Tut gut, wieder so was von dir zu lesen, werter Markus Quint. Ein unscheinbarer Meilenstein auf der Entdeckungsreise unbekannter Bewusstseinsarchipel.

17.5.08  

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