Sonntag, Januar 19, 2014

Sehr geehrte Südosteuropäer,

ich entschuldige mich auf diesem Weg für das fremdschamverursachende Verhalten von einigen meiner Landsleute. Es ist erschütternd, welche haarsträubenden Dummheiten über die sogenannte "Armutsmigration" in jüngster Zeit verbreitet wurden. Nach schlimmster xenophobischer Manier werden ganze Nationen als Bedrohung dargestellt. Es sind immer die Anderen, die Fremden, die unseren Wohlstand bedrohen, indem sie angeblich deutsche Arbeitsplätze oder Sozialaufwendungen erschleichen.

Bitte nehmen Sie den Deutschen diese Diskussion nicht allzu übel. Die German Angst ist ein international bestauntes Phänomen. Besonders verbreitet scheint die Angst im wohlhabenden Südostdeutschland zu sein, vermutlich weil sich diese Region selbst gerne an den politischen Rand Europas bugsiert.

Von "Sozialtourismus" war die Rede, eine Sprachverhunzung, die zurecht zum Unwort des Jahres 2013 gewählt wurde. Manchem, der keinen Hunger kennt und keine Angst haben muss, im Winter am Frost zu krepieren, weil zu wenig Heizmittel verfügbar sind, mag das Verständnis für Menschen fehlen, die ihre Heimat verlassen, ohne die fremde Sprache, das fremde System und fremde Erwartungshaltungen zu kennen. Und auch für Menschen mit einer qualifizierten Berufsausbildung, die von ihrem Gehalt nicht würdevoll leben können und daher migrieren, mangelt es an Empathie. Wie in jeder anderen Kultur gilt auch das Mitgefühl der Deutschen in erster Linie ihnen selbst.

Die Angst vor Zuwanderung und Veränderung ist ebenso tief verankert wie schädlich. Davon abgesehen, dass man in deutschen Innenstädten häufiger von Punks mit Hochschulreife als von südosteuropäischen Bevölkerungsgruppen angebettelt wird, ist die Mehrheit der Migranten auf der Suche nach Arbeit. Das ist ihr gutes - europäisches - Recht. Und wir sollten froh sein, dass dieses Recht beansprucht wird.

Ebenso wie die Demografiediskussion um das angebliche Aussterben der Deutschen als empirischer Sondermüll entsorgt werden kann, gehören Agitationen wie "Wer betrügt, der fliegt" (CSU) in den Kehrichteimer der Geschichte. Nicht nur, weil es sich um einen außerordentlich miesen Reim handelt, der im Deutschunterricht einer Förderschule für Lernbehinderte bestenfalls eine Vierminus verdient hätte.

Ich heiße Menschen aus Südosteuropa sowie anderen Himmelsrichtungen ausdrücklich willkommen und ziehe den Hut vor allen, die das Vertraute verlassen und neue Möglichkeiten suchen.

Mit xenophilen Grüßen,
mq

2 Comments:

Blogger DanielSubreal said...

so ist es!

& xenophilie beugt zudem dem "geistigen inzest" vor, einer pathologie, gegen die leider noch immer nicht flächendeckend geimpft wird...

21.1.14  
Blogger mq said...

Freie Antikörper gegen Fremdenfeindlichkeit für jeden! Und freie Fahrt für internationale Gedankenkreuzungen!

23.1.14  

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