Freitag, Juni 13, 2008

Conscientia in vitro

Das Labor befand sich im dunkelsten Keller der Wahrnehmung. R untersuchte sein Bewusstsein in der Tiefe wie eine Larve, die sich durch den Nährboden verwesender Gedanken fraß. In Reichweite der Glasbehälter lagen Skalpelle und andere Sektionsinstrumente, sorgfältig sortiert auf Zellpapier. Die meisten Substanzen im Nährboden stammten von Totgeburten oder von Gedanken, die unmittelbar nach ihrer Geburt gestorben sind.

Während der Versuchsreihen trug R einen Laborkittel, der mit Flecken unbestimmter Farbe und Herkunft übersät war. R starrte in das Mikroskop und protokollierte jede Veränderung, unscharf zeichneten sich die Bewegungen der Larve im Inneren seines Geistes ab. Vor allem wollte R herausfinden, was jenseits der Grenze biochemischer Prozesse passierte.


Das geistige Klima musste konstant kühl bleiben, damit sich die Larve nicht verpuppte. Statistisch betrachtet war es unwahrscheinlich, dass sie sich in ein schillerndes Wesen verwandelte. Bestenfalls schlüpfte ein Nachtfalter, der orientierungslos durch die Dunkelheit taumeln würde, bis er in einem Irrlicht verbrannte. Im schlimmsten Fall wäre es eine Stechmücke, die sich am Bewusstsein anderer nährte.


Indem R weitere Entwicklungsstadien unterdrückte und die Larve nährte, ohne sie fett werden zu lassen, verfügte R über Kontrollmechanismen.


Irgendwann würde R die Larve aus dem Glas nehmen und sie an den Maulwurf seines Unterbewusstseins verfüttern, um anschließend die zerlöcherten, namenlosen Kadaver seiner Gedanken in einem anonymen Massengrab beizusetzen.

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6 Comments:

Blogger Frau H. said...

Empfehle die Anschaffung eines Brutkastens. Wir leben schließlich in modernen Zeiten.

14.6.08  
Blogger Oles wirre Welt said...

Auch Du, Brutus? Äh.

Wunderprächtiger Text, egal, ob bewusst oder unbewusst gelesen. Einer, der immer wieder neu und bezaubernd schlüpft, sich immer neu verpuppt und spannend bleibt

15.6.08  
Blogger MudShark said...

das unterbewusstsein ist also ein aasfresser. wirf diesen gedanken in eine veganerrunde und du endest als brennessel in einer eutrophierten ecke des gartens.

16.6.08  
Anonymous Opa said...

Kann R sich nicht einmal die gemeine Allgäuer Stubenfliege vornehmen?

Sie ist viel aggresiver und erheblich schneller als die Hamburger Spezies.

16.6.08  
Anonymous c.s. said...

wenn der maulwurf des unterbewußtseins vom rasenmäher des überichs gemetzelt wird, feiert das unbewußte ein fest.

18.6.08  
Blogger mq said...

/Frau H.: Ich besitze eine klinische Ausrüstung inklusive Inkubator, um die Findelkinder nach Abgabe in dieser Gedankenklappe hier versorgen zu können.

/Ole: O Cäsar, du verwechselst mich.

/MudShark: ... und ergibst in der Darreichungsform des Brennesseltees ein gepriesenes Mittel gegen Gelenkrheumatismus.

/Opa: Ich fürchte, sie schwirrt bereits in seinem Kopf.

/c.s.: Erntedank mit Hysteriegeschnetzeltem und Psychosensalat als Sättigungsbeilage.

24.6.08  

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