Samstag, Februar 11, 2012

Großes China

Ich bemerkte das Tier erst auf den dritten Blick. Der Hund sah aus wie ein geschrumpfter Bobtail. Verstohlen linste er aus der Handtasche seiner Besitzerin, die sich erkundigt hatte, ob der Platz neben mir noch frei sei. Ein Zug kann völlig überbucht sein, der letzte freie Platz befindet sich garantiert neben mir. Ursachen dafür sind mir nicht bekannt. Jedenfalls besitze ich keine Gesichtstätowierung, lege Wert auf Hygiene, trage keinen Lodenmantel und bevorzuge freundliche Umgangsformen.

Die Frau schätzte ich auf Mitte Fünfzig, und sie trug diese schlichte Art von Kleidung, der man nicht sofort ihren Preis ansieht. Nachdem sie den Bonsaihund abgestellt und sich niedergelassen hatte, fragte ich sie, wie man einen Bobtail schrumpft. Sie sah mich mit aufgerissenen Augen an und antwortete, dass es sich selbstverständlich um einen chinesischen Nackthund handelt. Ich dachte mir, alles klar, einwandfreier Fall von Vollmeisenkaiser, und fragte, ob sie ihm den zotteligen Fellmantel selbst gehäkelt hat. Sie lächelte und erklärte mir, dass bei dieser Rasse nur jeder zweite Wurf nackt geboren wird. Alle anderen chinesischen Nackthunde besäßen Haare. Großes China.

Ursprünglich seien die Nackthunde gezüchtet worden, um Schiffe frei von Ratten zu halten. Mit Seefahrern soll die Rasse nach Europa gelangt sein. In Frankreich wurden die Tiere angeblich von aristokratischen Damen gehalten, da sie gerne auf den Schößen ihrer Besitzer säßen. Angesichts eisiger Temperaturen in Schlossgemäuern fiele das unter Nutztierhaltung. Wenn ich ihn dazu auffordern würde, spränge auch dieser chinesische Nackthund sofort auf meinen Schoß, obwohl ich offensichtlich kein französisches Burgfräulein sei. Das Tier sah mich erwartungsvoll an. Allerdings solle ich unbedingt darauf verzichten, weil sie es nicht möge, wenn ihr Schoßhund sich auf Schöße setzt. Ich war erleichtert, denn zu keinem Zeitpunkt hatte ich daran gedacht, dieses zottelige Wesen zu irgendwas aufzufordern.

Nachdem sie mir Herkunft und Mechanismus des chinesischen Nackthunds erklärt hatte, erhob sich die Frau, um einen Kaffee im Bordrestaurant zu kaufen. Der Hund bleibe brav sitzen, meinte sie, der sei das gewohnt. Als sie entschwand, verließ der Hund augenblicklich die Handtasche und schaute seinem Frauchen hinterher. Wie in Gips gegossen verharrte er zwei Minuten und spazierte dann in Richtung Bordrestaurant, das sich im übernächsten Wagen befand.

Ruckzuck konnte sich dieses winzige Tier in den Weiten und Längen eines ICE verlieren oder in der falschen Tasche verschwinden. Irgendwie fühlte ich mich verantwortlich, weil ich doch inzwischen so viel über chinesische Nackthunde wusste. Ich ging ihm also hinterher, und weil ich seinen Namen nicht kannte, rief ich sowas wie "Hey, hallo Nackthund". Das war ein Riesenspaß für die Menschen im überfüllten Zug. Naturgemäß ignorierte der Hund meine Rufe. Am Ende des Wagons musste er feststellen, dass chinesische Nackthunde keine Schiebetüren in Zügen der Deutschen Bundesbahn öffnen können. Zwischen meinen Beinen hindurch marschierte er wieder in die entgegengesetzte Richtung. Gelächter von allen Seiten. Jeder amüsierte sich über diesen Idioten, der nichtmal einen Hund von der Größe einer Wärmflasche unter Kontrolle hatte.

Ich erwischte den Köter, nachdem er auf seinen Platz gesprungen war und nachsah, ob sich sein Frauchen inzwischen in ihrer Handtasche befand. Vorsichtig hielt ich das filigrane Tier zwischen Daumen und Zeigefinger am Halsband. Nachdem ich mich wieder gesetzt hatte, sprang der behaarte chinesische Nackthund sofort auf meinen Schoß und rollte sich zusammen.

Wenig später traf auch seine Besitzerin wieder ein. Sie sah mich vorwurfsvoll an, nahm den Hund von meinem Schoß und ließ ihn in der Handtasche verschwinden.

Ich weiß nicht, ob es stimmt, dass jeder zweite Wurf des chinesischen Nackthunds ein Fell besitzt. Diesen Informationsballast will ich jedoch keinesfalls durch leichtfertige Wahrheitsfindungsversuche gefährdet wissen.

Samstag, Februar 04, 2012

Sieben Scheiben

Vor ein paar Tagen stand ich im Supermarkt an der Käsetheke neben einem graubärtigen Mann. Der Alte trug einen Pelzmantel und ließ sich die Milchprodukte erklären. Ich erfuhr Details über Erzeugung, Aufzucht und Pflege des gesamten Käsesortiments. Die Verkäuferin kam unter ihrem weißen Häubchen in Fahrt und hielt ausführliche Fachreferate. Graubart und das Häubchen trieben sich gegenseitig zu Höchstleistungen an. Er dachte sich absurde Fragen über Lagerbedingungen, Reifegrade oder Kräuteranteile aus, und sie fand die ungeheuerlichsten Antworten.

Ich stand daneben und staunte so sehr über die Fähigkeit der Menschen, vollständig auf ihrem innersten Planeten zu leben und dennoch miteinander in Kontakt zu treten, dass ich die Inhalte des Dialogs kaum wahrnahm. Mir fiel nur auf, dass der Mann bei ungefähr jeder dritten Käsesorte eine Bestellung über sieben Scheiben aufgab, was sich aus seinem Mund anhörte wie "Siwwe Scheiwe". Ich hörte also einen für mich zusammenhanglosen Käsewortbrei und zwischendurch immer "Siwwe Scheiwe".

Die Zeit verging. Oder vielleicht wurde sie auch angehalten. Ich befand mich unter einer Käseglocke. Die Welt verwandelte sich in einen Camembert, der alles mit seinem Schimmel überzog. Und ich dachte mir, wenn ich noch einmal dieses "Siwwe Scheiwe" höre, verliere ich meinen Verstand und werde wahnsinnig.

Da war es wieder. "Siwwe Scheiwe". Viel zu laut, mit dem Zittern eines Irren in der Stimme, fiel ich dem Häubchen ins Wort und sagte zu dem Mann: "Die Sieben ist wohl Ihre Lieblingszahl?" Die beiden schauten mich mit aufgerissenen Augen an, es wurde vollkommen still. Man hätte einen Käsewürfel fallen hören können. Ich dachte mir, jetzt ist es soweit, jetzt werden Zombiefilme Wirklichkeit. Die Käsethekenzombies.

Dann schien es plötzlich, als fielen die Verkäuferin mit dem weißen Häubchen und der Mann mit dem grauen Bart in sich zusammen. Sie fragte, ob er noch weitere Wünsche hätte, was er verneinte. Die Käseliturgie hatte ein jähes Ende gefunden. Nachdem sie den Kassenzettel an die Papiertüte getackert und den Käse über den Tresen gereicht hatte, wendete sie sich mir mit ausdruckslosem, abgestumpftem Gesicht zu und erkundigte sich nach meiner Bestellung. Hurra. Ich war zurück im Supermarktalltag.

Gestern sah ich den Mann wieder. Er stand neben mir, im selben Supermarkt, vor einem Kühlregal. Mich erfasste ein eisiger Schauer. Dabei konnte ich mich nicht festlegen, ob die Kälte von dem Graubart oder vom Kühlregal ausging. Er nahm mich nicht wahr, während er Joghurtetiketten las. Nur Zombies lesen Joghurtetiketten, dachte ich. Dann nahm er mehrere Joghurtbecher derselben Sorte aus dem Regal und packte sie in seinen Einkaufskorb. Ich zählte mit. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Als er sich abwendete, sagte ich, eher zu mir selbst: "Das waren nur sechs." Daraufhin drehte er sich mechanisch um und nahm einen weiteren Joghurt. Essen Zombies Himbeerjoghurt? Er warf mir einen Blick zu, und jetzt war ich mir sicher, dass die Kälte nicht vom Kühlregal ausging.

Donnerstag, Februar 02, 2012

Sehr geehrte Gedanken,

auch wenn ich nicht weiß, woher ihr kommt und wohin ihr wollt, heiße ich euch als Gäste in meinem Kopf willkommen. Zum einen bleiben mir sowieso kaum andere Möglichkeiten, zum anderen wäre ein Leben ohne euch unvorstellbar. Das denke ich zumindest, übrigens ausschließlich mit eurer Unterstützung.

Denke ich euch oder denkt ihr mich? Seid ihr ich, oder bin ich nur ein kleiner Teil von euch? Manchmal erscheint ihr mir so fremd, dass ich euch nicht als Teil von mir betrachte. Ihr scheint euch ständig selbst zu erschaffen und seid doch nur ein Ergebnis von organischen Prozessen. Wenn es mich nicht mehr gibt, findet auch ihr ein Ende.

Einige von euch sind mit schwindelerregendem Tempo unterwegs, so dass ich sie auf ihrer Durchreise nur andeutungsweise oder verschwommen wahrnehme. Andere nisten sich als Untermieter wohnlich bei mir ein. Manche benehmen sich völlig daneben, besitzen keine Umgangsformen, sind laut, ordinär, pöbeln und stinken. In den seltensten Fällen führt eine Räumungsklage zum Ziel. Ich akzeptiere die Kopfbesetzer, wie sie kommen und irgendwann auch wieder gehen.

Und manche von euch vermisse ich, schon bevor sie sich verabschieden. Beim Versuch, sie festzuhalten, bin ich auf unzulängliche Sprachen angewiesen. Auf dem Weg vom Kopf in den Mund oder die Hand verändern sie sich. Sie erlauben meiner Sprache nur, was ihnen gefällt. Wenn ich sie dann mit anderen Köpfen teile, pflanzen sie sich darin fort oder verrotten im Kompost der Gedanken.

Am liebsten schreibe ich sie mit einer Möwenfeder in den Sand einsamer Strände, kurz bevor die Flut kommt.

Mit (ge)dankenden Grüßen,
mq

Montag, Januar 30, 2012

Steckbrief

Wogende Gezeiten aus Gedanken, gemurmelt, gesprochen, gesummt, geflüstert, gesungen, gebrummt, geschrien, gelacht, gestöhnt, gelallt, geatmet, gekrischen, geschnalzt, gezischt, gebrüllt, gehaucht, gestammelt, geseufzt, gelitten, gejubelt und geschrieben in unzähligen Sprachen. Billiarden Berührungen. Geschäfte. Kaugummi auf der Unterseite einer Tischplatte. Gewalt. Abfolge von Nacht und Tag. Quarks und Galaxien. Zustände von Energie. Wachstum und Zerfall. Stoffwechselprozesse in Biomasse. Bewusstsein und Betäubung. Willen und Gleichgültigkeit. Jede Variation. Von Allem.

Sollte Ihnen das beschriebene Sobjekt begegnen, nehmen Sie es gefangen. Nicht tot, sondern lebendig. Hohe Belohnung ausgesetzt.

Mittwoch, Januar 11, 2012

Zu Gast in Mandels Büro

Begeben Sie sich nach Paris. Unternehmen Sie einen Spaziergang durch La Défense (oder von mir aus durchs Marais, wenn Sie sich dort wohler fühlen), und besteigen Sie anschließend den späten Nachtzug nach Berlin. Wenn es noch Raucherabteile gäbe, würde ich empfehlen, eine Romeo y Julietta Mille Fleurs anzuschneiden und einen Portwein zu entkorken, den Sie aus der Flasche trinken. Es darf auch ein Gin der Marke Beefeater sein, dann aber bitte im Glas. Dabei lehnen Sie sich zurück in den abgewetzten Samtsitz und verbringen die Fahrt mit einem Besuch in "Mandels Büro", dem Debütroman von Berni Mayer.

Max Mandel und Sigi Singer sind ehemalige Musikredakteure, die das Erbe von Mandels Onkel antreten und dessen Büro für private Ermittlungen übernehmen. Während die Perspektive eines Ich-Erzählers in den meisten literarischen Fällen unerträglich ist, wendet Berni Mayer einen überzeugenden Kniff an, indem er seinen Ich-Erzähler Singer nicht nur die eigenen Gedanken widergeben lässt, sondern mit dessen Stimme vor allem die Erlebnisse der Hauptfigur Mandel schildert. Über weite Textstrecken wird mittels dieses Ego-Tricks in der Dritten Person erzählt - eine ungewöhnliche Erzähltechnik, bei der verschiedene Wahrnehmungswinkel miteinander verschmelzen.

Gleich auf der ersten Seite wird man vom bitterschönen Wort "Zustandsgruft" eiskalt erwischt. Und sofort nimmt die Geschichte Tempo auf, wie es sich für einen Kriminalroman ziemt. Der Plot ist ein Mix aus Mord im Musikermilieu und Berliner Szenesatire, ausgeleuchtet durch die profunden Kenntnisse Mayers, der die Hintergründe der Musikindustrie aus langjähriger beruflicher Praxis kennt wie die Westentasche des Anzugs, den er auf dem Innenklappcover trägt.

Die Sprache ist nicht sparsam, sondern bildhaft, dennoch direkt, pointiert und eingängig. Immer wieder setzt der Autor Akzente mittels Aphorismen. Da sagt Singer im Zusammenhang mit seinem Unbehagen in Altbauten: "Ich bin froh um diese Neubauten. Der zweite Weltkrieg hat dieser Stadt nicht nur geschadet." Weniger provokant ist eine elementare Frage angesichts unzähliger Band Revivals, die uns seit Jahrzehnten plagen und die Popgeschichte verstopfen: "Welche Band löst sich denn heutzutage noch ernsthaft auf Dauer auf?"

Man soll die Leser da draußen vor den Bildschirmen nicht mit ausschweifenden Interpretationen anöden. Deswegen verrate ich nur noch kurz das Ende des Romans und die Auflösung der Geschichte. Oder vielleicht lieber doch nicht. Dafür soll wenigstens die Frage beantwortet werden, warum man den Kriminalroman "Mandels Büro" ausgerechnet im Nachtzug von Paris nach Berlin lesen sollte: Die 336 Seiten schaffen Sie aufgrund des kurzweiligen Stils auch auf der Strecke zwischen Frankfurt und Berlin, aber unterwegs will man zuweilen aus dem Fenster in die Finsternis starren. So mache ich das jedenfalls bei Nachtfahrten. Und dann könnte es knapp werden, falls man sich für einen längeren Moment in der Finsternis verliert. Fahren, fliegen oder gehen Sie, wohin Sie wollen. Und packen Sie "Mandels Büro" in Ihre Reisetasche.

Jetzt ärgere ich mich zum Schluss ein wenig, weil ich ursprünglich irgendeine negative Kleinigkeit unterbringen wollte, damit die Kritik glaubwürdiger daherkommt. Aber mir fällt nichts Negatives ein. Besorgen Sie sich halt das Buch und erfinden Sie selbst irgendwas Negatives, wenn es Sie beruhigt.

>> Trailer zum Buch
>> Lesung am 17.1.2012

Samstag, Dezember 31, 2011

Freundschaft mit Fremden



Kein Teilnehmer sollte wissen, an welchem Ort er aufwachen würde. So lautete die einzige Spielregel.



Rückenschmerzen, als er die Augen aufschlug.



In der Nähe war ein Wasserbecken. Außer Pflanzen kein Leben, Steine wie von Riesenhand übereinander geschichtet.



Ein Fluss. Das Donnern in der Ferne passte nicht zum unschuldigen Blau des Himmels.



Immer wieder fand er von Menschen hinterlassene Zeichen.



Spuren längst untergegangener Zivilisationen.


 

Er wollte sich einen Überblick verschaffen.



In Stein gehauene Treppen erleichterten den Aufstieg.



Ein Land wie in Gullivers Reisen. Ein anderer Planet.



Zwei Tage folgte er einer Straße. Trotz bebauter Felder begegnete er niemand. Er begann, die Entscheidung zu bereuen.



War das Spiel schon verloren?


***

---
Nachbemerkung
Die Geschichte war unter dem Titel Hampi bereits auf meiner ersten Website Mitte der Neunziger zu lesen.
Es gibt viele Orte, die mich beeindruckt haben. Im Grunde beeindruckt mich beinahe jeder Ort. Ich bin ein Liebhaber von Orten. Die Gegend um das indische Dorf Hampi, unter dem Namen > Vijayanagar einstmals Zentrum eines riesigen Reiches, hat die stärksten Eindrücke in mir hinterlassen. Nach jedem Besuch dieser Landschaft mit den bizarren Gesteinsformationen, weit verstreuten Tempelruinen und schillernden Eisvögeln am Fluß blieb ein anderes Gefühl.

Mittwoch, Dezember 21, 2011

Neo!?azi

Es ist nur eine Kleinigkeit. Ich wusste, dass der Webspace hinter neobazi.net nach dem Tod des Seebloggers und Freundes Opa Edi entsprechend seinem testamentarischen Wunsch längst leergeräumt war. Wie erwartet, hatte inzwischen ein Domaingrabber zugeschlagen und bietet die Adresse nun zum Kauf an. Als ich die URL kürzlich aus sentimentalen Gründen aufrief, prangte über dem werblichen Inhaltsbereich ein Header mit einem Foto von Kriegsgräbern. Auf den zweiten Blick fiel mir der Titel der Seite ins Auge:


Wenn man weiß, dass Edi sich mit vielen Beiträgen auf seinem Weblog gegen Rechtsextremismus engagiert hat, erscheint dieser Zusammenhang grotesk. Eine ehemals antifaschistische
Plattform wird als mögliche virtuelle Heimat für Neonazibratbirnen angepriesen. Wie die Whois-Abfrage ergibt, handelt es sich beim derzeitigen Domaininhaber um das amerikanische Unternehmen Domains by Proxy, Inc. aus Scottsdale, Arizona:

Registrant:
Domains by Proxy, Inc.

DomainsByProxy.com
15111 N. Hayden Rd., Ste 160, PMB 353
Scottsdale, Arizona 85260
United States

Registered through: GoDaddy.com, LLC (http://www.godaddy.com)
Domain Name: NEOBAZI.NET
Created on: 11-Mar-10
Expires on: 11-Mar-12
Last Updated on: 02-Jul-11

Administrative Contact:
Private, Registration NEOBAZI.NET [ät] domainsbyproxy [dotcom]
(Anm.: E-Mailadresse wg. Spyders von mq bearbeitet)
Domains by Proxy, Inc.
DomainsByProxy.com
15111 N. Hayden Rd., Ste 160, PMB 353
Scottsdale, Arizona 85260
United States
(480) 624-2599 Fax -- (480) 624-2598

Technical Contact:
Private, Registration NEOBAZI.NET [ät] domainsbyproxy [dotcom]
(Anm.:
E-Mailadresse wg. Spyders von mq bearbeitet)
Domains by Proxy, Inc.
DomainsByProxy.com
15111 N. Hayden Rd., Ste 160, PMB 353
Scottsdale, Arizona 85260
United States
(480) 624-2599 Fax -- (480) 624-2598

...
in der Privacy Policy unter neobazi.net (Seitenende) wird eine weitere Firma genannt:

NA Media Programs
Box 10518 A.P.O.
Grand Cayman, Cayman Islands.
KY1-1005

Beim Gedanken, einen Brief an das genannte Postfach auf den Cayman Islands zu schicken, bricht vermutlich jedes vernunftbegabte Lebewesen in schallendes Gelächter aus. Auch wenn die Aussichten auf eine Antwort gering erscheinen, habe ich u.s. E-Mail über das >Support-Formular des Inhabers Domains by Proxy sowie an die Adresse
NEOBAZI.NET [ät] domainsbyproxy [dotcom] gesendet. 

Für mich ist es keine Kleinigkeit. 
Obwohl in den USA sogar Internetkloaken wie americannaziparty [dotcom] toleriert werden.

--
E-Mail an
Domains by Proxy:

Dear ladies and gentlemen,

I recently discovered that you offer the domain neobazi.net for sale. Edi Henn, the former owner aka Opa Edi, has died three years ago and should have no further interest in maintaining a website. But I do not consider it appropriate that the title of the dummy homepage you put on neobazi.net is saying 'Neobazi.net - The Leading Neo Nazi Site on the Net.'

In the German blogger community, Opa Edi was well known as an Anti-Fascist. The name he had chosen for his weblog has absolutely nothing to do with any Neo Nazi activities or attitude. 'Bazi' is the Bavarian word for a grumpy person, and as Edi had a strong sense of humour, he used the artificial expression 'Neobazi' in a satirical way.

I have thought about buying the domain to delete this nonsense title content myself but that would appear to me like picking over the bones. On the other hand, the title might be just an automatically generated mistake (?)

Quite a few people over here in Germany would highly appreciate if you kindly change this particular title - as fascism is not an opinion, but a crime against humanity. This change would be a little piece of work for you but a great symbol of American tolerance.

Please find this letter and an article (German) about the issue on my weblog: http://frischerfischvonvorgestern.de

I am looking forward to hearing from you soon.

With best regards from Frankfurt, Germany,
Markus Quint
--

Freitag, Dezember 16, 2011

In die Neue Welt

"Il y a un autre monde mais il est dans celui-ci." (Paul Éluard)

Düsternis hatte sich am tonnenschweren Firmament verdichtet, und das graue Licht verlangsamte jede Bewegung. Irgendwann würden die Wolken wie bröckelnder Zement zerfallen und alles unter sich begraben. Beim Gang durch die ausgestorbenen Gassen bewegte R sich in Richtung seiner innersten Stadt. Dabei verlor R die Erinnerung an vertraute Adressen. Noch war alles bekannt: der Müll in jeder Tonne und die Abfahrtzeiten an den Haltestellen seines geistigen Nahverkehrs. Kaltes Blut pulsierte im Rhythmus der Einsamkeit.

R war auf der Suche nach einer Grenze, die noch nicht überschritten war. Aus dem Gewirr zog es ihn in die Weite. Irgendwo dahinter musste sich die Neue Welt befinden, ein unerkundeter Kontinent. Und R war sich seiner Schwäche gewahr, zwanghaft vermaß und kartografierte R die fremden Landschaften. Exotik wich der gefräßigen Eintönigkeit, Ernüchterung folgte auf Erregung.

Das Ende der Straße schien in einen blauen Himmel zu führen. R wechselte die Welten. Aber es blieb derselbe Planet.

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Montag, Dezember 12, 2011

Der Geist

Das Klima war in höchstem Maß abweisend. Seine Schutzhülle hatte sich angepasst und eine unauffällige Gestalt angenommen, so dass er wie einer von ihnen aussah. Er spürte die feindliche Hitze durch die Membran. Besiedlungsversuche waren ausgeschlossen, obwohl es einfach gewesen wäre, die heimischen Lebensformen zu unterwerfen. Oder auszurotten.

Der Anordnung von Zone Zero war er nur gefolgt, weil er sich nach der Auseinandersetzung im vorletzten Sonnensystem keine weitere Verwarnung leisten konnte. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er, den Messdaten entsprechend, auf eine Erkundung verzichtet. Jetzt stapfte er lustlos zwischen den gespenstischen Bewohnern dieses Planeten umher und wünschte sich zurück in die schwarze Kälte des Weltalls.

Im selben Moment, als der Blick des Wesens seinen Schutzanzug durchbohrte, wusste er, dass alles zu spät war. Die Hitze fraß ihn auf.

- Mama, ich habe gerade einen Geist gesehen, sagte das kleine Mädchen mit dem Lebkuchenherz.
- Wie kommst du denn auf sowas?
Die Frau wollte ihre Tochter weiterziehen durch die Holzbudenhektik des Weihnachtsmarkts.
- Der Mann ist plötzlich verschwunden, als ich ihn angesehen habe, und dann habe ich einen eisigen Hauch auf meinem Gesicht gespürt.
- Das ist der Winter, mein Schatz.

Für einen winzigen Moment hatte die Schutzhülle im Schnee bläulich geglüht, dann war auch sie verschwunden.

Dienstag, Dezember 06, 2011

Alphabet der Aufzugskonversation

Der fabelhafte Tomi Ungerer hat sich in den 1960er Jahren laut eigenen Angaben damit vergnügt, in New Yorker Fahrstühlen ein tragbares Tonbandgerät mitzuführen; damit spielte der Illustrator obszöne Geräusche ab, die er zuvor während nächtlicher Rendezvous aufgezeichnet hatte. Wenn man sich hierzu Ungerers breites Grinsen vorstellt, handelt es sich zweifellos um den Königsweg zur Überbrückung des peinlichen Fahrstuhlschweigens. Zeitgenossen, die über einen geringer ausgeprägten Grad von Exzentrik verfügen, bietet das nachstehende Alphabet der Aufzugskonversation ein Themenspektrum.

A
"Alles klar?" (Beknackte Worthülse und perfekte Vorlage für eine mindestens ebenso beknackte Reaktion. Vgl. Varianten N u. U.)

B
Bundesliga. (Funktioniert gut montags und bei mehrheitlich männlichen Fahrgästen.)

C
Computer. (Hasst jeder. Liebt jeder. Das wichtigtuerisch aufgeklappte Notebook in der Armbeuge unterstützt beim Gesprächseinstieg. Oder auch nicht.)

D
Dichtung. (Die leidenschaftliche Rezitation einer Variante von Goethes "Ein Gleiches" funktioniert sogar zwischen zwei Stockwerken:

Über allen Etagen
Ist Ruh,
In allen Fluren
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Akten liegen auf Halde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Kann in der Vertonung von Franz Schubert auch gähnend vorgetragen werden.)

E
Erkältung. (Thema durch spastischen Niesanfall einleiten.)

F
Fußball. (Diese weiter gefasste Variante von B eignet sich besonders nach Länderspielen, weil dann sowieso jeder Narr glaubt, einen wirren Wortbeitrag abliefern zu müssen.)

G
Geruch. (Thema unbedingt vermeiden, wenn es in der Aufzugskabine nach Alkohol riecht. Eignet sich hingegen gut, wenn Ihnen versehentlich Winde entweichen.)

H
Hackfleisch. (Vgl. M.)

I
Isolationshaft. (Vgl. M.)

J
Juckreiz. (Ausdrucksstarkes Kratzen im - eigenen! - Genitalbereich unterstützt eine Wahrung der persönlichen Distanz.)

K
Kaffee. (Besteigen Sie den Fahrstuhl mit einem Becher dampfenden Kaffee in der Hand, schlürfen Sie kleine Schlückchen und lassen Sie dabei Genusslaute vernehmen. Betonen Sie immer wieder, wie hervorragend dieser Kaffee schmeckt und wechseln Sie dann das Thema zu David Lynch.)

L
Lächeln. (Sie.)

M
Mechanik. (Stellen Sie die Funktionstüchtigkeit das Fahrstuhls auf perfide Art in Frage. Funktioniert gut bei mehrheitlich weiblichen Fahrgästen.)

N
"Na? Alles klar?" (Variante von A für Hyperaktive.)

O
Onomatopöie. (Phonetische Grundlagen eignen Sie sich mittels entsprechender Fachliteratur aus dem Comicladen an, darf in den Aufzug mitgenommen und murmelnd vorgetragen werden.)

P
Politik. (Unbedingt vermeiden. Es sei denn, Sie sind Politiker. Dann können Sie sowieso über nichts anderes sprechen.)

Q
Sprechen Sie über den Betreiber dieses Weblogs, sofern Sie sich von tosenden Begeisterungsstürmen nicht überfordert fühlen. (Quatsch.)

R
Rülpsen. (Gibt den Mitfahrenden das wohlige Gefühl, ein Fehlverhalten großzügig überhören und verzeihen zu können, sorgt im Anschluss für niederschwelligen Bürogesprächsstoff.)

S
"So, so." (Erhält auf jeder Bratbirnenolympiade die Goldmedaille für sinnbefreites Geschwätz, nur durch ein "Sooooo" mit pervertierter Betonung des Vokals zu übertreffen. Der Absender besitzt mit hoher Wahrscheinlichkeit psychopathische Neigungen. Notruftaste im Auge behalten.)

T
Tuberkulose. (Wirksame Waffe gegen peinliches Fahrstuhlschweigen, weil im nächsten Stockwerk alle aussteigen.)

U
"Und? Alles klar?" (Geschwätzige Variante von N.)

V
Verstopfung. (Jeder interessiert sich für Ihren aktuellen Verdauungsstatus. Ggf. kombinierbar mit G.)

W
Wetter. (Gibt es immer, funktioniert immer, genau wie Wochenende.)

X
Wenn Sie an dieser Stelle etwas anderes erwarten als den Vorschlag, auf einem Xylophon herumzuklimpern, bin ich gespannt auf x-beliebige Vorschläge.

Y
Yacht. (Simulieren Sie lautstark ein Handytelefonat mit "Ihrem" Skipper auf Curaçao.)

Z
Zauberei. (Mit kleinen Taschenspielertricks gewinnen Sie Freunde fürs Leben. Fortgeschrittene lassen die anderen Fahrgäste einfach verschwinden.)