06:66 Wecker gibt satanische Geräusche von sich. Drehe mich auf die andere Seite und verfluche den Fusel der letzten Hexennacht.
11:66 Quäle mich aus dem Sündenpfuhl. Teuflische Kopfschmerzen, wird auch nach einer Kanne Stechapfeltee nicht besser. Schwefelfürze.
12:66 Komme vier Stunden zu spät zum Dienst. Trotzdem kein schlechtes Gewissen. Chef lobt mich für miserable Arbeitsmoral.
13:66 Heimliches Blitzschach mit dem Hingerl Alois.
14:66 Wegen Blitzschach Fegefeuer vernachlässigt. Beinahe Abmahnung bekommen, dann doch befördert worden. Zum Glück ist falsch hier richtig. (Die Deppen.)
15:66 Schon wieder Ärger mit Adolf und Saddam. Streiten ständig, wer der Bösere sein darf. Karrieristen.
16:66 Luzifer gehuldigt. Jeden Tag dieselbe Leier, der Hingerl Alois langweilt sich auch schon. Aber der hat sowieso keine Perspektiven mehr.
17:66 Feuerabend. Gemeinsam mit Hieronymus Bosch in die Sauna gegangen.
18:66 Beim duschen diabolisches Hühnerauge im Spalt des linken Hufs entdeckt.
19:66 Fernsehen angeschaltet. Qualen nicht ertragen und sofort wieder ausgeschaltet. Das muss die schlimmste Bestrafung für alle Todsünden sein!
20:66 Hörner poliert, Schweif gebürstet und Spielhölle aufgesucht. Am Devil's Dare geflippert: 666 Freispiele.
21:66 Freispiele an Hell's Angels aus der Unterwelt vertickt. Anschließend schwarze Messe besucht. Während Zeremonie eingeschlafen, Religion ist Valium fürs Volk.
22:66 In der Hades Karaoke-Bar Tollkirschencocktail bestellt und satanische Verse gesungen.
23:66 Am vierten Tollkirschencocktail verschluckt und versehentlich Feuer gespuckt. Dabei Teile des Tagebuchs verbr
Die Wahl des Belags hatte sich als richtig erwiesen, mit diesem Schläger würde er auch seinem letzten Gegner ein hohes Tempo aufzwingen. Er war in jeder Hinsicht bestens auf das Turnier vorbereitet und wusste, dass er das Endspiel für sich entscheiden würde.
Er hatte zahllose Bälle verschlissen und mit seiner offensiven Spielweise alle Gegner im K.O.-System bis zum Finale bezwungen. Nervös federte er nun hinter der Plattenkante in den Knien und wischte sich mit seinem schwarzen Schweißband die Stirn. Das gehörte zum Ritual.
Dann griff er nach dem blauen Planeten und konzentrierte sich auf seinen Aufschlag. Er versetzte den Himmelskörper mit einem geschickten Anschnitt in eine Rotation, und während sich der blaue Planet in Richtung des Sternennebelnetzes auf seine Reise zur gegnerischen Seite der Tischtennisplatte machte, setzte sich der Finalist auf einen freien Tribünenplatz. Er würde rechtzeitig an der gegnerischen Seite der Platte stehen, um den blauen Planeten anzunehmen und zurückzuschlagen. Aber das hatte noch ein paar Milliarden Jahre Zeit.
Es war faszinierend, wie oft die Planeten während eines Spiels die Farbe wechselten, bis sie schließlich Risse bekamen. Von den Befindlichkeiten der Kleinstlebewesen auf der Oberfläche bekam er nichts mit. Nur einmal hatte er einen Ball genauer untersucht, aber das Ergebnis war ihm unbedeutend erschienen.
Am Ende spielte er immer nur gegen sich selbst, denn außer ihm gab es keinen Gegner. Und auch das Publikum bestand nur aus Spiegelbildern.
Der Sport hält mich zumindest in Form, dachte er beim Verlassen der Halle. Vor seiner Brust baumelte die Goldmedaille, die er sich während der Siegerehrung selbst verliehen hatte. Plötzlich begann der Boden unter seinen Füßen zu beben, und vor ihm tat sich ein Riss auf.
Der unauffällige, etwa fünfzigjährige Mann trug eine Kassengestellbrille, die er vermutlich aus seiner Jugend herübergerettet hatte, einen Fusselbart und eine dieser braunen Antiklederjacken ohne Ärmel, aber mit vielen Taschen, in denen man kleine Getränkeflaschen, Werbekulis und Zigarettenschachteln verstauen konnte.
Ich saß ihm schräg gegenüber auf der anderen Seite des Mittelgangs, der Platz neben ihm und die zwei Plätze ihm gegenüber waren frei. Als die S-Bahn am Hauptbahnhof hielt, betraten drei junge Frauen den Wagen. Geschätztes Gesamtgewicht rund 330 Kilo, keine war größer als Einssechzig. Sie quetschten sich unter deutlich hörbaren Atemgeräuschen auf die drei freien Plätze.
Ich bekam mit, wie der Fusselbart ein undeutliches "Oh, mein Gott" in sich hineinmurmelte. Sofort keifte ihn eine der fülligen Damen an: - Was soll das denn? Wir wollen doch nur sitzen! Haben wir etwa kein Recht zu sitzen? - Ich hab doch gar nichts gesagt, sagte Fusselbart in einem ruhigen Ton. - Natürlich haben sie etwas gesagt! Oh, mein Gott haben Sie gesagt, ich hab's genau gehört! - Schön, dass wir ein Thema gefunden haben, erwiderte Fusselbart gelassen und schaute aus dem Fenster in die Dunkelheit des Bahnschachts.
Im Lichtkegel der Schreibtischlampe wirkte der Text wie ein Rinnsal aus durchgestrichenen Sätzen, die im Papier versickerten. Vom Starrsinn gegen die Müdigkeit getrieben, bemühte R sich um eine aufrechte Haltung.
Untote Gedanken hatten sich in Leichentücher gehüllt und schwebten durch entlegene Gänge seines Bewusstseins. R lauschte ihrem verzweifelten Atem und dem Geräusch ihrer Ketten. Das graue Licht des Morgens warf Schatten auf die Wortlosigkeit. Sein Körper verweigerte den Schlaf, gleichzeitig wollte sein Geist in der Müdigkeit versinken wie in einem See aus schwarzen Federn - einschlafen und nie wieder auftauchen aus den Tiefen zeitloser Stille.
Aber nach jedem Schlaf wiederholte sich das Erwachen, und jedem Erwachen folgten Variationen von Variationen. Alles verschmolz zu einer konturlosen Masse aus Bedeutungslosigkeit. R hatte Außergewöhnlichkeiten aneinander gereiht, bis sie zu Regeln eines verwechselbaren Alltags geworden waren. Anfangs war jedes Extrem der Beginn einer Steigerung, aber irgendwann stieß R an die Grenzen seiner Vorstellung. Und um die Vorstellungen der Anderen schienen die Grenzen noch enger gezogen.
Der Zauber einer richtungslosen Zukunft hatte sich in berechenbare Banalität verwandelt. Die Inspiration entpuppte sich als ein uneheliches Kind der Monotonie. R konnte Ideen beliebig abrufen, Wirkungen waren die Ergebnisse gezielter Absichten. Denken war eine steuerbare Verkettung biochemischer Prozesse.
Besessen vom Trieb des Jägers und Sammlers schlich sich R in die Festung seines Bewusstseins. R dokumentierte, klassifizierte, ordnete und archivierte. Noch glaubte R an die Existenz unbekannter Kontinente und an die Möglichkeit einer Entdeckung.
zunächst bitte ich um Vergebung, dass ich mich während der letzten paar Milliarden Jahre nicht persönlich in eurem kuscheligen Universum blicken ließ. Aber ich war beruflich unterwegs und musste mich um wichtige Angelegenheiten in anderen Welten kümmern.
Kaum lässt man euch für den Bruchteil einer einzigen universalen Zeitspanne allein, kommen einem nur Beschwerden zu Ohren. Dabei habe ich mir, weiß Gott, reichlich Propheten, Engel, gute Geister, Philosophen, Theologen und andere Übermittler meiner Botschaften ausgedacht. Für jeden Geschmack und jede Glaubensrichtung gab es Angebote - und trotzdem findet das Gejammer kein Ende!
Euch scheint tatsächlich nichts Besseres einzufallen, als die Verantwortung für eure schlechten Launen immer wieder auf mich zu schieben. Eure Gebete stinken zum Himmel! Ich soll an eurem Elend, euren Kriegen und dem ganzen anderen Schlamassel schuld sein, während ihr euch pausenlos in Abgründe bugsiert. Zugegeben, vor der Kulisse naturgesetzlicher Überlegungen ließ ich mich dazu hinreißen, euch mit Ellenbogen und einer großzügigen Portion Kampfgeist und Durchsetzungsvermögen auszustatten. Aber habe ich euch jemals dazu aufgefordert, eure Aggressionen grundlos gegeneinander oder etwa gegen die restliche Biomasse auf eurem Heimatplaneten einzusetzen?
Das Problem bin nicht ich. Leider haben das jene, die mich für eure eigene Erfindung halten, zuerst erkannt. Wenn es der Erkenntnis dient, glaubt an eine Erfindung; wenn es dem Glauben dient, erfindet eine Erkenntnis. Aber verschont mich mit euren Vorwürfen!
Ich gebe meinen Glauben nicht auf, dass ihr irgendwann in der Lage sein werdet, euch anständig zu benehmen und mein Werk umsichtiger zu behandeln. Aber leider steht das nicht in meiner Macht, weil sich sonst garantiert wieder irgendwer in seiner Freiheit beschnitten fühlt. Und vielleicht würde die reine Vernunft sogar euren Untergang bedeuten. Mir kann es jedenfalls egal sein. Wenn ihr eure Welt kaputt macht, erschaffe ich mir bei Bedarf eine neue. Davon lebe ich schließlich, das ist mein Geschäft. Einen anderen Beruf habe ich leider nicht gelernt.
Macht, was ihr wollt, aber fragt mich bitte nicht, was nach euch kommt. Erstens habe ich derzeit nur eine vage Vorstellung davon, und zweitens könnte euch diese Information frustrieren und sich demotivierend auf den Fortpflanzungstrieb auswirken.
Escher starrte auf die Spiegelungen grauer Gesichter im Glas. Betäubt von der morgendlichen Gleichförmigkeit saß er neben einem Ohrstöpselmenschen. Aus dem Kopf des Nachbarn knisterten rhythmische Geräusche.
Mit der Trägheit einer satten Made kroch der Zug durch die Eingeweide der Stadt. Hinter der Finsternis zogen Kabelstränge vorbei, wie Adern verliefen sie entlang der Schachtwand und versorgten die Organe aus Stahlbeton mit Energie. Quer über die Scheibe hatte jemand молоко geritzt. Eine Frau, die Escher gegenüber saß, sonnte sich in der milchigen Beleuchtung. Obwohl sie sich für einen hohen Neonlichtschutzfaktor entschieden hatte, erinnerten die Falten in ihrem Gesicht an verbrannte Landschaften.
Escher schloss die Augen für einen Kurzurlaub in seinem Kopf. Dieses Vergnügen war günstig und bedurfte keiner intensiven Planung. Er nahm sich vor, in einem Zug mit weich gepolsterten Gedanken erster Klasse zu verreisen. Nach einer Fernreise stand ihm nicht der Sinn, daher hatte Escher sich gegen einen Flug entschieden. Um die richtige Haltestelle nicht zu verpassen, wollte er rechtzeitig aus seinen Urlaub zurück sein.
Die Wartehalle des Kopfbahnhofs war menschenleer, am Zeitungsstand bellte ein angeleinter Hund. Auf der Anzeigetafel stand молоко. Ohne einen Blick auf den Fahrplan bestieg Escher den einzigen Zug inmitten einer verwirrenden Anzahl von Gleisen. Er wählte den Platz gegenüber einer Frau, deren Gesicht an verbrannte Landschaften erinnerte.
Langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Schon bald, nachdem der Schaffner ihm eine Fahrkarte ohne Zieleintrag ausgestellt hatte, wurde Escher vom monotonen Schaukeln der Fahrt müde. Verschwommen nahm er die graue Spiegelung seines Gesichts im Fenster wahr. Er schloss die Augen.
Tief in den Windungen seines Unterbewusstseins fuhr der Zug durch einen langen Tunnel. Am Ende des Tunnels beschloss Escher, die Rückreise anzutreten. Er öffnete die Augen.
Als er benommen aus dem Fenster schaute, stellte Escher fest, dass sich der Zug inzwischen durch eine Dämmerung aus schmutzigem Blau bewegte. Die Landschaft war Escher fremd. Für einen Moment überlegte er, wie es wohl wäre, einfach bis zur Endhaltestelle sitzen zu bleiben. Würde man wieder im Kopfbahnhof ankommen? Aber dann bemerkte Escher die knisternden Geräusche und beschloss, an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Dort könnte er auf den Zug in die entgegengesetzte Richtung warten. Oder noch einmal die Augen öffnen.