Dienstag, Oktober 10, 2006

Trialog

- Sprechen Sie.
- Worüber?
- Diese Unterhaltung war nicht meine Idee.
- Meine auch nicht.
- Aber wessen Idee soll es gewesen sein?
- Ich vermute, es war die Idee des Herrn hinter der Tastatur.
- Hinter welcher Tastatur?
- Die mit den Buchstaben und Zeichen. Sie werden doch wohl wissen, was eine Tastatur ist.
- Selbstverständlich weiß ich, was eine Tastatur ist, mein Herr. Aber ich kann keinen Herrn hinter einer Tastatur sehen.
- Natürlich können Sie ihn sehen, denn er existiert in Ihrer Phantasie.
- Wollen Sie damit sagen, dass es diesen Herrn nicht gibt?
- Doch, es gibt ihn. Aber nur, solange wir an ihn glauben.
- Was macht der Herr in unserer Phantasie?
- Er schreibt.
- Ja. Jetzt sehe ich ihn auch. Und was schreibt er?
- Er schreibt über uns.
- Das heißt, er kennt uns?
- Erst seit Beginn dieser Unterhaltung. Aber mit jeder Äußerung lernt er uns besser kennen.
- Im Verlauf einer Unterhaltung lernt man sich automatisch besser kennen, das ist nichts besonderes. Aber er scheint uns zu belauschen, das gefällt mir nicht.
- Sagen Sie es ihm doch.
- Meinen Sie? Aber ich kenne ihn überhaupt nicht.
- Wie sollte er sonst erfahren, dass wir uns von ihm belästigt fühlen?
- Also gut. Hallo, Sie!
- ...
- Er antwortet nicht.
- Versuchen Sie es noch einmal, er wird bestimmt antworten.
- Hallo. Der Herr an der Tastatur, hören Sie mich?
- Ja, bitte?
- Ich empfinde Ihre Anwesenheit als ausgesprochen störend.
- Das weiß ich.
- Woher wollen Sie das wissen?
- Ich habe es soeben geschrieben.
- Wie können Sie darüber schreiben, bevor ich es gesagt habe?
- Ich habe es nicht bevor, sondern während Sie es gesagt haben, geschrieben.
- Protokollieren Sie etwa unsere persönliche Unterhaltung? Sind Sie Stenograph?
- Ich bin gleichzeitig Verursacher und Verfasser des Protokolls.
- Was wollen Sie damit sagen? Verursacher sind der Herr, mit dem ich mich soeben unterhalten habe, bevor ich Sie bemerkte, und ich.
- Sie täuschen sich, denn Sie existieren nur in meiner Phantasie.
- Das sagte der andere Herr auch. Aber über Sie.
- Wo ist ihr Gesprächspartner denn geblieben?
- Ich weiß es nicht. Bevor ich anfing, mich mit Ihnen zu unterhalten, war er noch hier.
- Und jetzt ist er weg.
- Merkwürdig.
- Nein. Er existierte nur, solange ich es wollte und ihm seine Beiträge zur Unterhaltung in den Mund legte.
- Soll das heißen, auch meine Äußerungen stammen aus Ihrem Protokoll und nicht umgekehrt.
- So ist es.
- Mein Herr, Sie scheinen verrückt zu sein.
- Sie wollen mir nicht glauben?

Escher erhob sich von seinem Stuhl und verschwand. Der schwarze Herr blieb stumm, bewegungslos und unvollkommen zurück, wie eine einzelne, in Blei gegossene Letter.

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5 Comments:

Blogger schafswelt said...

Sie scheinen selbst aus den Momenten der Suche noch etwas machen zu können...:-)

11.10.06  
Blogger Scheibster said...

Wohl wahr, dieser Herr kennt das Wort "Schreibblockade" nur aus dem Lexikon.

Und das ist auch gut so.

Das ist wie mit den Göttern, deren Stärke von der Anzahl ihrer Gläubigen abhängt. Oder die Augsburger Puppenkiste für transzendental Fortgeschrittene.

11.10.06  
Blogger Chris said...

wahrscheinlich ist das auch das Geheimnis des Prozesses, darum wurde er angeblich nie vollendet: "Das Gericht will nichts von dir. Es nimmt dich auf, wenn du kommst, und es entlässt dich, wenn du gehst."

11.10.06  
Anonymous eon said...

Wenn ich mal einen deiner Beiträge nicht kommentiere, dann nur weil alles was ich dazu sagen würde, dem Beitrag nicht gerecht würde. Oder ich bin einfach nicht im Netz.

Dieser Kommentar hier existiert nicht.

11.10.06  
Blogger Markus Quint said...

/Schafswelt: Gibt es außer dem ewigen Moment der Suche noch einen anderen Zustand?

/Scheibster: Der Vergleich mit der Augsburger Puppenkiste ehrt mich.

/Chris: Betonung auf angeblich - genau richtig gesetzt.

/Eon: Selbstverständlich lese ich auch gern Kommentare, die überhaupt nicht existieren.

11.10.06  

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