Montag, Oktober 02, 2006

Sie war ein Modell, und sie sah nur gut aus

Ihre grazilen Bewegungen waren von einer unerreichten Anmut. Wenn Li Chong über den Laufsteg ging, bildete ihr Körper eine Symbiose mit den Textilien, der Musik und dem eleganten Licht der Scheinwerfer. Sie verstand es, mit ihren Auftritten eine ideale Atmosphäre im Sinn der Modeschöpfer zu gestalten. Ihre Gagen waren astronomisch, aber aufgrund des Bestellvolumens nach jeder Schau angemessen. Li Chong hatte eine hypnotisierende Wirkung auf die Einkäufer der großen Ladenketten. Ihr großer, und dabei hauchzarter Körper schien auf ein schwebendes Nichts reduziert, so dass allein die Kleider zur Geltung kamen. Kein anderes Mädchen war von einer schmaleren Gestalt, und man fragte sich, ob Li Chong jemals Kalorien zu sich nahm.

Für die Medien war das blasse Mädchen aus dem fernen Osten unerreichbar. Nach jedem Auftritt schien sie sich in Luft aufzulösen, und es rankten sich Mythen um die Persönlichkeit des Supermodells. Im Gegensatz zu Li Chong lösten sich dann jedoch die Mythen in Luft auf.

Dem investigativen Reporter eines Boulevard-Magazins gelang es, nach einer Modenschau in Li Chongs Garderobe vorzudringen. Was er dort sah, ließ ihn im ersten Moment mit seinem Geisteszustand hadern. Der blasse Rumpf des Modells saß auf einem Frisierstuhl, während der Kopf auf einem Metallkoffer lag. Die Augen starrten ihn ausdruckslos an. Nachdem er sich von dem plötzlichen Schock erholt hatte, registrierte er die Kabel. Der Journalist begann sofort, zu fotografieren.

Nachdem sich die erste Aufregung in den Medien gelegt hatte, wurde das Phänomen der künstlichen Modells gesellschaftlich akzeptiert. Eine aufkommende Technikbegeisterung in der Branche brachte es mit sich, dass bald nur noch Androiden auf den Laufstegen zu sehen waren. Wenn es darum ging, die Kollektionen der Designer als wandelnde Kleiderständer auf den Laufstegen der Modemetropolen zu präsentieren, waren die Modelle aus der Fabrikation des chinesischen Elektronikriesen Cybotao an Perfektion nicht zu übertreffen.

Irgendwann erinnerten sich die Medien an die Models aus Fleisch und Blut, und an die Skandale aus dem Privatleben der Mädchen. Die Androiden hatten kein Privatleben und keine Biografie. Es entstand ein Bedarf an menschlichen Kleiderpuppen, hinter denen sich ein Charakter verbarg. Modell wurde wieder zum Traumberuf von Heerscharen magersüchtiger Kinder.

In den Labors von Cybotao löste man auch dieses Problem. Die nächste Generation war mit perfekt skandalösen Persönlichkeiten ausgestattet.

10 Comments:

Anonymous Anonym said...

.
So was passiert, wenn das weise alte Denken des Taoismus in die Cybertechnik heutiger Tage mündet... - Wir sind schon gespannt auf die ganz neue Skandaldimension der chinesischen Cyborg-Modelle!

***

Also wieder eine hochspannende Geschichte, und das sogar an einem Tag, an dem Autor Quint hochoffiziell sein Besäufnis angekündigt hatte... Wie macht er das nur?

Bei dieser scriftstellerischen Perfektion und Produktivität kann ich nur noch eine Vermutung äußern: Markus Quint ist ein genial konstruierter Blogandroid!

***

(Aber jetzt setze ich erst mal wieder aus mit meinen Lorbeeren; sonst leiden am Ende noch die stories drunter...)

2.10.06  
Anonymous Seeblogger said...

Kommentarpause wg. einsetzender Prsönlichkeitveränderung. Keine Lesepause.

2.10.06  
Blogger Markus Quint said...

/MKH: "Markus Quint ist ein genial konstruierter Blogandroid!"
... und er würde nie das Gegenteil behaupten.

/Seeblogger: Als Wiedergänger kenne ich mich mit Persönlichkeitsveränderungen aus. Und schere mich prsönlich einen Scheissdreck darum.

2.10.06  
Blogger Chris said...

Diese mädels wirken in der Tat oft nicht so ganz menschlich; schön finde ich sie trotzdem, da sie dem Antlitz der Welt schmeicheln, auch wenn mir die Magersüchtigen irgendwo leid tun.

3.10.06  
Blogger Markus Quint said...

Produkte einer Gesellschaft, die den Körper zum Werkzeug einer zwanghaften Ästhetik stilisiert. Ich finde diese Mädchen hübsch. Weniger abgemagert fände ich sie noch hübscher, aber dann wären sie als wandelnde Kleiderständer in den Augen ihrer Schöpfer nicht mehr zu verwenden. Schönheit ist in meinen Augen ein anderes Thema.

3.10.06  
Anonymous Anonym said...

Schön, von dem Unterschied zwischen schön und hübsch zu lesen. Das wird jede/r selbst definieren. Ich finde, dass Schönheit ganz anders funktioniert als "Hübschheit": Zeichen der Lebendigkeit spielen eine wesentliche Rolle bei der Unterscheidung...

3.10.06  
Anonymous martha said...

Zuerst gedacht: total verrückter Text. Dann kurz nachgedacht und zum Entschluß gekommen: Noch paar Jahre und es könnte Wirklichkeit sein.

3.10.06  
Anonymous stard said...

jaja martha, irgendwann sind wir alle nur noch virtuelle wesen und unterhalten uns über irgendwelche blogkommentarfunktionen.

VERRÜCKT sind sie. alle miteinander ...

3.10.06  
Blogger MudShark said...

ah. herr q, kennen sie das hier:

Sy Borg
Gimme dat, gimme dat
Sy Borg
Gimme dat, give me the chromium leg,
I beg
Sy Borg
Gimme dat, gimme dat
Sy Borg
Gimme dat, give me the chromium leg,
Little wires, pliers, tires
They turn me on
Maybe I'm crazy
Maybe I'm crazy
Maybe I'm crazy, mon . . .

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4.10.06  
Blogger Markus Quint said...

In seiner Garage parke ich meine Karre gern.

4.10.06  

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