Sonntag, Oktober 08, 2006

Das Unglück im Glück der Adrenalina Pura

Sie war mit ihrem Leben zufrieden. Nachdem Nico aus dem Alptraum ihrer Ehe verschwunden war, kam sie mit den drei Kindern besser über die Runden. In den unberechenbaren Gezeiten seiner Sucht kannte er irgendwann nur noch die Rücksicht auf das Raubtier in ihm, das nach Fütterungen schrie und damit drohte, ihn aufzufressen, wenn seine ständig wachsenden Bedürfnisse nicht gestillt wurden. Die Probleme waren mit jedem neuen Versuch einer Lösung größer geworden. Später erzählte man, dass Nico sich in einem anderen Stadtteil einer bewaffneten Quadrilha, den Manos do Inferno, angeschlossen habe und angeblich für Drogen tötete.

Adriana, die wegen ihrer gutmütigen Art, sich zu bewegen und zu sprechen, unter dem ironischen Spitznamen Adrenalina über die Grenzen der Nachbarschaft bekannt war, wurde mit Nicos Weggang auch vom Pech verlassen. Sie fand eine bessere Arbeit im Haushalt eines europäischen Diplomaten, und obwohl sie jeden Tag lange Busfahrten in Kauf nehmen musste, um von ihrer Favela in den anderen Teil der Stadt zu kommen, hatte sie das Gefühl, dass ihr Weg aufwärts führte.

Mitten in die Zufriedenheit platzten zwei Herren, die graue Anzüge und elegante Schuhe trugen. Mit ernsten Gesichtern sahen sich die Männer im einzigen Zimmer des schlichten Hauses um, wo der kleine Luíz auf dem Lehmboden spielte. Dann teilten sie Adrenalina eine Nachricht mit, die auf einer verschwindend geringen, mathematischen Wahrscheinlichkeit beruhte.

- Senhora Pura, ihre Losnummer wurde gezogen.

Adrenalina liebte es, beim Jogo do bicho um kleine Einsätze zu spielen. Manchmal kreuzte sie das richtige Tiersymbol an und gewann ein paar Reais. Außerdem kaufte sie regelmäßig ein Los für die staatliche Lotterie. Aber beim Spiel um das große Geld zählte nur die Illusion, um die man sein Leben bereicherte, und nicht die tatsächliche Chance auf unvorstellbare Gewinne. Adrenalina erschrak, als einer der grauen Männer die Summe nannte.

Kaum waren die Boten des Glücks verschwunden, standen die Medien vor der Tür. Und noch bevor der erste Artikel in der Zeitung über Adrenalinas Glück erschien, tauchte Nico aus dem Schatten der Manos do Inferno auf. Er machte Ansprüche geltend, und Adrenalina gab ihm Geld. Aber er empfand Adrenalinas Reichtum als Demütigung. Eines Nachts erschlug er sie mit einem Ziegelstein. Jeder wusste, wer der Täter war. Jeder drehte den Kopf zur Seite, wenn Nico vorbeiging. Jeder wollte überleben.

Da er Adrenalinas Ehemann und damit ihr nächster Angehöriger war, erbte er das gesamte Vermögen. Noch bevor seine Kinder im Heim landeten und Nico verschwinden konnte, fand man ihn mit einem Kopfschuss auf der Müllkippe. Nach seinem Tod betrachteten sich die Manos do Inferno als nächste Angehörige, und das Geld kehrte wieder in den üblichen Kreislauf zurück.

(Diese Geschichte ist vollständig erfunden. In der Realität würde so etwas aufgrund der verschwindend geringen, mathematischen Wahrscheinlichkeit vermutlich nie passieren.)

9 Comments:

Blogger Chris said...

es ist immer wieder schön - und beruhigend - Sie (dich?) zu lesen! Diese Geschichte soll wohl auch ein Beispiel dafür sein, dass Geld großes Unglück bringen kann. Wahrscheinlich wird mehr Unglück durch Geld verursacht als Glück. Man halte sich einfach das Verhältnis von arm zu reich in unserer Welt vor Augen und die Ursachen für den Reichtum. Insofern ist es eigentlich ein Glück für die Menschen, nicht zu gewinnen in solch einer Lotterie; wer nicht gewinnt, dem ist, an der Wahrscheinlichkeit gemessen, Fortuna wirklich hold.

8.10.06  
Anonymous Phil said...

Leider sind solche Geschichten oft näher an der Realität, als vermutet. Man muss nur das Los durch andere materielle Dinge ersetzen.

9.10.06  
Anonymous eon said...

"...oh ich würd so gerne mal nach Brasilien! Die Leute sind da so lebenslustig und frei."
O-Ton: eine Dame, die ich kenne

aus der Kategorie: In welcher Welt leben Sie denn?!

9.10.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Irgendwie ist es nie gut, wenn das Schicksal einen unter Millionen anderen auswählt.
Im übrigen fühle ich mich an die bonbonfarbigen Amerikaner erinnert, die in Kingston oder Downtown Mo'bay mit der dicken Nikon vor dem Bauch eine Wassermelone mit einem 50-Dollar-Schein bezahlen. Kann man da Mitleid mit den Überfallopfern haben?

9.10.06  
Blogger Markus Quint said...

/Chris: Dich. Für die Bedeutung von Besitz knüpft sich jeder ein persönliches Wertesystem. Es ist sehr gut nachvollziehbar, dass in bitterarmen Gegenden große Hoffnungen an Lotterielose und bunte Vorstellungen an materiellen Reichtum geknüpft sind.

/Phil: Zynismus gehört nicht zu meinen bevorzugten Methoden, aber ich konnte mir den Nachsatz nicht verkneifen.

/Eon: Oh, wie schön ist Panama.

DGT Steini: Mein Mitleid gilt eher denen, die der Versuchung widerstehen müssen.

9.10.06  
Anonymous ttr said...

Mal wieder eine sehr quinteske Geschichte - die Hauptakteure sind am Ende stets entweder viel unglücklicher als am Anfang, oder gar tot.
PS: Ich möchte deinen Schreibrythmus und die Thematik nicht beeinflussen, aber wann wird an die Karosserie des tarnfarbenen Porsche das nächste Teil angebracht? :)

10.10.06  
Anonymous eon said...

Tipitipitipso, beim Calypso ist dann alles wieder gut..

10.10.06  
Blogger  said...

In der Realität gibt es auf Grund der verschwindend geringen mathematischen Wahrscheinlichkeit auch keine Favelas. Und noch nicht einmal Lotteriespiele.
Auf Grund der verschwindend geringen mathematischen Wahrscheinlichkeit gibt es nämlich erst gar keine Realität.

10.10.06  
Blogger Markus Quint said...

/TTR: Danke für die Erinnerung, die nächsten Teile liegen bereits auf Halde.

/Eon: Daylight come and we wanna go home.

/<°((( ~~<: Vollkommen einleuchtend. Man muss der nicht existierenden Realität einfach mal ins Auge sehen.

10.10.06  

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