Freitag, September 29, 2006

Eine Ikone des Islam, T.error.east und die Ära des Automaten-Remotismus

Sobald er, umrahmt von einem göttlichen Inferno, ins Paradies eingezogen wäre, würde den Nachfolgenden nur die Hoffnung bleiben, dass für den Zeitpunkt der Beendigung ihres eigenen irdischen Daseins noch ausreichend Jungfrauen übrig waren.

Ali T. war ein Kultstar unter den Terroristen. Es existierte nur ein einziges Phantombild von Ali T., das nach widersprüchlichen Aussagen konstruiert worden war und sowohl internationale Fahndungsplakate, als auch die Wände islamistischer Jugendzimmer schmückte. Seit er sich zu dem legendären Anschlag in der Pariser Metro bekannt hatte, stiegen die Einnahmen für Fanartikel in himmlische Sphären, und Ali T. wurde zur Ikone des Islam. Vom Schlüsselanhänger bis zum Dameslip wurden unzählige Produkte mit seinem Konterfei in chinesischen Hinterhöfen fabriziert. Der Erfolg spülte Geld in die Kassen der Bewegung, zusätzlich zu den Mitteln, die mit dem Drogenhandel erwirtschaftet wurden.

Früher wäre einer wie er vielleicht auf der Modewelle des Muslimrap geschwommen, aber er hatte die Gunst der Stunde genutzt und wurde mit der Kunstrichtung des antiwestlichen Terrorismus erfolgreich. Viele wandelten in den desaströsen Fußstapfen ihres Terroridols, doch sein Stil blieb einzigartig. Seine Aktionen zeichneten sich durch eine maximale Anzahl von Opfern und den Überraschungseffekt der unerwarteten Ziele aus. Er versenkte ein Kreuzfahrtschiff auf der Donau und sprengte ein Riesenrad auf dem Münchner Oktoberfest.

Der Höhepunkt seiner Karriere sollte die Entführung eines Passagierflugzeugs sein, das er nach dem Start in Dubai in seine Gewalt bringen und anschließend in den Frankfurter Hauptsitz der Europäischen Zentralbank steuern wollte. Mit diesem Opfer wäre Ali T. ein Platz zwischen den Jungfrauen im Paradies und Unvergessenheit auf Erden sicher gewesen.

Es gelang Ali T., die Besatzung des Flugzeugs zu überwältigen. Als er jedoch versuchte, sein mühsam in den USA erworbenes aeronautisches Wissen anzuwenden, reagierte die Maschine nicht auf seine Navigationsversuche, sondern änderte den Kurs unbeirrbar in Richtung Mekka.

Zwei französische Teenager hatten aufgrund einer selbstentwickelten Spyware, eines Zufalls, und ihrer Arabischkenntnisse von den Plänen des Ali T. erfahren. Die beiden, die als Hacker unter den Decknamen Circlecubezero und Heavy Mabel agierten, schauten sich triumphierend in die Augen. Dem Virus, den sie T.error.east genannt und über eine Anfrage per Email in das Netzwerk der Fluggesellschaft eingeschleust hatten, war es gelungen, sich durch sämtliche Firewalls zu fressen und im System des Fluges ISL7777 die Steuerung mit den Zielkoordinaten der Kaaba zu übernehmen.

Den Abfangjägern vom Typ MIG-31 hingegen gelang es nicht, ISL7777 vor der Detonation im zentralen Heiligtum des Islam vom Himmel zu holen. Mit weit aufgerissenen Augen sah Ali T. die Kaaba auf sich zukommen, bevor er verglühte, und sein ausgelöschtes Bewusstsein keine Gelegenheit mehr erhielt, zu erfahren, dass es keine Jungfrauen nach dem Tod gab. Zusammen mit Ali T. starben dreitausend Moslems, die eigentlich nur die vorgeschriebenen sieben Runden gegen den Uhrzeigersinn um die Kaaba pilgern wollten.

Anhand der Passagierlisten und aufgezeichneten Bordprotokolle wurde der Mann im Cockpit als der weltweit gesuchte Terrorist Ali T. identifiziert. Seine Vorbereitungen konnten zurückverfolgt werden, zwei Komplizen wurden verhaftet. Der Westen erklärte das Unglück mit der narzisstischen Geistesgestörtheit des Ali T., die islamische Welt machte die CIA und den Mossad verantwortlich.

Circlecubezero und Heavy Mabel veröffentlichten Teile des Quellcodes von T.error.east anonym im Internet, um ihr Wissen anderen Hackern für die weitere, kreative Bearbeitung zur Verfügung zu stellen. Sie hatten Ali T. zur Strecke gebracht und wurden zu geheimen Helden von abendländischen Untergrundgruppierungen. Mit ihrer Vorgehensweise hatten sie außerdem eine neue Kunstrichtung des Terrors begründet, die lange Zeit später als Ära des Automaten-Remotismus in die Geschichte eingehen sollte.

Zwei Jahre nach ihrem Anschlag starben Circlecubezero und Heavy Mabel bei der Kollision eines Schnellzuges mit mehreren Güterwaggons, die sich auf einem Abstellgleis zwischen Lyon und Marseille befanden. Der Virus, über den die Steuerelektronik der Weiche manipuliert wurde, nannte sich T.error.west046 und war eine Binovular-Software von T.error.east. Zum Zeitpunkt des Unglücks gingen bereits neue Viren auf die Suche nach Anschlagszielen. Die Programme waren inzwischen in der Lage, sich selbständig weiterzuentwickeln und verteilten sich in alle Netzrichtungen.

11 Comments:

Anonymous Nomak said...

Erschreckende Vision.

30.9.06  
Blogger Chris said...

Coole story, Mr. Quint! Die Frage ist, ob es tatsächlich möglich ist, wenn der Autopilot ausgeschaltet ist, Zugriff auf die Steuerung zu bekommen. Wäre mal interessant zu wissen. Würde völlig neue Dimensionen in der Terrorabwehr eröffnen!

30.9.06  
Blogger mkh said...

Die abgespace-te Fassung von "wer andern eine Grube gräbt..."

1.10.06  
Blogger Markus Quint said...

/Nomak: Nicht für Segelflieger.

/Chris: Es sind voneinander unabhängge Systeme. Aber kein System funktioniert ohne Software, die Kreativität des Vorgangs liegt darin, den Angriff auf dem richtigen (Um)Weg zu platzieren, vielleicht über die software-seitige Manipulation eines Instruments zur Wartung des manuellen Steuersystems ...

/MKH: Irgendwann besteht unsere Welt nur noch aus Gruben, aber die Gräber schaufeln wir uns selbst.

1.10.06  
Anonymous Murphopa said...

Die Herren visionieren alle nicht weit genug. Es kommt IMMER anders, als man denkt.

Erkenntnisse des BaziND nach ausgiebigem Studium Golombscher Merksätze zur Anwendung mathematischer Modelle:

4) Verwechseln Sie nie das Modell mit der Realität. Merksatz: Versuche nicht, die Speisekarte zu essen.

Wenn Biblis hochgeht, ist das Problem mit den Teenie-Hackern auf absehbare Zeit gelöst.

1.10.06  
Blogger Markus Quint said...

+ es kommt immer SCHLIMMER, als man denkt. 4. trifft zu, kann in diesem Zusammenhang ergänzt werden um 6. und 10.

1.10.06  
Anonymous ttr said...

Die Macht der viralen künstlichen Intelligenz ist einfach nicht zu unterschätzen. :(

1.10.06  
Blogger Scheibster said...

Da sollten die Wachowskis aber neidisch sein, jedenfalls, wenn sie etwas mit den Coen-Brüdern hätten produzieren wollen.

Unauffällige Frage: Wer ist das? :-)

https://www.openbc.com/hp/Markus_Quint/

2.10.06  
Blogger Markus Quint said...

/TTR: Obwohl es ruhiger um das Thema geworden ist, glaube ich, dass diese Macht wächst.

/Scheibster: Das war ich auch mal im Zuge der Vergangenheit. Alle einsteigen, Türen schließen.

2.10.06  
Anonymous eon said...

Sehr schöne Geschichte. Genau mein Fall! In vielerlei Hinsicht.

4.10.06  
Blogger  said...

Genau MEINE Rede, die ganze Zeit schon: This is the end of the world as we know it... die Schöpfung wendet sich gegen ihren Schöpfer - und am Ende kucken beide in die Röhre.

Oder ist das zu pessimistisch?

10.10.06  

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