Montag, Oktober 23, 2006

Auf dem Dachboden der vergessenen Gedanken

Während im Hintergrund 4'33 von John Cage lief, war Escher in den lautlosen Tiefen seines Ohrensessels versunken und versuchte, die Zirkelschlüsse auf der Mustertapete zu enträtseln, indem er über die komplexe Geometrie der Formen in die entlegenen Kammern seiner Wahrnehmung kletterte. Dort fand er, mitten in einem Raum aus dunkelblauem Samt, eine Wendeltreppe selten benutzter Nervenbahnen. Laut Beschilderung führte dieser Weg auf den obersten Dachboden seines Gehirns. Das Schild wies zusätzlich darauf hin, dass ein Betreten der Treppe für Unbefugte verboten sei.

Zuerst erschien ihm der Weg riskant, denn an der Treppe war kein Geländer, und die verstaubten Stufen knarrten wie die Planken eines Geisterschiffs, das nach endloser Fahrt am Rand der Zeit gestrandet war.
Aber mit jedem Schritt spürte Escher seine Zuversicht steigen. Ungezählte Stufen später schaute er für einen Moment nach unten und glaubte, einen Mann zu erkennen, der ihn aus der Ferne an sein eigenes Spiegelbild erinnerte. Als er sich ein weiteres Mal umdrehte, war die Gestalt verschwunden.

Die Treppe endete vor einer verschlossenen Tür. Reflexartig fasste Escher in seine Hosentasche und zog einen Schlüssel hervor, der ihm fremd erschien. Der Schlüssel war altmodisch, wies aber kaum Gebrauchspuren auf. Es war ein roter Faden daran befestigt, an dessen anderem Ende ein Zettel mit der Aufschrift Schädelspeicher baumelte.

Wie von selbst schien sich der Schlüssel im Schloss zu drehen, und die schwere Tür ließ sich ohne Anstrengung öffnen. Noch bevor Escher über die Schwelle trat, kam ihm der nostalgische Geruch einer Dachkammer entgegen, in der Gedanken lagerten, die er vor langer Zeit dort abgestellt hatte. Es gab keinen Lichtschalter, aber durch die Ritzen im Holz zwischen den Dachbalken drangen schmale Strahlen, in denen der aufgewirbelte Staub tanzte. Mit Hilfe dieses schwachen Lichts konnte er die Gedanken in seiner unmittelbaren Nähe schemenhaft erkennen. Als Escher sich langsam in den Raum vortastete, hörte er, wie hinter ihm die Tür ins Schloss fiel.

Mit verhaltenem Interesse betastete er längst vergessene Gedanken, über die sich eine farblose Patina seiner geistigen Biografie gelegt hatte. Da war ein Gedanken an Tolstoi im Morgenrock, oder an einen uralten Mann im Stadtpark, der sich von Tauben füttern ließ, und dahinter entdeckte Escher eine verstaubte Erinnerung an seine Großmutter, wie sie mit einem Rosenkranz zwischen ihren knochigen Fingern in dem Ohrensessel lehnte, den sie ihm vermacht hatte.

Als er weiter in den Raum vordringen wollte, vernahm er ein Geräusch an der Tür. Escher drehte sich um und sah, wie ein weißer Umschlag durch den Türspalt geschoben wurde. Neugierig ging er zur Tür und hob das Kuvert auf. Es war an ihn adressiert, Herrn Escher persönlich. Der Umschlag enthielt einen Briefbogen mit einer kurzen Nachricht, die in derselben Handschrift wie die Adressierung verfasst war: Zurück, Gefahr! Escher hätte schwören können, dass die winzigen Wörter auf dem Papier seiner eigenen Handschrift entstammten.

Er riss die Tür auf. Und blickte auf die Mustertapete in seinem Wohnzimmer. Beruhigt schloss Escher seine Augen. Es hatte sich nichts verändert. Niemand war da, nur die Musik war zu Ende.

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8 Comments:

Anonymous Anonym said...

Wie alle Escher-Geschichten wieder ein Genuss ! Ältere Menschen finden manchmal nur noch schwer aus dem Speicher wieder zurück.

23.10.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Jetzt wird der arme Escher auch noch von seiner eigenen Tapete hypnotisiert. Als ob er nicht schon genug mit seinem Bewusstsein zu kämpfen hätte - ein Ausflug ins Unterbewusstsein könnte wirklich übel enden.

23.10.06  
Anonymous Frollein Müller-EL. said...

Meiner Meinung nach springt die Tür zu Vergessenem von Zeit zu Zeit von selbst auf; meist nimmt man die sich bietende Gelegenheit zum Stöbern gerne wahr, wundert sich dabei u.a., wie sich Erinnerungsfetzen noch nach 20, 30 Jahren zu sinnvollen Gebilden formieren.
Gefährlich wirds erst in der Abteilung "Verdrängtes", den passenden Schlüssel finden die wenigsten im eigenen Haushalt; oftmals erhält man ihn unerwarteterweise von dritter Seite gereicht.

23.10.06  
Blogger MudShark said...

das kommt mir irgendwie bekannt vor. gute musik, evtl. ein gutes getränk und ein langer herbstabend. da kann sowas schonmal passieren.

24.10.06  
Blogger Markus Quint said...

/Lundi: Das hat mit der im Alter zunehmenden Beschwerlichkeit des Treppensteigens zu tun. In jenen Fällen sind Rolltreppen angemessen.

/DGT Steini: Nur kein Mitleid mit dem Herrn, jeder ist seines (Unter-)Bewusstseins Schmied.

/Frollein Müller-El.: Interessante Beobachtung. Beim Einrennen offener Gedächtnistüren fliegen einem aber auch oft Puzzleteile um die Ohren, die sich vor langer Zeit noch nicht zusammensetzen ließen ... entweder, weil sie damals tatsächlich nicht gepasst und sich erst im Lauf der Zeit angepasst haben, oder weil man nicht in der Lage war, die Lösung - und sei es mittels trial&error - zu finden.

Das Tor zur Abteilung "Verdrängtes" ist oft mit einer Selbstschussanlage gesichtert, da helfen einem dritte und vierte Seiten auch nichts mehr ...

/Mudshark: Genau. Manchmal reicht auch eine Rauhfasertapete.

24.10.06  
Anonymous wort-wahl said...

an eschers stelle wäre ich noch ein weilchen in der dachkammer geblieben.

25.10.06  
Blogger Scheibster said...

Ich fürchte, ich muss mich bei nächster Gelegenheit ein wenig mehr eineschern. Macht Lust auf mehr.

Und den Trip in die Dachkammer finde ich eine nette Idee. Diese Reisen unternehme ich meistens unfreiwillig, wenn ein cocktailgetränktes Beben das Gedankenhaus durchschüttelt. :-)

25.10.06  
Anonymous joppi said...

Oder einfach immer ganz viel neue Scheisse aufs Verdrängte schütten, um es zu verdrängen. Feuer mit Feuer bekämpfen! Klappt!! 100 pro!!!

26.10.06  

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