Mittwoch, Oktober 11, 2006

Ein Porsche in Tarnfarben (XVII)

Von Breuer verhielt sich unauffällig, die einzigen Äußerungen während seiner Aufenthalte in der Bar bestanden in der üblichen Bestellung und einem tonlosen Dank u wel, wenn der Kellner die Flasche Genever auf den Tisch stellte. Am ersten Abend hatte Henk dem Personal die Anweisung erteilt, dass die Rechnung des Deutschen aufs Haus gehen sollte. Als der Kellner, nach der Rechnung gefragt, dem Offizier mitteilte, dass er die entstandene Summe als bereits beglichen betrachten möge, bestand von Breuer mit einem kaum erkennbaren, verächtlichen Zug um den Mundwinkel darauf, den Betrag selbst zu bezahlen. Um-ge-hend. Die dritte Silbe zischte er wie einen Schlag mit der Reitpeitsche durch aufeinander gepresste Zahnreihen.

Nachdem er ihn einige Abende beobachtet hatte, wirkte von Breuer auf Henk wie einer, der nichts mehr vom Leben erwartete und versehentlich in einen Krieg verwickelt war, der ihn nicht interessierte. Henk Noorlander glaubte, der unauffällig betrunkene Mann in der dunklen Ecke des Hamsterradjes suchte nur eine Zuflucht vor dem Alltag des Größenwahns, und fast wurde ihm der schweigsame Mann sympathisch. Henk Noorlander täuschte sich.

Anfangs verbreitete der Deutsche mit seiner lautlosen Anwesenheit eine Atmosphäre, in der die Raumtemperatur zu sinken schien. Aber eine gleichzeitig schützende und gefährliche Veranlagung sorgt dafür, dass sich die Menschen schnell an Situationen gewöhnen, die sie in einer ersten Konfrontation als bedrohlich empfanden. Wenn der Zustand einer Bedrohung durch unveränderte Wiederholungen zum Gemälde erstarrt, wird die Situation irgendwann zum Inventar der gewohnten Umgebung.

In der Wahrnehmung der Stammgäste wandelte sich von Breuer vom Gesandten eines verhassten Systems zu einem überflüssigen Einrichtungsgegenstand, dem man irgendwann keine Beachtung mehr schenkte. Aber auch Henk Noorlanders Gäste täuschten sich.

6 Comments:

Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Huuuuh... spannend. Das mit den abstumpfenden Sinnen auch gegenüber Gefahrensituationen ist übrigens gut beobachtet. Sehr wahr und sehr unheilvoll.

12.10.06  
Blogger Scheibster said...

Leider wahr. Darum haben die Amerikaner auch nicht genug Angst vor George W. und seinen Freunden...

Bin im übrigen auch sehr auf die Fortsetzung gespannt. Ist die ganze "Porsche in Tarnfarben"-Reihe eigentlich Dichtung oder ist sie Wahrehit? Oder von beidem ein wenig?

12.10.06  
Anonymous anti kanne said...

Ich vertraue dir und ich täusche mich selten. Ich gewöhne mich nie an die Gefahr, Breuer ist nicht im Hamsterrad. Er ist eine untote Blume des Bösen.

12.10.06  
Blogger Markus Quint said...

/DGT Steini: Aber was kann man tun, wenn einen die Angst verlässt und nicht mehr zurückkommen will.

/Scheibster: Wahrnehmungsfetzen, verdichtet. Wie das ganze andere verrostete Blech, das ich in diese Schrottpresse kippe.

/Anti Kanne: a) Du hast dich an die Gefahr des Nikotins gewöhnt.
b) Hamster sind niedliche Tiere. Manchmal verirrt sich ein anderes Nagetier ins Hamsterrad und verbreitet anschließend als Pestratte im Hamsterpelz mit seinem Kot Unkrautsamen zwischen der Balkonbepflanzung.
c) Wie stand es letzte Woche um die Arbeitslaune deines Zustellers?

12.10.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

@mq: Das Problem hatten schon die Goten bei Asterix & Obelix. Die wollten so gerne mal Angst haben, weil Angst ja bekanntlich Flügel verleiht. Aber hat zumindest mit gegenseitigem Verprügeln nicht geklappt: "Der Schmerz nimmt zu, aber die Angst bleibt aus!"

12.10.06  
Blogger Markus Quint said...

Schmerz ist eine inflationäre Währung im Vergleich zur Angst.

12.10.06  

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