Montag, Oktober 16, 2006

1987 (Teil 3/3)

Anfang September beschlossen A. und ich, unsere Reise fortzusetzen. Wir bereiteten unsere Abschlussparty vor, indem wir Wodka, Zitronenplörre und Feuerholz besorgten. Es war ein rauschendes Fest. Einer der Höhepunkte war, als unsere Gäste den Innenwänden der barackenähnlichen Behausung mit Hilfe von Filzstiften zu neuem Glanz verhalfen. Bereits die früheren Bewohner unseres Zimmers hatten Sprüche und Bilder hinterlassen. Wir empfanden die Zeichnungen als ästhetische Bereicherung, da in dem Raum bereits die Farbe von den Wänden blätterte.

Am nächsten Vormittag standen wir in R.´s Büro, um uns zu verabschieden. Sie eröffnete uns in einem harschen Ton, der keine Widerrede zulassen sollte, dass wir den Kibbuz verlassen könnten, nachdem wir unser Zimmer gestrichen hätten. Die Farbe stünde schon bereit. Darauf waren wir nicht gefasst, denn erstens war das Zimmer offensichtlich auch von unseren Vorgängern nicht gestrichen worden, und zweitens wäre es schade um die schönen Zeichnungen gewesen. Drittens passte mir der Befehlston nicht, zumal das Arbeitsverhältnis sowieso beendet war. Wenn sie die Aufgabe in einem halbwegs freundlichen Ton zur Sprache gebracht hätte, wäre es zu keinem Konflikt gekommen. Ich streiche gerne Wände weiß. Aber es folgte eine heftige Auseinandersetzung, in deren Verlauf ich mich immer stärker auf den Standpunkt zurückzog, das Zimmer unter keinen Umständen zu streichen. Ich wunderte mich darüber, dass A. die Diskussion ausgesprochen ruhig verfolgte. Irgendwann meinte er:

- R., you really ask us to paint the room?
- That´s what I said.
- You ask us to paint all the room?
- Yes.
- The whole room? White?
- Exactly, the whole room. Of course.
- No problem.

R´s Gesicht hellte sich triumphierend auf, und ich fragte A., ob der Wodka seinen Verstand zersetzt hätte. Ich erklärte ihm fassungslos, dass ich das Zimmer auf keinen Fall streichen würde. Es gelang ihm aber, mich zu beschwichtigen, und als wir zurück an der Baracke waren, standen dort bereits zwei Farbeimer und Pinsel vor der Tür. Wortlos nahm A. einen der Eimer und betrat das Zimmer. Ich verfluchte den Weg des geringsten Widerstands. Mit dem zweiten Eimer in der Hand folgte ich ihm und begann, eine Wand zu streichen. Nach einigen Pinselstrichen drehte ich mich um und sah, dass A. mit dem Streichen der durchgelegenen Matratze zugange war. Einen Teil des Bodens hatte er auch schon gestrichen.

Was tat dieser Irre? Sein Hirn schwamm offenbar tatsächlich in einer Wodka-Lemon-Marinade. Ich war endgültig davon überzeugt, dass er den Verstand verloren hatte.

- Darf man erfahren, welche Drogen vor mir geheim gehalten wurden?
- Ich tue nur, wozu man mich aufgefordert hat. Die Ex-Chefin sagte, wir sollen den ganzen Raum weiß streichen. The whole room. Right?


A. war weder wahnsinnig geworden, noch stand er unter dem Einfluss atropinhaltiger Substanzen. Er hatte R. beim Wort genommen und damit begonnen, den ganzen Raum weiß zu streichen, einschließlich der wenigen Einrichtungsgegenstände.

Wir hatten einen Riesenspaß beim streichen des ganzen Zimmers. Leider konnten wir dann doch nicht den ganzen Raum streichen, da man uns zu wenig Farbe zur Verfügung gestellt hatte. Nach dem letzten Pinselstrich betrachteten wir unser Werk zufrieden und überlegten kurz, ob wir weitere Farbe bestellen sollten. Dann schnappten wir die Seesäcke und ergriffen die Flucht.

Anschließend waren wir noch in Tel Aviv und in Jerusalem, wurden aber nie das Gefühl los, dass man uns beobachtete. An der Grenze zu Ägypten wunderten wir uns, warum man uns nicht spätestens hier festnahm und in einen Kerker verfrachtete.


Wir fuhren weiter nach Kairo und von dort nach Oberägypten. Ende September saßen wir zum ersten Mal im Leben in einem Flugzeug.

Im Oktober trat ich meinen Zivildienst an, und A. wurde zum Militär eingezogen.

13 Comments:

Anonymous dassom said...

Perfekte Legende:

המוסד למודיעין ולתפקידים מיוחדים

17.10.06  
Blogger Markus Quint said...

Nicht nur in Europa fühlt man sich der Tradition der Aufklärung und anderen besonderen Aufgaben verpflichtet.

17.10.06  
Anonymous BaziND said...

Ich würde mich sehr freuen - aber das wird dich nicht erstaunen - wenn du hin und wieder ähnlich wunderbare wahre Geschichten in dein Gesamtwerk einwebtest. Oft schreibt das Leben tatsächlich die schönsten.

17.10.06  
Blogger Falcon said...

Ich kann es schwer beschreiben, aber irgendwie erfasst mich immer ein Gefühl der Erleichterung, wenn eine von Dir angekündigte Fortsetzung dann tatsächlich den Weg in deinen Blog findet.

17.10.06  
Anonymous stard said...

wie cool *muhaha*

eins a geschichte herr quint, eins a passiert und eins a erzählt :D

17.10.06  
Blogger Oles wirre Welt said...

Bei Limonadenplörre fällt mir ein:

"Deine Limonade war in der Hölle gewürzt. Du hast sie dem Tod zugetrunken."

Eine Trilogie janz nach meinem Jeschmack! Brillant.

17.10.06  
Blogger Chris said...

Streicht A. noch? Wenn ja, meine Wohnung bräuchte auch mal wieder einen neuen Anstrich. Interessante Gesichte!

17.10.06  
Anonymous Anonym said...

Bei der Ankunft zuhause lag eine Postkarte auf dem Tisch, in der R. in wüsten Beschimpfungen die (noch dazu von Ariern ausgeführten...) Malerarbeiten verurteilte. Der Postbote und die Eltern hatten sich schon gewundert.

17.10.06  
Blogger Markus Quint said...

/BaziNd: Merci. In meiner Biotonne befindet sich viel Kompost, den ich ungern ohne Handschuhe anfasse.

/Falcon: Du wirst es nicht glauben ... mich auch.

/Stard: Eins a Zeugnis, Herr Stard, merci.

/Ole: Das freut mich, wenn meine Limonade richtig gewürzt war und auf deinen schillernden Geschmacksnerven prickelte.

/Chris: Du weißt, was es bedeutet, wenn wir vorbeikommen und deine ganze Wohnung streichen. Keine Kompromisse.

/A.: Hast du die Postkarte noch? Ich hatte leider keine bekommen und erinnere mich, dass ich verdammt neidisch war.

17.10.06  
Anonymous Anonym said...

Lemme check. Wahrscheinlich schon, wohl irgendwo versteckt mit den anderen peinlichen Schriftstücken (frühe Liebesbriefe, Abgangszeugnise, Urteile, ...)

17.10.06  
Blogger Chris said...

ich stell euch sogar einen Kasten Bier hin

18.10.06  
Blogger Markus Quint said...

Das macht die Unternehmung nicht ungefährlicher.

19.10.06  
Anonymous Anonym said...

Offensiver Fluchtplan nach vorne, nur um die Ecke ausgeführt! Respekt! Werd mir das auf meine Liste potentieller Schelmenstücke in Grenzsituationen schreiben!

19.10.06  

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