Freitag, Mai 18, 2007

Wie es geht

- Guten Tag.
- Ach! Guten Tag.
- Schön, Sie hier zu treffen. Lange nicht gesehen. Wie geht es Ihnen?
- Danke der Nachfrage. Abgesehen von einer hartnäckigen Fistel am Darmausgang, die mir beim morgendlichen Stuhlgang Beschwerden bereitet, will ich nicht klagen. Diese unangenehme Sache geht allerdings einher mit einem Ausschlag im Intimbereich. Sie verstehen, was ich meine. Der Facharzt für Geschlechtskrankheiten hat einen Abstrich gemacht. Er ist sich noch nicht sicher, was mich dort unten plagt, möglicherweise habe ich mir während meiner Großwildsafari in Kenia exotische Kleintiere bei diesem Massai-Gigolo eingefangen. Ich hatte gleich geahnt, dass da was im Busch war, haha. Aber ich war vollgepumpt mit Kokain, und da fällt es mir immer so schwer, mich auf Details zu konzentrieren. Schwer ist es auch, von dem Zeug loszukommen, meine Nasenschleimhäute sind inzwischen komplett hinüber. Aber wie gesagt, ich will nicht klagen, momentan leide ich zusätzlich nur unter einem vereiterten Backenzahn. Dadurch hat sich mein gesamter Mund- und Rachenbereich entzündet. Jeden Morgen platzt das geschwollene Zahnfleisch an derselben Stelle auf, und ich spucke dieses gelbe Zeug ins Waschbecken. Bei meiner Zahnarztphobie ist mir das immer noch lieber, als mir im Kiefer herumbohren zu lassen. Aber sonst geht es mir gut. Wenn man mir nicht den Job gekündigt hätte, würde es mir sogar noch besser gehen. Weil ich doch die Schulden bei der Bank habe. Wegen dem Keniaurlaub. Und dem Kokain. Meine Kinder nehmen lieber Crack. Wenn man jung ist, will man modern sein. Dafür hat man als Mutter Verständnis, man war doch selbst mal jung! Die Große geht am Bahnhof anschaffen. Naja, irgendwo muss das Geld schließlich herkommen. Ansonsten ist familiär soweit alles in Ordnung. Mein Mann hat sich vor zwei Wochen auf dem Dachboden die Pulsadern aufgeschnitten. Riesensauerei. Aber das war abzusehen, nach der langen psychischen Erkrankung. Eigentlich eine Erlösung. Ich wusste gar nicht, wieviel Blut in einem Menschen drin ist, bis ich sah, wie es von der Decke tropfte. Wenn ich an das ganze Elend in der Welt denke, geht es mir doch vergleichsweise gut. Ich will nicht klagen, es könnte schlimmer sein. Und selbst?
- Danke, gut.
- Das hört man gern. Also, bis bald.
- Ja. Auf Wiedersehen.
- Auf Wiedersehen.

15 Comments:

Anonymous Opa said...

Hierzu unsere Musikempfehlung.

Den kleinen Sascha hab ich vorgestern auch am Bahnhof getroffen, er singt nicht schlecht.

19.5.07  
Blogger der Nachbar said...

@mq: Stimmt! Bei all dem Leid in der Welt, vergisst man schnell das Leid nebenan, beim Nachbarn. Ich geh jetzt mal zu meinen Nachbarn und wünsch allen ein schönes Wochenende!

19.5.07  
Blogger Markus Quint said...

/Opa: Merci für die Mucke eines meiner Lieblingspudel. Spaziert alle mal rüber und hört euch die am meisten unterschätzte deutsche Band an, die noch dazu sträflicherweise einer Musikrichtung zugeordnet wurde, mit der sie eigentlich nichts zu tun hatte.

/der Nachbar: In diesem Sinne wünsche ich dir ebenso ein schönes Wochenende, lieber Nachbar!

19.5.07  
Anonymous the white lake knight said...

Einen wunderschönen guten morgen, werter herr quint. Glückes geschick, nach dem lesen Ihrer schilderung der möglichkeiten von befindlichkeiten hat es meine heranziehende migräne vorgezogen, wieder abzuziehen. Die begonnene lektüre „Das ABC der Körperflüssigkeiten“
habe ich vertagt, auch bin ich auf vanille, wenigstens zeitweise, umgestiegen. Ein klasse weekend für Sie, werter herr quint. Für uns alle anderen auch.

19.5.07  
Blogger frech'n'nett said...

vielen dank, opa, für die musikalische untermalung.
so kann man schon mal vergnügt in den tag springen, ganz froh, dass es immer nur die anderen sind, denen es so geht...

-na, wie geht's so?
-muss ja. und selber so?
-auch so.

19.5.07  
Anonymous FrauH. said...

Es ist doch immer wieder schön, sich 'mal so richtig aussprechen zu können. Vor allem, wenn einem dabei eine solche Flut an Empathie und Interesse entgegengebracht wird. Ich glaub', ich geh' mal auf die Straße. Jemandem "Guten Tag" sagen....

Vielen Dank auch, an die ältere Generation für die weisen Humoresken! Nur wer trotzdem lacht, überlebt.

19.5.07  
Anonymous der Nachbar said...

Thanks, ich dir auch. Weißt, du eigentlich, dass mich frischer fisch richtig geil macht? So ungefähr: www.youtube.com/watch?v=l8aTmJImNUA

20.5.07  
Blogger PropheT said...

besser als wie gehts? ist nur noch und sonst? !!

20.5.07  
Blogger mkh said...

/mq
Freut mich zu lesen, dass es dir gut geht!

20.5.07  
Blogger Markus Quint said...

/the white lake knight: Die Dosierung war bewusst hoch gewählt, aber dass man damit Migränen auf Wanderschaft zum Weiterziehen bewegen kann, hätte ich nicht gedacht. Vermutlich war die Vanille schuld.

/Frech'n'Nett: Genau. Und gibt es ein Wort, das in der Umgangssprache häufiger missbraucht wird, als das so?

/FrauH.: Skandalös. Wo kommen wir denn da hin, wenn sich plötzlich Wildfremde auf der Straße Guten Tag sagen!

/der Nachbar: Herrlich. Ich verticke meistens den von vorgestern, und zu solchen Szenen dürfte es bei den Konsumenten infolge des Genusses noch nicht gekommen sein. Aber es könnte eine gute Motivation sein.

/Prophet: In F wird die genannte Frage zuweilen mit Guude, unwie? abgekürzt. Klingt irgendwie zuversichtlicher.

/MKH: Muss ja. Und selber so?

20.5.07  
Blogger mkh said...

/mq
Könnte schlimmer sein, und sonst?

20.5.07  
Blogger Oles wirre Welt said...

Ein Hauch von Conrads "Herz der Finsternis" inmitten der Banalitäten des normalen Alltags. Verfaulende Grandezza, eitriger Glanz. Ein Text, schöner als wundes Zahnfleisch. Jawollja!

21.5.07  
Anonymous HinRichter said...

Solche Sachen muss ich mir immer von wildfremden Menschen in der U5 oder U1, U2, U3 anhören. Diese Bahnlinien in der Kombination mit meinem freundlich aussehden Gesicht erzeugen anscheinend eine Art "Beichte- du- Sünder"- Feld. So kommt es dann, daß ein Bankier mir eine Kassette ins Ohr drückt betreffs seiner unglücklichen Ehe, seinem Verhältnis mit seiner Sekretärin und den Problemen mit seiner Tochter, sagt "Oh, hier muss ich raus. Auf Wiedersehen." und lässt mich völlig verdattert sitzen, als wäre nichts geschehen. Wäre ich Priester, würden die Sünder vor der Kirche bis auf die andere Straßenseite anstehen.

21.5.07  
Blogger Markus Quint said...

/Mkh: Am liebsten gut.

/Ole: Merci für die Anregung. Ich werde den Text verfielfältigen und im Wartezimmer meines Dentisten auslegen. Obwohl ich genau weiß, dass er nicht die geringste Chance gegen die gesammelten Ausgaben der Gala 2004 hätte.

/Hinrichter: Sie können von Glück reden! Zu meinen U1/2/3-Zeiten wurde man nur mit schwer kryptischen Gesabbel pubertierender Schülerhorden vollgeblubbert.

21.5.07  
Anonymous HinRichter said...

@mq
das ist heute auch noch der fall, allerdings nehme ich das zum glück nicht mehr wahr.

23.5.07  

Kommentar veröffentlichen

<< Home