Donnerstag, Mai 31, 2007

Coq au mort

- Die Gentechnologie ist ein Segen für die Menschheit,
dachte Kirschke, als er die cholesterinfreie Geflügelpackung aus dem Kühlregal zog und in seinen Einkaufskorb legte. Das Fleisch glänzte wie poliert unter der durchsichtigen Plastikfolie.


Er würde sie verführen. Sein legendäres Hähnchen in Weinsoße hatte schon viele verschlossene Herzen geöffnet.

In den Entwicklungsabteilungen der Lebensmittelindustrie wurde unablässig daran gearbeitet, gesündere und geschmacklich verbesserte Produkte zu entwickeln. Kirschke konnte sich nicht erinnern, wann er die letzte Mahlzeit zu sich genommen hatte, die nicht genetisch optimiert war. Wenn er an naturbelassene Nahrungsmittel dachte, hatte er den Geschmack von weichem Fett oder fleckigem Obst im Mund. Es war nicht nur der fade Geschmack, sondern auch die vergängliche Optik der Natur, die Kirschke dazu veranlasste, Nahrungsmittel mit genetischem Design zu kaufen. Vor allem gab es jedes Produkt auch in einer Version ohne Kalorien. So konnte man sein Körpergewicht ohne Verzicht oder anstrengende Maßnahmen regulieren.

Er wusste, dass sie zwanzig Minuten zu spät kommen würde. Sie war nicht der akademische Viertelstundentyp, sondern der Zwanzigminutentyp.

Das Essen war genau in dem Moment fertig, als sie auf den Klingelknopf drückte. Ihr Klingeln war exakt, wie er es erwartet hatte. Einmal sehr lang, zweimal kurz. Es würde ein guter Abend werden, alles war berechenbar. Bei Kerzenlicht tönten die Supremes aus den obszön teuren Boxen seiner Stereoanlage.

Natürlich war sie begeistert von seinen Kochkünsten. Nach dem Essen setzte sich Kirschke auf den Sessel, so dass sie auf dem Sofa Platz nehmen musste. Auf diese Weise verhinderte er, dass sie sich auf den Sessel setzte, was körperliche Annäherungsversuche strategisch erschwert hätte. Im weiteren Verlauf der belanglosen Unterhaltung wartete Kirschke ungeduldig auf den letzten Song. Wie oft hatte er schon auf den letzten Song gewartet? Nach dem Wechseln der CD konnte er sich endlich neben sie auf das Sofa setzen. Barry White.

Es begann, während er den nächsten Programmpunkt einleitete, indem er sich tief in ihre Augen versenkte. In seinem Magen regte sich etwas. Plötzlich stieß sie einen spitzen Schrei aus und verkrallte ihre roten Fingernägel in das Ledersofa. In ihren überraschten Augen konnte Kirschke noch das Entsetzen erkennen, bevor sie sich beide wenige Sekunden später vor Bauchschmerzen auf dem Flokati wälzten. Bei ihr passierte es zuerst. Begleitet von einer Blutfontäne durchstieß der Schnabel die Bauchdecke und bahnte einem gefiederten Kopf den Weg an die Luft. Kalte Knopfaugen blickten in die Welt. Als die zweite Kreatur aus seinem Bauch geboren wurde, hatte Kirschke längst das Bewusstsein verloren.

- Die Gentechnologie ist ein Segen für die Natur,
dachten die beiden vogelartigen Wesen, als sie die Wohnung durch das offene Küchenfenster verließen. Sie machten sich auf die Suche nach einer Geflügelzucht. Dort würden sie ihre veredelten Gene weitergeben und die natürliche Selektion vorantreiben.

12 Comments:

Anonymous Protestesserin, die said...

Und bestimmt fressen die Actimel den lieben langen Tag lang.

(danke für das)

1.6.07  
Anonymous MoniqueChantalHuber said...

ich erwarte tagtäglich den angriff der holländischen gewächshauskillertomaten.

1.6.07  
Anonymous HinRichter said...

sehr schön, hab am ende echt herzahft lachen müssen. *g* gentechnologie ist die zukunft!

1.6.07  
Anonymous Opa said...

Danke für den Tipp. Ich versuche schon die ganze Zeit, nocheinmal Vater zu werden.

Doch aus den Würstchen, die ich auszubrüten versuchte, ist nie etwas geschlüpft.

1.6.07  
Anonymous the white lake knight said...

vor dem verzehr sollten den vormals fliegenden braten schon köpfe und krallen abgesäbelt werden, sonst gibt's wie beschrieben nach dem verzehr theater.ich hab nichts gegen gentechnologie, wenn ordentliche riesenpistazien für mich dabei herausspringen.

1.6.07  
Blogger Scheibster said...

Welch wundervoll überraschende Wende! Aber ganz ehrlich: Wer Barry White zu Geschlechtsverkehrsanbahnungszwecken auflegt, hat es einfach nicht anders verdient. :-)

1.6.07  
Blogger mkh said...

Da kann man nur entschlossen kommentieren: Ätsch! - Aber sie hätten noch ein kleinbisschen warten können mit dem Ausschlüpfen, die beiden Streithähne.

1.6.07  
Anonymous FrauH. said...

Erinnert mich irgendwie an die herrlichen Kurzgeschichten von George Langelaan....

Applaus!

1.6.07  
Blogger Markus Quint said...

/Protestesserin, die: Doping ist in aller Munde. Und - ich habe zu danken.

/MoniqueChantalHuber: Die Bataillone sind im Anmarsch und hinterlassen >> eine blutrote Spur.

/HinRichter: Hauptsache, es macht Spaß und schmeckt.

/Opa: Kein Wunder - du hättest sie in die Kloake legen müssen!

/the white lake knight: ... solange keiner die Kontrole verliert und Riesenpistazien mit Köpfen und Krallen die Welt terrorisieren ..

/Scheibster: Ich will gar nicht wissen, was zur Hintergrundmucke von Disturbed herausgekommen wäre.

/MKH: Du hast Recht. Es gibt immer eine Steigerung.

FrauH.: Merci für den Tipp. Ich kannte weder den Autor, noch wusste ich, dass The Fly auf einer Kurzgeschichte basiert.

2.6.07  
Blogger Frau H. said...

Nun, Herr Quint, wenn Sie ihn nicht kennen, dann kann ich ihn Ihnen wirklich nur ans Herz legen! Dürfte Ihnen gefalllen...und ich finde ja, dass "The Fly" bei weitem nicht die beste Geschichte ist! Da hat er noch ein paar wunderbar subtil verwirrendere im Angebot...

2.6.07  
Blogger frech'n'nett said...

ich weiß schon, warum ich ungern auswärts esse oder mich gar bekochen lasse.

(und überhaupt? obszön teure boxen, um mit barry white ein babe klarzumachen? am ende mit "what am I gonna do with you"? -schöne nummer zu dem finale)

3.6.07  
Blogger mq said...

Lieber Roy Black als Barry White?

7.6.07  

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