Freitag, September 22, 2006

Frisches Fleisch von vorgestern

Drei Jahre waren seit Elsies Tod vergangen. Seither wünschte sich Herrmann nichts sehnlicher als das eigene Ende. Mit vierundachtzig Jahren hatte er, außer einer Verschlechterung seines gesundheitlichen Zustands, keine Erwartungen mehr. Seine Tagesabläufe bestanden in einer Warteschleife der immer gleichen Tätigkeiten. Es wollte ihm nicht gelingen, die Zeit zu beschleunigen.

Sie waren einander in einem tiefgründigen Hass zugetan, und indem sie feige vor ihm starb, hatte sie ihn seines letzten Inhalts beraubt. Jedes Jahr, wenn Herrmann an ihrem Todestag Elsies Rezept für Szegediner Gulasch kochte, musste er lächeln, während er den Fleischtopf umrührte. Beim Zubereiten seines Lieblingsgerichts hatte sie ihm oft damit gedroht, dass sie ihn irgendwann vergiften würde. Er wusste, dass sie es gern getan hätte, aber sie wollte nicht allein zurückbleiben. Genauso wenig wie er.

Das Fleisch aus dem Sonderangebot des Supermarkts war zäh und eine Herausforderung für die Belastbarkeit seiner Gebissprothese. Aber er konnte es sich wenigstens leisten. Herrmann hatte die Hälfte des Gulaschs gegessen, als er einen merkwürdigen Brocken am Gaumen spürte. Er drehte das harte Stück Gulasch, das sich anfühlte wie ein Knorpel, mit der Zunge im Mund, lutschte die Soße ab und spuckte es zurück auf den Löffel. Seine Pupillen weiteten sich und es fiel ihm schwer, zu begreifen, was er sah. Auf dem Löffel lag das obere Glied eines menschlichen Fingers, einschließlich des Fingernagels. Durch eine merkwürdige Verwachsung der Nagelhaut bildete der Fingernagel die Form eines Dreiecks. In seinem ganzen Leben hatte Herrmann nur eine einzige Person mit dreieckigen Fingernägeln gekannt. Langsam ließ er den Löffel sinken.

In der Verwertungsanstalt wurde bei Engpässen auf dem Kadavermarkt auch Menschenfleisch zu Hundefutter verarbeitet. Wenn sich geschäftliche Möglichkeiten ergaben, gelangte ein Teil des Tierfutters in die Fleischregale von Supermärkten. Man benötigte nur andere Verpackungen. Die Lieferungen des Rohstoffs kamen von Bestattungsunternehmen, die toten Körper waren zuvor als eingeäschert deklariert worden.

Gelegentlich war auch Leichengift in der Fleischmasse, weil man es mit der Haltbarkeit von angetautem Fleisch, das manchmal mehrere Jahre in den Kühlhäusern lagerte, nicht besonders genau nahm. Bei Hunden verursachte der verdorbene Brei ein heftiges Rumoren im Gedärm. Manche Tiere konnten das Problem lösen, indem sie Gras fraßen und sich anschließend erbrachen.


Hermann biss ins Graß, indem er an seinem Erbrochenen erstickte. So hatte es Elsie auf ihre alten Tage doch noch geschafft, ihn zu vergiften.

14 Comments:

Anonymous stard said...

da hatter aber glück gehabt, hätte ja auch der finger eines fremden sein können. oder irgendein beliebiges anderes körperteil ...

22.9.06  
Anonymous andie kanne said...

hätte er sich seinen eigenen finger in den hals gesteckt zur reflexzonenmassage - er könnte noch leben. mich dünkt es handelt sich um fahrlässigen suizid.

22.9.06  
Anonymous eon said...

Ich glaube, er hat irgendwie erwartet dass es so kommt. Auf die Rache von bösen alten Weibern ist in jedem Fall Verlass!

22.9.06  
Blogger Falcon said...

Und eine interessante Neuauslegung des Begriffes "Ekelfleisch".
Wird eigentlich immer nur das Alter oder auch die Herkunft des Fleisches geprüft?

22.9.06  
Blogger Chris said...

du hast mir den Appetit verdorben; ich wollte mir grad eben noch gemischtes Hackfleisch anbraten...das Schlimme ist, dass es vorstellbar ist und es würde mich wirklich nicht besonders überraschen, wenn sich dies bald als Realität herausstellt

22.9.06  
Anonymous stard said...

das in gemischtem hackfleisch echt fleisch drin ist? machen sie mal keinen ärger ...

22.9.06  
Anonymous Beat Brechbühl said...

Sie schweigen sich an. Sie essen das graue Zeug. Dann fallen sie tot von den Stühlen.

Bist du eigentlich verheiratet?

23.9.06  
Anonymous wort-wahl said...

diese frage ist mir beim lesen auch spontan durch die eingeweide geschossen.

23.9.06  
Blogger Markus Quint said...

/Stard: Stimmt. So bleibt es wenigstens in der Familie.

/Andie: Suizid ist immer latent fahrlässig. Aber ein hundertprozentiger Zeitbeschleuniger.

/Eon: Auf manche Dinge kann man sich verlassen, auch wenn es immer wieder die bösen sind.

/Falcon: Fleisch ist geduldig. Und Stempel erst recht.

/Chris: In meinem unverbesserlichen Optimismus gehe ich davon aus, dass alles noch schlimmer werden kann. Aber in unserer kuscheligen Konsumgesellschaft, die von einer unüberschaubaren (und erreichbaren) Auswahl von Nahrungsmitteln geprägt ist, kann jeder selbst entscheiden, was auf den Tisch kommt. Der Gammelfleischskandal entlockte mir ein müdes Heben der Augenbrauen, da ich seit fünf Jahren auf Fleischprodukte verzichte. Ich bin keineswegs missionarisch unterwegs und schließe nicht aus, irgendwann wieder Fleisch zu essen. Aber dann will ich die Tiere selbst aufgezogen, gefüttert und geschlachtet haben.

/Beatnik: Mein Name ist Markus Quint und ich bin 38 Jahre alt. Ich bin allerdings kein Fisch, sondern Wassermann. Und auf Formalitäten habe ich noch nie Wert gelegt. Ähnlichkeiten des menschlichen Inverntars meiner Texte mit lebenden oder verstorbenen Personen sind selten beabsichtigt.

/Wort-Wahl: Glücklicher Weise gehört diese Frage nicht zu den giftigen.

23.9.06  
Anonymous burnster said...

Das Miststück!

23.9.06  
Blogger Chris said...

@markus quint: Toll, dass du so konsequent bist mit dem Fleisch! 5 Jahre - Hut ab! Ich hab das mal versucht, aber aus Bequemlichkeit, finanziellen sowie philosophischen Gründen habe ich nur knapp vier Monate durchgehalten. (Gründe u.a.: die animalische Natur des Menschen lässt sich auch nicht intellektuell auf Dauer wegschieben und da mir Menschen prinzipiell näher sind als Tiere, stellte sich auch die Frage nach der Konsequenz einer moralischen Einstellung, die sich doch kaum mit dem Besitz eines Handys aus Koltan, bzw. Tantal und meines Computers vereinbaren lässt. Die Ursache meiner damaligen (noch nicht völlig aufgegebenen Einstellung gegen Fleisch, da ich höchstens zweimal die Woche noch Fleisch esse ) war ein moralisches Denken, nur habe ich dann bald die Fragwürdigkeit meiner Moral eingesehen, wenn sie den Menschen nicht auch einbezieht...

23.9.06  
Anonymous martha said...

Omg! Wie kommst du bitte auf die Idee so eine Geschichte zu schreiben?
Ich bin begeistert Herr Quint ;) Bei so guten Geschichten brökelt langsahm meine Schreibblockade.

23.9.06  
Blogger Markus Quint said...

/Burnster: So sind sie, die Gammlerinnen.

/Chris: Meine Gründe waren und sind weniger philosophisch. Ich habe mich jahrelang über die Formen und Auswüchse der Tierhaltung, -fütterung, -transporte, -tötung und -weiterverarbeitung geärgert, und der Ärger mündete in einer persönlichen Konsequenz. Es ist so eine Art Pakt: Die beißen mich nicht und ich beiße die nicht. Kein großes Ding.

/Martha: Der Antrag auf deine überflüssige Schreibblockade wurde damals bereits im zweiten Kommentar abgelehnt, wenn ich mich recht entsinne.

24.9.06  
Anonymous stard said...

da können wir uns zusammentun, meine gründe sind auch erschreckend banal: ich mag fleisch einfach nicht. ich will es nicht anfassen und nicht zerschnippeln, mir wird schlecht wenn ich fettige stücken fleisch sehe und das zähe herumgekaue auf dem zeug ist mir auch zuwider. aber fisch mag ich und dafür werde ich auch regelmässig von ~echten~ vegetariern angemault - meistens begreifen sie nicht einmal das ich garkeiner von ihnen sein will ^^

25.9.06  

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