Montag, September 25, 2006

Patty Psychodata

Sommer 1954. Als Fliege sollte man dieses Problem eigentlich nicht kennen. Aber Patty überkam jedes Mal eine elementare Abscheu, wenn sie sich den Spuren von Fäkalien auf ihrer Stammtoilette näherte. Wo anderen beim Anblick von Kot auf dem Schüsselrand der Speichel in der Proboscis zusammenlief, verspürte Patty Psychodata einen Brechreiz. Urinspritzer auf den Fließen, das Manna von Abortfliegen, widerten sie an, und auch andere Ausscheidungen verspeiste sie nur ungern.

Das hatte nichts mit einer Fehlleistung ihres Geruchssinns zu tun, und auch den Geschmack fand sie ausgesprochen köstlich, aber Patty hatte einen grundsätzlichen Ekel vor der Lebensform entwickelt, von der die Ausscheidungen stammten. Es handelte sich um einen Ekel erkenntnistheoretischer Art. Innerhalb ihres Lebensraums, der öffentlichen Toilette im Hamburger Hauptbahnhof, fand Patty anhand ihrer persönlichen Beobachtungen die gängigen wissenschaftlichen Ergebnisse immer wieder bestätigt. Der Mensch gehörte zu den niedersten Lebensformen. Er verfügte weder über telepathische Fähigkeiten, noch konnte er fliegen. Er war zu groß und zu plump. Er war aggressiv und tötete Angehörige der eigenen Art. Seine Fortpflanzungsquote war bemitleidenswert. Eigentlich taugte er nur als Nahrungsmittellieferant.

Die Wiedergeburt als Abortfliege erforderte ein Maximum an erstklassigem Karma. Daher gab sich Patty alle erdenkliche Mühe, ein anständiges Leben zu führen. Sie betete zum Licht der großen Glühbirne, flog regelmäßig die religiösen Formationen und hielt sich an die Gesetze der Telepathie. In ihrem nächsten Leben wollte sie in einem Kuhstall wiedergeboren werden. Kühe waren deutlich höher entwickelte Tiere als Menschen, und ihre Ausscheidungen eigneten sich hervorragend zur Eiablage. Außerdem hatte sie via Telepathie vernommen, dass Kühe einen angenehmeren Körpergeruch besaßen als Menschen.

Es waren etwa siebzig Stunden nach menschlicher Zeitrechnung vergangen, seit sie aus ihrer Larve geschlüpft war, als Patty beschloss, auf ihre alten Tage noch etwas von der Welt zu sehen. Zum ersten Mal in ihrem Leben als Abortfliege summte sie vorbei an den stumpfen Spiegeln und um die Ecke hinter dem äußersten Waschbecken, wo sich ein Vertreter der niederen Lebensform gerade mit einer unsinnigen Aktivität beschäftigte. Plötzlich sah Patty runde, kupferfarbene Gegenstände glänzen. So etwas Schönes hatte sie noch nie gesehen. Eine neue Farbe, die Welt an der Schwelle zur Hamburger Bahnhofstoilette war aufregend! Sie flog auf die Gegenstände zu und landete sanft auf einer Untertasse. Bevor sie das Kupfer genauer untersuchen konnte, wurde ihr Bewusstsein in einem Sekundenbruchteil ausgelöscht.

Sommer 2006. Patty saß auf einem Stuhl am Eingang der Hamburger Bahnhofstoilette. Sie summte vor sich hin. Auf der Untertasse vor ihr lagen einige Münzen, kleine Beträge. Sie schob die Brille mit den dicken Gläsern über die Stirn, rieb sich die Augen und wünschte sich, in einem Leben nach dem Tod nicht mehr als Toilettenfrau wiedergeboren zu werden. Dann rollte sie das Flugblatt mit den Lebensmittelangeboten zusammen und erschlug zwei dieser lästigen Fliegen.

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10 Comments:

Blogger Markus Quint said...

Fröhliche Weihnachten, Herr Kapitän!

25.9.06  
Anonymous wort-wahl said...

herr quint! endlich weiß ich, warum die fliegen immer in der zimmermitte um die glühbirne fliegen! sie... sie... sie sind... argh. großartig, herr quint.

25.9.06  
Anonymous stard said...

und ich weiss endlich das es einen staat gibt der "föderierte staaten von mikronesien" heisst, das dort wenig co² produziert wird und zu guter letzt auch noch das dort lauter dicke menschen leben. was es nicht alles gibt ^^

25.9.06  
Anonymous El Presidente said...

Heute in genau drei Monaten ist Weihnachten mal wieder so gut wie vorbei.

Wie wir alle wissen, ist aber die Vorfreude die schönste aller Freuden.

Ich hatte mich gestern zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses neuen Markus Evangeliums bereits probeweise in mein provisorisches Nirvana zurückgezogen, sodaß ich dieser schönen Bescherung erst mit der mir nicht ganz zu Unrecht zugeschriebenen, lethargisch verzögerten Gelassenheit gewahr werde.

Gleichwohl ist das Ergreifen folgender Maßnahmen angezeigt:

1) Ich erkläre die weihnachtliche Vorfreude (Bazi-Azvenz) hiermit als eröffnet.

2) Trotz erschöpften Kontingents 2006 überreiche ich hiermit die (honorige cosa) Ehrendoktorwürde des Clubs der himmlischen Deuter an Senor Evangelista San Marco de grande Effe Emme.

Urkunde wird nachgereicht. Rechte und Pflichten gelten ab sofort.

26.9.06  
Anonymous Nomak said...

Coole Idee.

26.9.06  
Anonymous ttr said...

Mal erschlägst du eine Fliege, mal wirst du von einer (ehemaligen) Fliege erschlagen.
Der ewige Kreislauf des Lebens.

26.9.06  
Blogger Oles wirre Welt said...

Deine polymorphe Persönlichkeit mit ihren Texten bleiben so facetten(augen)reich wie erfrischend. Sehr feiner Text.

26.9.06  
Blogger Markus Quint said...

/Markus Quint: Halt deine dämliche Schnauze.

/Wort-Wahl: Auch ein Insekt sollte das Recht auf freie Religionsausübung besitzen.

/Stard: Wenn es um hautnahe und verlässliche Informationen aus erster Hand rund um die Blaue Wüste und um die Südsee im Speziellen geht, empfehle ich diesen Herrn.

/Fideler Präsi: Ich stolperte zwar über die groß gedruckten Pflichten, aber seit ich über dich gestolpert bin, weiß ich Ehrungen auch im fortgeschrittenen Alter zu würdigen. (Auch wenn ich mich nach wie vor der Meinung Thomas Bernhards zu diesem Thema anschließe, soviel verhuschte Eitelkeit muss sein.)

/Nomak: Manchmal kommen sie von selbst, manchmal bekommt man sie geliefert, und manchmal muss man sie sich abholen. Manchmal sind sie cool, und manchmal schon ein wenig angegammelt.

/Texttourist: Facettenauge um Facettenauge, Proboscis um Proboscis.

/Ole: Merci. Das beste daran ist, dass man sich mit einer polymorphen Persönlichkeitsveranlagung nie allein fühlt. (Stimmt´s, Markus?!)

26.9.06  
Anonymous Anonym said...

Bin spät dran mit dem Lesen dieses Eintrags - sozusagen ein echter Fisch von vorgestern! Aber ich sehe: Von Herrn Quint sollte man nichts verpassen! Geniale story, und ab sofort werde ich das Bahnhofsklo als erlesene Hamburger Sightseeing Location auf meiner Liste führen!

29.9.06  
Blogger Markus Quint said...

Merci für die Blumen. Vielleicht sollte man irgendwann einen Reiseführer in Sachen Reinkarnation auf Bahnhofstoiletten schreiben.

30.9.06  

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