Mittwoch, September 20, 2006

Devon Domino

Zwei Stubenfliegen umkreisten die flackernde Glühbirne an der Decke. Nachdem er sie etwa eine halbe Stunde beobachtet hatte, wusste Devon Domino, welche der beiden ihm bei der Erfüllung seines Plans behilflich sein würde.

Geduld besaß er reichlich, und irgendwann gelang es ihm, die Fliege zu fangen. Devon band ihr einen Faden um den Rumpf, und obwohl es ihn gereizt hätte, verletzte er das Insekt dabei nicht mehr als nötig. An den Faden knotete er einen kleinen, roten Papierfetzen. Dann brachte er den zappelnden Proteinklumpen zum Fenster, wartete auf einen günstigen Wind und schickte das Tier auf seine Mission.

Auf einem Baugerüst am Haus gegenüber stand ein Maurer. Die Stubenfliege summte mit ihrem Ballast in Richtung des Gerüsts und umkreiste in ihrer Panik und Verstörung mehrfach den Kopf des Maurers. Vor Schreck rutschte ihm die Kelle aus der Hand. Das Werkzeug fiel aus einer Höhe von sieben Metern auf einen vor dem Haus geparkten Sportwagen und schlug eine Delle in die Motorhaube. Der Maurer öffnete sein achtes Bier, um die Wahnvorstellung von summenden Papierfetzen zu bekämpfen, die seinen Kopf umkreisten.

Der Sportwagen war nagelneu. Er gehörte einer Krankenschwester, die lange gespart hatte, um sich das Fahrzeug leisten zu können. Sie entdeckte die Delle, als sie auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus ausstieg, kurz vor Beginn ihrer Nachtschicht. Die Krankenschwester besaß einen Hang zum Aberglauben und interpretierte die Beschädigung ihres Autos als göttliches Zeichen. Die Delle musste bedeuten, dass sie ihre glücklose Affäre mit dem Stationsarzt der Intensivstation beenden sollte.

Als sie ihm ihre Entscheidung noch in derselben Nacht mitteilte, geriet der Stationsarzt außer sich. Im Verlauf der Nachtschicht unterliefen ihm mehrere fatale Fehler. Ein Missgeschick mündete in der falschen Medikamentierung eines Patienten, der im Kreis des Personals nur der Staubsauger-Spinner genannt wurde, weil er in den wenigen Momenten, wenn er zu Bewusstsein kam, in jeder Ecke des Krankenzimmers Spinnen sah und lautstark nach einem Staubsauger verlangte. Die Überdosis führte zu einem Herzstillstand. Der Mann konnte nicht mehr reanimiert werden.

Via Gedankenübertragung erfuhr Devon von einem Artgenossen, der in einem Winkel der Intensivstation lebte, vom Tod des letzten Bewohners der Etage. Die Hauswinkelspinne Devon Domino hatte auch diesen Auftrag mit höchster Präzision erfüllt und würde als Prämie vom Kolonialrat einen Eckplatz in der Speisekammer erhalten. Nie wieder würde der alte Mensch zurückkehren und das Leben von Devon und seinen Artgenossen mit seinem Staubsauger bedrohen können. Zufrieden saß die Spinne in der Mitte ihres Netzes und streckte ihre acht Beine von sich.

Vier Wochen später wurde die gesamte Einrichtung aus der Wohnung geräumt. Dann kamen die Handwerker. Sie rissen die vergilbten Tapeten von den Wänden und verspachtelten die Risse im Verputz mit Gips. Schon nach zwei Tagen reflektierte eine weiß getünchte Raufasertapete in der ganzen Wohnung ein makelloses Licht.

Von Devon und seiner Kolonie hat keine Hauswinkelspinne jemals wieder einen Gedanken vernommen.

7 Comments:

Blogger Falcon said...

Zuerst Batman, jetzt die Spinne - das wird mir hier doch nicht ein Superheldenblog werden?

21.9.06  
Anonymous hoffnungsloser fall said...

Ich glaube nicht an Zufälle. Alles hat einen Sinn, sogar der Zufall.

21.9.06  
Blogger Markus Quint said...

/Falcon: Die einzigen wahren Superhelden hier sind die Leser und Kommentatoren.

/Fall für die Hoffnung: Das hatte Devon auch verstanden, nur hat er die Folgen seiner Kalkulation nicht berücksichtigt.

21.9.06  
Anonymous andie kanne said...

so wird der scheinbare erfolg zum urteil.

21.9.06  
Blogger Oles wirre Welt said...

Fein gesponnen. Ist Devon die arachnoide Reinkarnation von Michael Knights Scheff in der alten Fernsehserie mit K.I.T.T. und Konsorten?`:)

22.9.06  
Blogger Markus Quint said...

/Andie: Eine übertragbare Erkenntnis, z.B. aus beruflicher Perspektive.

/Ole: Ich habe die Serie nie gesehen, weil damals alle Mädchen in den Hasselhoff verknallt waren und ich ihn deswegen gehasst habe.

22.9.06  
Anonymous Opazifick said...

Da ich übrigens mein nächstes Leben als lästige Abortfliege reinkarn(ation)iert verbringen werden darf, erhebt sich für mich die Frage:

Kann man sich hier auch eine Story wünschen?

Falls ja, hätte ich gerne als Weihnachtsgeschichte einen kurzen Einblick in das Leben einer Psychoda alternata. Vielen Dank.

23.9.06  

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