Sonntag, September 24, 2006

Die untoten Hyänen

Sobald eine Schlacht entschieden ist, treten sie aus den klimatisierten Schatten der Bürotürme hervor und eilen den Siegern zu Hilfe, um vom Blut der Konkursmassen zu schöpfen und ihre Unersättlichkeit zu füttern. Ihre widersprüchlich weißen Hemden sind faltenfrei und imprägniert, fleckenlos strahlen Designerstoffe im gefrorenen Licht der Leuchtstoffröhren.

Wilde Posen erfreuen sich steigender Konjunkturwerte, aber neben der Präsentation geschliffener Zahnreihen beherrscht man auch die Klaviatur der gespielten Liebenswürdigkeit. Das großzügige Lächeln ist ebenso unverbindlich wie jedes Versprechen aus ihren Mündern, die sie wie Marionetten bewegen. Überhaupt scheinen sie von unsichtbaren Fäden gelenkt zu werden. An ihren Strippen zieht ein genetisch getriebener Machtmotor.

Ihre Karriere erfordert in erster Linie zwei Fähigkeiten. Wenn es um Misserfolge geht, muss man die Wendigkeit besitzen, seinen Kopf aus der Schlinge des Karriereknicks zu ziehen, und wenn es um Erfolge geht, muss man es verstehen, sich die Schlinge der Medaille um den eigenen Hals zu hängen. In beiden Fällen ist es unerheblich, wer tatsächlich für Misserfolg oder Erfolg verantwortlich ist.

Die Renditen müssen in west-östlichen Sturmböen steigen wie Papierdrachen. Abgestürzte Drachen verbrennen sie, und ihre Augen glänzen im Schein der Flammen. Aber auch ohne betriebliche Not werden Lebensgrundlagen von zahllosen Unbekannten vernichtet, während Verkündungen von Rekordgewinnen über die Ticker laufen. Ein Teil ihrer Vergütung beruht auf Aktienoptionen, und bei Entlassungen steigen die Kurse.

Der eigenen Entfremdung vom Ergebnis ihrer Arbeit sind sie sich nicht bewusst. Sie sind keine Unternehmer, sondern Manager, und Verantwortung ist ein sentimentales Lied aus der Antike.

Aber man soll die Hoffnung nie aufgeben, dass alles noch schlechter werden kann.

12 Comments:

Blogger Chris said...

Ein kleiner, bitterböser Gedanke: die armen Weißhemden von der Dresdner Bank - nichts als Geld verwalten gelernt und jetzt stehen sie plötzlich ohne Geld da...das klingt böse, aber wer sich einem amoralischen System unterwirft, darf der darauf hoffen, moralisch behandelt zu werden, wenn es darum geht, das System zu stärken und konkurrenzfähig zu halten? Und was alle anderen, also auch uns eingeschlossen, betrifft, muss man fragen, warum sind wir auch so blöd, dass wir die Verantwortung für unsere Existenz zu 100% aus den Händen geben, in die Hände eines rein profitorientierten Systems? Aber welche Möglichkeit gibt es ansonsten, als unsere Verantwortung an die "Planwirtschaft" abzugeben? Vielleicht kann man damit beginnen, ein wenig bewusster zu leben und sich frühzeitig nach überdauernden Werten umzuschauen und nicht nach dem Motto zu leben: nach mir die Sintflut - denn oft kommt sie schon zu Lebzeiten über uns.

24.9.06  
Blogger Lundi said...

Leider ein sehr wahrer Text. Und die zwei Grundfähigkeiten des erfolgreichen Managers kann man leider auch zu oft beobachten.

24.9.06  
Anonymous Che Opa said...

Vielleicht muß sogar alles erst einmal noch schlechter werden, bevor es besser werden kann.

Das Grundproblem bleibt uns sowieso erhalten: was machen wir hinterher mit den Revolutionären?

24.9.06  
Blogger Markus Quint said...

/Chris: Ein funktionierendes Wirtschaftssystem muss Anreize schaffen. Wir sind jedoch an einem Punkt angelangt, an dem die Anreize für einen sehr kleinen Teil des Systems pervertiert werden. Mich stört daran enorm, dass es keine kreativen Unternehmer sind, die mit den Anreizen bedacht werden, sondern schnöselige Manager. Und warum der Geschäftsführer einer AG gegenüber dem Aufsichtsrat nicht weisungsgebunden ist, werde ich in hundert Jahren nicht verstehen.

Es ist dasselbe in allen Systemen: Sie wurden irgendwann von Menschen gemacht, und anschließend machen die Systeme Menschen. Oder Monster.

/Lundi: Ich wollte gewiss nicht gegen alle, die Erfolg haben, im Rundumschlag polemisieren. Es gibt noch einige, die zum organischen Wachstum von Unternehmen beitragen.

/Che Opa: Parmesan und Partisan, wo sind sie geblieben - Partisan und Parmesan, alles wird zerrieben.
Matthias Beltz

24.9.06  
Blogger Falcon said...

Die Idealvorstellung dahinter scheint die sich selbstwartende Produktionsmaschinerie ohne den geringsten menschlichen Anteil zu sein.
Wer dann aber noch das Geld haben soll, um Aktien der Unternehmen zu kaufen und damit die Manager zu finanzieren, ist mir schleierhaft.

25.9.06  
Blogger Markus Quint said...

Geld verschwindet nicht, es wechselt nur die Tasche. Bekanntlich fördert weder eine Kumulierung der Mittel, noch Export von Arbeitsplätzen den Binnenmarkt. Aber solange menschliche Arbeitskraft irgendwo auf der Welt kostengünstiger ist als eine sich selbst wartende Produktionsmaschinierie, wird man z.B. eher in China oder Indien investieren, als in Deutschland.

25.9.06  
Anonymous andie kanne said...

Unkritische Konsumenten generieren unkritische Unternehmen.

25.9.06  
Anonymous eon said...

Der Zug ist für die nächsten 100 Jahre abgefahren. Was kommen wird ist eine Radikalisierung der Politik. Ein Schuss, der noch mehr in den Ofen gehen wird, als das aktuelle Weißhemdentum.

Der Geldstrom fließt gerade nach oben und nach rechts(Osten). Da kann man nur zusehen und hoffen, dass der Zorn der Menschen darüber in etwas kreatives mündet. Wenn es denn allen klar wird...

25.9.06  
Anonymous c17h19no3 said...

manchmal bin ich ja davon überzeugt, wenn man geld abschaffen könnte, gäbe es keine probleme mit in der welt. dafür lohnt es sich übrigens auch mal marx zu lesen und seine geschichte von arbeit und lohn.

25.9.06  
Blogger Markus Quint said...

/Eon: Vielleicht kommt auch eine noch gründlichere Weichspülung der Politik, wie sie im Vorwaschgang vom Rechtslinksbündnis eingeleitet wurde.

/C17H19NO3: Das hängt davon ab, was man unter Problemen versteht. Meine wären jedenfalls nicht gelöst. Aber die sind auch eher von minderwertiger Natur.

25.9.06  
Anonymous simplex said...

Ich fürchte, der Machtmotor ist nicht nur genetisch getrieben. Gier ist ganz leicht erlernbar.

25.9.06  
Blogger Markus Quint said...

Learning by doing.

25.9.06  

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