Sonntag, September 10, 2006

Sog

Während Scholz am Echolot Untiefen ermittelte, ließ Kommandant Milano auftauchen. Durch das Periskop der Cigaro waren keine besonderen Vorkommnisse draußen zu erkennen. Die Wasseroberfläche erstreckte sich wie ein gläserner Teppich bis an den Horizont aus unbefleckt weißer Keramik.

- Die Männer hatten seit Monaten keinen festen Boden unter den Füßen. Wann steuern wir in Richtung Heimathafen?

Maschinist Halmich schaute während seiner Frage aus den Augenwinkeln in Richtung Milano, der neben ihm auf dem Turm des U-Boots stand und die abgestandene Luft wie ein Erstickender in seine knisternden Lungen sog.

- Solange wir keine neuen Anweisungen erhalten, kreuzen wir weiter zwischen den vorgegebenen Koordinaten. Die friedliche Stille um uns ist trügerisch. Wir wissen, dass der Feind aus dem Nichts auftaucht. Sie haben es als Forschungsausflug deklariert, aber es ist mehr als eine Kreuzfahrt unter Wasser. Die Mission kann von einem Moment auf den anderen eskalieren und im Ernstfall darin bestehen, die Existenz unseres Volkes zu verteidigen. Mit den nuklearen Sprengköpfen tragen wir jeden Funken Hoffnung in den Bombenschächten der Cigaro.

- Mit diesen Waffen könnten wir unsere Welt mehrfach in die Luft jagen, aber der Feind bleibt unberechenbar. Die Phasenauswertungen der Forscher lassen immer noch keine Rückschlüsse auf den Zeitpunkt des nächsten Phänomens zu. Der Feind hat kein Gesicht. Wir wissen nichts über ihn. Er kann jederzeit unvermutet auftauchen und eine neue Katastrophe auslösen, die wieder Hunderttausenden das Leben kostet.

Sie sahen sich kurz in die Augen, zuckten beide mit den Schultern, und kletterten dann über die senkrechten Sprossen der Leiter zurück unter Deck. Milano ließ abtauchen in die Tiefen des kristallklaren Wassers.

Nachdem sich Escher, begleitet von einem gewaltigen Furz, der verdauten Reste seiner Speisen vom Vortag entledigt hatte, erhob er sich von der Klobrille und drückte die Spülung.

Sieben weitere, bleierne Wochen waren vergangen, als die plötzliche Erschütterung des Ozeans, gefolgt von einem Donnergrollen wie aus dem Gedärm der Hölle den schlimmsten Ernstfall ankündigte. Das in kurzen Abständen ausgestoßene Alarmsignal fuhr jedem Mitglied der Besatzung bis ins innerste Knochenmark. Eine halbvolle Fuselflasche zerschellte unbeachtet auf dem Boden, innerhalb von Sekunden waren alle nüchtern und an ihrem Platz.

Das U-Boot wurde von einem unermesslichen Sog erfasst und in weiten Kreisen in die Tiefe gerissen. Die Atomraketen warteten abschussbereit in den Schächten, aber da war kein Ziel auf dem Radar. Scholz und dem kleinen Mann neben ihm, der den eigenartigen Familiennamen Schüssel trug, rollten Schweißperlen über die Schläfen und vermischten sich mit Tränen der Angst. Schüssel konnte jedes elektronische System im U-Boot mit verbundenen Augen zerlegen und wieder zusammensetzen. Er war sicher, dass alles funktionierte. Aber da war nichts auf dem Radar zu sehen.

Plötzlich verebbte der Sog. Escher hob den Deckel des Spülkastens an und rüttelte an dem Schwimmer. Das Beben kostete weiteren 16543 Angehörigen von Kapitän Milanos Volk, das die Kappe des Schwimmers bewohnte, das Leben und löste den Sog erneut aus. Die Cigaro stürzte mit der Flut durch das Spülrohr, prallte gegen eine weiche Masse und wurde zusammen mit der Masse weitere Rohre hinab in übel riechende Kanäle geschwemmt. Nach einer langen Reise und vielen Seemeilen wurde die Cigaro in ein salziges Meer gespült.

- Immer wieder ein schöpferischer Akt, wenn man nach dem Morgenkaffee seinen Darm entleert ...,

dachte Escher und schloss die Klotür hinter sich, nachdem er das schmale Fenster zum Lüften gekippt hatte. Er würde demnächst den alten Spülkasten auswechseln lassen.

Für die Salzwasserumgebung war das U-Boot nicht geeignet. Kapitän Milanos Volk kannte nur den Süßwasserozean. Die Cigaro löste sich mitsamt ihren Nuklearwaffen auf, ohne jemals eine Feindberührung gehabt zu haben.

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>> Unchristliche Seefahrt unter Wasser

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8 Comments:

Anonymous plumpsklon said...

Bei asymmetrischer Kriegsführung werden Präventivschläge nach allen Seiten empfohlen.

Notfalls ist die Entladung künstlich herbeizuführen, aber gefurzt wird nur bei geöffnetem Turmluk.

10.9.06  
Anonymous Andie Kanne said...

MQ: Es muss unbedingt verhindert werden, dass Escher seinen "THE BEST NIAGARA" Spülkasten gegen einen modernen, stil- und geräuschlosen Wasserkasten aus Plastik auswechselt!!

RETTET "THE BEST NIAGARA"

10.9.06  
Anonymous Anonym said...

Die story ist mindestens so verwinkelt und überraschend wie die städtische Kanalisation Frankfurts - helle Begeisterung aus der Metropolregion Rhein-Neckar!!!

Was Kapitän Milanos Volk angeht, bedaure ich die mangelhafte Materialausstattung sehr, die der sympathischen Crew zum Verhängnis wurde! Man hätte technisch viel weiter vorausdenken und mit allen Wassern gewaschen sein müssen!

Milano hätte mit einem punktgenauen Manöver durch Eschers Hautporen in seine Blutbahn vordringen und mit chemischen Waffen angemessene Modifizierungen in dessen Gedärm initiieren können. Ein künstlicher Darmausgang für Escher oder auch nur eine allnächtliche Inkontinenzstörung hätte doch so manches Seebeben in der Schwimmergalaxie verhindert!

Milanos bedauernswertes Volk war einfach zu sehr in der puren Materialität seiner sichtaren Welt gefangen. Der Feind saß ganz woanders und wurde nicht wahrgenommen. Man sollte stets umfassend vorausplanen!

11.9.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

@mq: rotfl. Made my day...

11.9.06  
Anonymous eon said...

...das Meer sehen und sterben...

11.9.06  
Blogger Markus Quint said...

/Plumpsklon: Vergorene Guerilla-Taktiken können in manchen Fällen nach hinten losgehen und asymetrische Gesichtszüge vollkommen zum Entgleisen bringen.

Ab einer gewissen Kalibergröße muss auch bei geöffneten Luken mit erheblichen Kollateralschäden gerechnet werden.

/AK47: Ich frage mich immer noch, warum du nicht die modernere Variante des AK74 gewählt hast. Aber der Hinweis auf The Best Niagara ist hervorragend.

/MKH: Technisches Vorausdenken ist eine berechtigte Forderung an die Entwickler von Waffensystemen. Aber gibt es U-Boote, die gegen eine Konfrontation mit Zuckerwasser ab einer gewissen Dichte gewappnet sind? Vermutlich ist den Angehörigen von Kapitän Milanos Volk Salz in Zusammenhang mit sonntäglichen Frühstückseiern wohlbekannt, aber die Idee von einem Salzwasserozean hält man in dortigen Forscherkreisen für absurd und unrealistisch.

Deine Idee, den Feind über die gewiefte Taktik des intravenösen U-Blut Krieges bis zum bitteren Ende des künstlichen Darmausgangs zu bekämpfen, zeugt von hoher Expertise auf dem Schlachtfeld der strategischen Kriegsführung.

Den Tod der tapferen Seeleute bedaure ich auch sehr.

/DGT Steini: Aye aye, Sir.

/Eon: Wenn ich die See seh, brauch ich kein Meer mehr.

11.9.06  
Anonymous AK06 said...

mq: noch moderner? geht das denn?

12.9.06  
Blogger Markus Quint said...

AK06? Gibt es die denn?

12.9.06  

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