Freitag, September 01, 2006

Bruderkuss

Don Feo war Patenonkel der Pesadillo Zwillinge. Vor neunzehn Jahren erfüllte er seine verwandtschaftliche Pflicht und adoptierte die beiden nach den Morden am Rest ihrer Familie. Damals waren sie noch Kinder und spielten im Sandkasten. Später wurden Joe und Nelson Pesadillo die wichtigsten Finger an der rechten Hand ihres Paten. Sie halfen ihm dabei, seinen Sandkasten sauber zu halten, ein Areal, das sich über ein Drittel von Oklahoma City erstreckte. Don Feo konnte sich auf die beiden besser verlassen, als auf sich selbst. Er übertrug ihnen alle Aufgaben, die er den anderen Familienmitgliedern nicht zutraute.

Joe und Nelson waren zweieiige Zwillinge und vollkommen unterschiedlich in ihren Eigenschaften. Der energische Nelson besaß einen kompakten Körper und dichtes, schwarzes Kopfhaar, das er mit einem Gel bändigte. Obwohl er sich zweimal täglich rasierte, lag über seiner unteren Gesichtshälfte immer ein dunkler Schatten. Ungestüm wie sein Haarwuchs war sein Charakter. Er hatte Mühe, seine Neigung zu unvermittelter und übertriebener Gewalt zu beherrschen. Häufig musste er von seinem besonnenen Bruder Joe gebremst werden.

Im völligen Gegensatz zu Nelson war Joe groß und hager. Die rotblonden Haare begannen bereits in seiner Jugend, auszufallen. Er war blass, erweckte einen lethargischen Eindruck und sprach wenig. Aber in den entscheidenden Situationen war er sowohl körperlich, als auch gedanklich schneller und wendiger als Nelson.

Von den chinesischen Triaden, mit denen sich Don Feo und die Polen die Stadt teilten, hatte das Zwillingspaar den Spitznamen The Yinyangs bekommen, weil sie sich bei der Abwicklung von Don Feos Geschäften wie Zahnräder ergänzten. Aber ebenso sehr, wie sie sich geschäftlich ergänzten, stritten sich die beiden während der restlichen Zeit. Jeder wollte in der Gunst des Paten der erste sein, und die Tradition gab vor, dass nur einer die Nachfolge des Familienoberhaupts antreten konnte.

Als sie sich am Bahnsteig trafen, begrüßten sie sich wie gewohnt mit einem Wangenkuss. Der Zug war nur noch wenige Meter entfernt, da versetzte Joe seinem Bruder einen Stoß, und Nelson fiel auf die Gleise. Noch bevor sein Oberkörper vom Zug zerquetscht und zur Hälfte durchtrennt wurde, feuerte Nelson zwei Schüsse auf Joe ab. Eine Kugel traf die linke Schulter. Joe begriff die Situation sofort. Nelson musste seinen entsicherten Revolver schon in der Hand gehabt haben, als er ihn vor den Zug stieß. Vermutlich hatte ihm der Pate dieselbe Geschichte aufgetischt.

Nur eine Stunde später starrte ihn der Don mit einem Loch zwischen den Augen und eingefrorenem Blick an. Sein Geheimnis, dass er vor neunzehn Jahren den Bruder und die Schwägerin eigenhändig aus dem irdischen Dasein befördert hatte, nahm Don Feo mit ins Grab.

Nach der Beerdigung sah sich Don Pesadillo nach geeignetem Nachwuchs für den engeren Familienkreis um.

8 Comments:

Anonymous Patenopa said...

Na, das is aber wieder mal 'n Ding, Teufel auch. Alles drin.

1.9.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Leck mich fett. Der Herr Quint hat mal wieder den Salto Multi-Mortale geschafft.

2.9.06  
Blogger Oles wirre Welt said...

Hat da wer "Pate gestanden"? :)

So gefällt mir die Mafia!

2.9.06  
Blogger Markus Quint said...

/Patenopa: Sex & product placement fehlen.

/DGT Steini: Salto Multi-Mortale. Genial. Damit könntest du eine Genrebezeichnung für diese Art von Kurzprosa geschaffen haben.

/Ole: Ich gestehe. Der Pate der Inspiration heißt Charles Perry (Portrait of a young man drowning)

2.9.06  
Anonymous Patenopa said...

Und warum steht da vorne immer noch "0 Kommentare?"

2.9.06  
Blogger Markus Quint said...

Offenbar besitzt mein Provider eine merkwürdige Art von Humor.

2.9.06  
Anonymous stard said...

dann würde er doch zu ihnen passen. der provider ;)

aber wie immer eine sehr gelungene story. ich hoffe sie nehmen es mir nicht übel das ich mich ständig wiederhole. aber im grunde sind sie ja selber schuld, schreiben ja nie irgendwelchen schund ...

2.9.06  
Blogger Markus Quint said...

Nein, das nehme ich Ihnen selbstverständlich nicht übel. Vielmehr freue ich mich darüber, einen winzigen Beitrag zu Ihrer gelungenen Abendunterhaltung leisten zu können.

2.9.06  

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