Montag, August 28, 2006

Blogmord

Ein bösartiges Lächeln zuckte in seinem rechten Mundwinkel, als er gerade einen durchdachten, doppeldeutigen Kommentar im Weblog der Zielperson verfasste. S hatte sich über seine originellen Kommentare Amora genähert und ihr Vertrauen gewonnen. Speziell für diesen Auftrag hatte er ein eigenes Weblog unter dem Pseudonym S-Senzio eingerichtet, und manchmal, wenn er sie mit einem besonders treffenden Kommentar auf seine Seite gelockt hatte, kommentierte sie auch seine Beiträge, die er ausschließlich vor dem Hintergrund psychologischer Fallen schrieb.

Inzwischen war er sich sicher, dass Amora eine Frau war und keiner von den Männern, die sich im Internet als Frauen ausgaben. Sie ging mit ihren Texten immer bis an die Grenze ihrer Persönlichkeit, die sie allerdings genauso wenig überschritt, wie sie zu einem Austausch über Email bereit war. Obwohl sie wenig schrieb, was Rückschlüsse auf ihre momentane Identität und ihren Aufenthaltsort zuließ, war er sich seiner Sache sicher. Er spürte, wie er ihr von Tag zu Tag näher kam.

Mit technischen Mitteln war Amora nicht zu fassen. Das hatte ihm sein römischer Auftraggeber gleich zu Anfang gesagt, als S ihn angerufen hatte. Der Römer erklärte ihm, dass er einige talentierte Hacker auf sie angesetzt hatte, aber Amoras Weblog befand sich auf einem Server in Asien, und immer wenn sie darauf zugriff, verwischte sie ihre IP-Adresse. Außerdem war es möglich, dass sie häufig die Stadt wechselte und sich von Internet-Cafés aus einwählte.

S beobachtete Amora seit drei Monaten, er hatte jeden ihrer Blogbeiträge analysiert. Auch aus den Kommentaren der Besucher ihres Online-Tagebuchs filterte er aufschlussreiche Hinweise, die er dann kritisch auswertete. Bei einem ihrer Kontakte war sich S sicher, dass Amora ihn persönlich kannte. Sein Pseudonym war Odium, aber er machte in einem Impressum Angaben zu seinem Klarnamen und zu der Stadt, in der er wohnte. S hatte sich bereits vor einigen Wochen Zugang zu Odiums Wohnung verschafft und sich dort während dessen Abwesenheit umgesehen. Kurz zuvor hatte Odium in seinem Weblog angekündigt, dass er für mehrere Monate beruflich ins Ausland müsse.

Das Appartement war stilvoll und detailverliebt eingerichtet. S gewann interessante Einblicke in Odiums Persönlichkeit, aber auch auf dem Computer fand er keine Hinweise auf Amora. Trotzdem spürte er ihre Nähe. Er wusste, dass er auf dem richtigen Weg war.

Als S gerade das Fenster geöffnet hatte, um frische Luft ins Zimmer zu lassen, wurde er von einem Pfeil getroffen, der von schräg oben direkt unter dem linken Schlüsselbein in die Brust eintrat und sein Herz durchbohrte. Der Pfeil war von Amora abgeschossen worden, der mit einer Präzisionsarmbrust hinter dem Kamin des gegenüber liegenden Hauses stand.

Amora liebte sein Spiel. Es bestand darin, sich Methoden auszudenken, um die Identität und den Aufenthaltsort von Profikillern herauszufinden, die er dann zur Strecke brachte. In diesem Fall hatte er die Online-Variante gewählt. Nachdem er S über den Mittelsmann beauftragt hatte, rief dieser ihn an und er nannte S die Webadresse von Amoras Weblog, den er kurz zuvor ins Leben gerufen hatte und mit scheinbar verschlüsselten Texten fütterte.

Zusätzlich richtete er ein zweites Weblog ein. Von dort aus agierte er unter dem Decknamen Odium und schrieb Kommentare bei Amora. Das Impressum in Odiums Weblog führte zu einem Appartement, das er speziell für diese Jagd angemietet und mit Liebe zum Detail eingerichtet hatte. Es war klar, dass S früher oder später in der Wohnung auftauchen, und ihn von dort zu seiner eigenen Adresse führen würde.

Amora legte die Ambrust in den schwarzen Plastikkoffer. Er war ein leibhaftiger Superheld, und ein bösartiges Lächeln zuckte in seinem linken Mundwinkel.

9 Comments:

Anonymous Anonym said...

Die Schattenwelt der Blogosphäre... - AUFPASSEN!!!



Ich geh dann mal eben alle persönlichen Hinweise aus meinem Weblog löschen und checke meinen Recurvebogen...

29.8.06  
Anonymous eon said...

Mist!!! Aufgeflogen....

29.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/MKH: Recurvebogen unter Spannung halten, Fenster nicht öffnen.

/Eon: IP-, und sonstige Adressen wechseln.

29.8.06  
Anonymous Chris said...

Na, das war ja mal ein echter Profi, der Killer. Ein echter Profi hätte sich gegenüber eingemietet und die Wohnung ersteinmal geduldig einen oder zwei Monate observiert; er wäre ihr nicht sofort so nah auf die Pelle gerückt, denn er akzeptiert die Intimsphäre anderer, ja, er liebt die Intimsphäre, denn er ist Profi und kein schwanzgesteuerter Möchtergernkiller. Irgendwann vielleicht hätte er die Nachbarin, die den Zweitschlüssel zur Wohnung hat, heimlich audio- und video-verwanzt, ihr dann mitgeteilt, dass er Rauch durchs Fenster gesehen hätte. Somit hätte er sich das erste Mal Zutritt zur Wohnung verschafft...aber er wäre nie gleich selbst in Erscheinung getreten...woher ich das weiß...? Tut hier nichts zur Sache...

29.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Odium war nicht die Zielperson, sondern nur eine vermeintliche Informationsquelle. Zumindest ahnte S nicht, dass Odium und Amora dieselbe Person sind. Warum hätte er die Wohnung Odiums zwei Monate lang beobachten sollen? Davon abgesehen: Nirgends steht, dass er es nicht getan hat ...

Jedenfalls beweist deine Argumentation, dass du dich sehr gut im Thema auskennst ...

29.8.06  
Anonymous ttr said...

Erinnert mich irgendwie verdammt an "den ersten Blogkrimi" (so nannte sich das...hmm Projekt)
Das war abgedreht - der Text war nicht in einem Blog abgelegt, sondern bestand aus mehreren Teilen, erzählt von verschiedenen Personen und (wie du wahrschenlich vermutest) lagen die Texte auf verschiedenen Blogs, die sich nicht verlinkt haben - man musste schon Google bemühen.

Jedenfalls eine spannende Sache von der ich die Adresse nicht mehr habe und Suchwörter fallen mir auch keine ein.
Vielleicht sollte man das reproduzieren?!

29.8.06  
Anonymous Eiskalter Engel said...

Nur Auftragskiller arbeiten perfekt. Ich spare mir meine Gefühle für die Bar-Pianistin.

30.8.06  
Anonymous Anonym said...

@ttr
Hört sich gut an! Bin dabei.

30.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/TTR: ... klingt nach komplexem Rollenspiel mit unabsehbarer Eigendynamik, die sich allerdings auch schnell im Sand verlaufen kann ...

Wäre übrigends eine verlockende Sache, mal die halbe Welt à la Orson Wells via Weblog-Community auf falsche Fährten zu führen, aber heutzutage rennen doch nur noch völlig abgeklärte, coole Säue rum, die für sowas kein müdes Lächeln mehr übrig haben.

/Getarnter Engel: Pianistin ist ok. Aber pass auf, dass du nicht an die Gärtnerin gerätst. Dein Weblog wird noch benötigt.

30.8.06  

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