Mittwoch, August 23, 2006

Kein Rosengarten




Als die Polizisten zehn Minuten nach Zwei am frühen Nachmittag vor dem Hochhaus in Tokios Stadtteil Kanda standen, übte Tetsuo seit sieben Stunden und zwölf Minuten. Er hatte während dieser Zeit die acht Quadratmeter seines Zimmers nicht verlassen.

Im Gegensatz zu Yamazuka, der Bratsche spielte, konnte Tetsuo es sich erlauben, in den eigenen vier Wänden zu üben. Als Dirigent bekam er keinen Ärger mit den Nachbarn. Dank seiner Kopfhörer studierte er neue Stücke ein, ohne dass die Außenwelt etwas davon mitbekam. Orchesterliteratur, die er
auswendig beherrschte, dirigierte Tetsuo ohne Hilfe der Kopfhörer. Tetsuo war ein lautloser Musiker. An diesem Dienstag dirigierte er Bruckners achte Sinfonie in c-moll, die er seit Jahren nur über die Vorstellung der Musik in seinem Kopf perfektionierte.

Tetsuos Mitbewohner Yamazuka musste sich jeden Tag in die Listen vor den begehrten Übungszellen an der Hochschule eintragen, um ein angemessenes Übungspensum zu erreichen. Die beiden Studenten sahen sich kaum, was aber keinen störte, da jeder in seinem eigenen musikalischen Universum lebte.

Tetsuo wunderte sich, dass er Yamazuka drei Stunden und acht Minuten zuvor für die Dauer von exakt zwei Minuten und fünfzig Sekunden pfeifen hörte. Es war eine Angewohnheit Tetsuos, bei jedem außergewöhnlichen akustischen Ereignis kurze Blicke auf die Uhr zu werfen und sich Anfang und Ende, sowie die exakte Länge des Ereignisses zu merken. Diese Zeitdaten konnte er dauerhaft in eigens dafür eingerichteten Schubladen seines Gedächtnisses ablegen. Tetsuos Formel seines Daseins lautete: Leben = Hören x Zeit.

Das Pfeifen war zu dieser Uhrzeit ein außergewöhnliches akustisches Ereignis, denn eigentlich sollte
Yamazuka in seiner Übungszelle sein.

Yamazuka hatte die lästige Angewohnheit, ständig irgendwelche Schlagertitel vor sich hin zu pfeifen. Keine japanischen Schlager, sondern westliche Melodien. Tetsuo konnte sich nicht erklären, woher sein Mitbewohner diese Lieder überhaupt kannte, da das Studium der klassischen Notenliteratur seiner Meinung nach die gesamte Zeit eines Musikers beanspruchte.

Das Lied, das er an diesem Tag gepfiffen hatte, setzte sich aufgrund verschiedener Umstände in Tetsuos Gedächtnis fest. Es war nicht einfach zu pfeifen, und obwohl Tetsuo die Melodie nicht kannte, fiel ihm auf, dass Yamazukas Zeitmaß zwar exakt war, er aber an drei Stellen um einen Halbton daneben lag. Schlager sind in ihren musikalischen Strukturen banal und die zugrunde liegenden Kompositionsregeln waren
nach Tetsuos Ansicht international vergleichbar, solange man die kulturell bedingt unterschiedlichen Tonleitern berücksichtigte.

Merkwürdig war aber vor allem, dass das Pfeifen nicht aus Yamazukas Zimmer zu kommen schien. Aber Tetsuo war sich sicher, dass es nur Yamazuka sein konnte, der pfiff, denn er hätte Yamazukas Pfeifen unter jedem anderen heraushören können.

An Tetsuos und Yamazukas Wohnung hatten die Polizisten zuerst geklingelt, weil die beiden direkte Nachbarn der jungen Frau Hakase waren. Akemi Hakase war
kurz zuvor von ihrem Vater tot in ihrer Wohnung entdeckt worden. Überall in der winzigen Wohnung klebte Blut. Der mit Tatamimatten ausgelegte Boden, die Wände, und sogar die Decke waren mit Blut beschmiert.

Der Arzt stellte fest, dass der Tod der jungen Frau gegen elf Uhr eingetreten sein musste. Die Befragung der Nachbarn ergab, dass keiner um diese Uhrzeit etwa Besonderes bemerkt hatte.


Frau Hakase war auf eine außerordentlich grausame Weise gefoltert und ermordet worden. Man hatte ihr den Mund mit einem breiten Lederriemen geknebelt. Der Rest ihres Körpers war mit dünnem, aber reißfestem Nylon in der Art von Angelschnur gefesselt. Die durchsichtige Schnur war so fest angezogen, dass sie unter die Haut bis
tief ins Fleisch und an zwei Stellen sogar bis auf die Knochen schnitt. Der Mörder musste beim Festziehen der Schnur eine ungeheure Kraft aufgewendet haben. Zusätzlich war Akemi Hakases Körper von einer Unmenge kleiner Schnittwunden übersäht, die man ihr mit einer Rasierklinge beigebracht hatte. Die tiefen Wunden wären als einzelne Verletzungen zwar schmerzhaft, aber nicht tödlich gewesen. Die Menge der Verletzungen führte zu einem hohen Blutverlust mit Todesfolge.

An eine Wand des Wohnraumes hatte der Mörder
in westlicher Schrift mit dem Blut der toten Frau, quer über ein Bild des Buddha, die Worte I never promised you a rosegarden geschmiert.

Bei der Vernehmung sagte
Tetsuo dem Polizisten mit Dienstgrad eines Keibi, er habe nichts von dem Mord mitbekommen. Auf die Frage nach seinem Mitbewohner antwortete er, Yamazuka sei noch vor Sonnenaufgang zum Üben in die Hochschule gefahren. Als Yamazuka am späten Abend aus dem Karate Dojo kam, fragte er ihn, ob er gegen elf Uhr in der Wohnung gewesen sei. Aber Yamazuka schaute ihn nur irritiert an und schüttelte den Kopf. Tetsuo musste sich getäuscht haben, denn Yamazuka vertrat die traditionelle, japanische Auffassung von Ehre.

Genau wie die anderen Nachbarn mussten sich die beiden Musikstudenten eine Woche später zu einer weiteren Vernehmung auf dem Revier einfinden.

Die Suche nach dem Mörder blieb nicht erfolglos. Vier Wochen nach der Tat wurde ein Arbeitskollege von Frau Hakase festgenommen, der laut ihren Kolleginnen bereits durch sexuelle Belästigungen aufgefallen war. Auf der Festplatte seines Computers fand man Unmengen pornografisches Material aus dem SM-Bereich, das sich der Mann von illegalen Internet-Servern heruntergeladen hatte. Nach tagelangen Vernehmungen gestand der Verdächtige die Tat.

Yamazuka stand kurz vor dem Abschluss seines Hochschulstudiums und zog zwei Monate nach dem Mord aus der gemeinsamen Wohnung aus. Er ging in die Vereinigten Staaten, wo er in verschiedenen Orchestern spielte. Die beiden verloren schnell den Kontakt und auch Tetsuo zog nach seinem Examen weg aus Tokio. Nach einigen Orchesterstationen in Europa arbeitete er als Dirigent in Yokohama.

Während einer Europatournee mit seinem Sinfonieorchester stöpselte Tetsuo auf dem Flug zwischen Wien und Mailand die Kopfhörer in das Bordradio ein. Er hatte zwar ein digitales Arsenal an eigenen Tonkonserven dabei, aber manchmal hörte er gerne Radio, weil er den Überraschungseffekt mochte. Auf der Suche nach dem Klassiksender hörte Tetsuo plötzlich fünf Töne einer Melodie, die ihm bekannt vorkam. Er war für die Dauer von höchstens zwei Sekunden bei dem Programm hängengeblieben, weil der Schalter für die Sendersuche klemmte. Obwohl er weitergeschaltet hatte, blieb ein beklemmendes Gefühl. Er schaltete wieder zurück auf den anderen Sender, wo eine Frauenstimme diesen
amerikanischen Countrytitel sang.

Als er die zweite Textzeile des Refrains hörte, konnte Tetsuo die Melodie plötzlich wieder zuordnen und an seinen Schläfen bildeten sich winzige Schweißperlen. Der Radiomoderator nannte als Interpretin Lynn Anderson. Um sich eine letzte Sicherheit zu verschaffen, suchte Tetsuo nach seiner Ankunft in Mailand sofort einen Musikladen auf
und verlangte alle verfügbaren Tonträger von Lynn Anderson. Das Stück befand sich auf der CD Rose Garden und hatte eine Länge von zwei Minuten und fünfzig Sekunden.

13 Comments:

Anonymous wort-wahl said...

herrlich. jetzt holen sie die krimis ja doch stück für stück aus der schublade. frau martha wird sich freuen! :)

23.8.06  
Blogger kein einzelfall said...

„Tokio ist ja schon irgendwie der Wahnsinn, obwohl wir alle noch nie da waren.“ - Bill Kaulitz, Sänger bei Tokio Hotel.

('tschuldigung)

23.8.06  
Blogger Lundi said...

Tolle Geschichte ! Da läuft es einem schon kalt den Rücken herunter...

23.8.06  
Anonymous Anonym said...

Ja, super Kompaktkrimi - der auch viele Fragen aufwirft:

// Was hatte Yamazuka für ein Verhältnis zu seiner Nachbarin und warum war es ihm ein Bedürfnis, ihr so eindringlich zu vermitteln, dass er ihr nie einen Rosengarten versprochen habe? Oder geschah alles nur aus einer Pfeiflaune heraus?

// Welche Schritte wird Tetsuo unternehmen oder wird er mit seinem einsamen Wissen durch die Welt und daran zugrunde gehen?

// Was ist die traditionelle, japanische Auffassung von Ehre?

// Und das Wichtigste: Kann man Lynn Anderson dafür zur Verantwortung ziehen???

23.8.06  
Anonymous martha said...

Juhuuuu da freut sich die Martha. Und wie gehts weiter?

23.8.06  
Anonymous Marielsd said...

wow

23.8.06  
Blogger Scheibster said...

Ein Krimi im Asien-Kino-Format. Respekt!

24.8.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Uh, sauspannend. Bei der Vorstellung der Gefühls- und Gedankenwelt dieser asiatischen Robotos läufts mir eh schon kalt den Rücken runter und dann noch Sex and Violence... thrill!!

24.8.06  
Anonymous Nomak said...

Fühle mich gerade in die Welt von John Rains versetzt... Kennst Du diese Romane von Barry Eisler? Tokio Killer, Der Verrat, Die Rache? Könnte mir aufgund deiner Kurzgeschichte gut vorstellen, dass sie Dir gefallen.

24.8.06  
Anonymous eon said...

Sehr schön! Ich bin ja dafür, dass Tetsuo stillschweigt. Traditionelle Ehre und so...

24.8.06  
Anonymous stard said...

sehr schön. wirklich :)


@mkh

es geht nicht um die nachbarin, es geht imho um die banalität von schlagermusik im allgemeinen. damit wäre auch frage vier beantwortet. und die traditionelle auffassung von ehre schliesst lügen in der regel aus. aber wahrscheinlich auch verrat also ist die frage zwei auch geklärt :)

24.8.06  
Blogger Markus Quint said...

@alle: Ich hätte nicht gedacht, dass jemand den Beitrag liest, weil ich davon ausging, der Text sei für das Internet zu lang. Ich entschuldige mich hiermit bei allen Lesern dafür, dass ich sie unterschätzt habe. (Aber letzten Endes ging ich doch nur von mir selbst aus.) Das soll nicht wieder vorkommen. Danke für die Aufmerksamkeit!

@Wort-Wahl: Man klemmt sich an dieser Schublade leicht das Hirn ein, aber das gibt meistens nur ein paar blaue Flecken auf den Gedanken.

@Kein Einzelfall: Jungs namens Bill und Mädels namens Paris, die ihre Pubertät noch nicht erfolgreich abgeschlossen haben, verzeiht man doch fast jede Äußerung.

@Lundi: Schade, dass die Außentemperatur inzwischen nachgelassen hat, sonst hätte der kalte Schauer auch einen sinnvollen klimatechnischen Effekt.

@MKH:
- Ich vermute, Yamazuka hatte ein sehr schwieriges - und ziemlich gestörtes - Verhältnis zu seiner Nachbarin.
- Wie ich ihn einschätze, wird er es schnell verdrängt haben und sein Leben weiterhin der Musik widmen. Aber es ist nur eine Vermutung.
- s. Stard oder Hagakure
- Im Fall Anderson plädiere ich für unschuldig.

@Martha: Irgendwie geht´s doch immer weiter. Das ist aber nur eine von vielen Meinungen.

@Marielsd: Trifft ein Hund einen Hai. Sagt der Hund: "Hi." Sagt der Hai: "Wow."

@Scheibster: ... und läuft nur in diesem Programmkino.

@DGT Steini: Wenn dir dieses Genre zusagt, kann ich auch die Geschichten über Inspektor Saito von Janwillem van de Wetering empfehlen.

@Nomak: Barry Eisler kenne ich nicht. Dieser Zustand wird sich dank deines Tipps ändern.

@Eon: Er wird es verdrängen. Jetzt bin ich mir fast sicher.

@Stard: Meisterhafte Antizipation.

24.8.06  
Anonymous Nomak said...

Bin gespannt auf Deine Meinung. Ich fand/ finde die super.

25.8.06  

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