Sonntag, August 27, 2006

Globalderby



Es waren die einzigen Abenteuer in Existenzen, die ansonsten entweder aus stumpfsinniger Arbeit bestanden, oder aus Arbeitslosigkeit, die noch stumpfsinniger war.

Das Blut der Ereignisse vom vergangenen Spieltag war kaum getrocknet, die Verluste kaum verschmerzt, wenn wieder eine leere Woche vor ihnen lag, in der sie sich auf die nächste Begegnung vorbereiteten. Es war immer die kommende Begegnung, die sie sich noch härter und brutaler wünschten, als alle vorangegangenen. Im Biernebel ihres Stammlokals wurden abends Taktiken und Kampfaufstellungen besprochen.

In den vergangenen Jahren hatte sich die Gewalt von den ersten Ligen in die Regionalligen verlagert. Hier war die Situation für die Polizeibehörden zu unüberschaubar, um wirkungsvolle Maßnahmen zu ergreifen und die Fans voreinander zu schützen.

Ältere Beamte erinnerten sich gern an längst vergangene Zeiten, in denen sich radikale Mitglieder von verfeindeten Fanklubs hinter echten Stadien verabredeten, um mit echten Schlagringen und echten Stahlkappenstiefeln aufeinander loszugehen.

Seit sich die Auseinandersetzungen in Software-Welten verlagert hatten und über Online-Netzwerke ausgetragen wurden, war die Szene völlig unkontrollierbar geworden. Selbst wenn man durch verdeckte Ermittler herausgefunden hatte, wann und wo eine Prügelei stattfinden sollte, war die Arbeit der Sondereinsatzkommandos mit großen gesundheitlichen Risiken verbunden. Um in die Kampfhandlungen einzugreifen, mussten sich die Beamten mittels Elektroden mit dem Netz verdrahten.

Es wurde ein Gesetz verabschiedet, das den Anbieter von Hooligamez 3.0 dazu verpflichtete, einen Emergency Link in die Software einzubauen. Diese Funktion ermöglichte zwar im Vergleich zu älteren Versionen den rechtzeitigen Ausstieg und verhinderte meistens tödliche Verletzungen, löschte aber gleichzeitig alle Spuren und das gesamte Beweismaterial.

Außerdem waren die Fanklubs den Behörden in der Entwicklung von hinterhältigen Hacks immer einen Schritt voraus.

9 Comments:

Anonymous ttr said...

Große Hoffnungen setzten die Ermittler in das Projekt "Minedrop" - ein in Tcl/Tk programmierter künstlicher Spieler, der je nach Beweisbedarf oder der verfügbaren Rechenlast als ein Fanclubmitglied, ein neutraler Beobachter in Form eines Obdachlosen, oder ein Vogel (wenn einmal wieder Satelitenfotos gebraucht wurden) das Spielgeschehen betrachten konnte.
Noch ahnten die Beamten nichts von Gefahr, die seitens der als Kanalratten getarnten Kreditkartenbetrüger und Hirncracker ausging.
"Nichts ist geiler, als im Kopf anderer Leute zu hacken." dachte Mäuserich Tony und schnupperte an einem alten zerfetzten Wollpullover.

28.8.06  
Anonymous ttr said...

Entschuldigung, ich konnte nicht widerstehen. :)

28.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Tony hat das Spiel verstanden.
P.S. Für wertvolle Kommentare entschuldigt man sich hier gefälligst nicht!

28.8.06  
Anonymous ttr said...

Entschuldigung zurückgenommen. :)
PS "Minedrop" sollte natürlich "Minddrop" heissen... und die Kanalratten hätten dann Mindfuck...oder so.

28.8.06  
Anonymous martha said...

Ich bin mir immer noch unschlüssig ob dieser Emergency Link so viel wichtiger ist als das Bewiesmaterial.

28.8.06  
Anonymous stard said...

ist er nicht. wichtig ist allein das spiel :)

28.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/TTR: Minddrop. Geil. Könnte auch meinen Zustand beschreiben, wenn ich morgens aufstehe ... minddropped.

/Martha: Das hängt wahrscheinlich davon ab, wie sehr man sich als Ermittler mit seinem Job identifiziert.

/Stard: Das hängt wahrscheinlich davon ab, in welcher Spielsituation man sich befindet.

28.8.06  
Anonymous Cooligan said...

Wann kommst du wieder herab zu mir?

30.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Herab? Herab?! Ich vermag dich da oben trotz deiner Größe kaum zu erkennen.

31.8.06  

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