Sonntag, Juli 30, 2006

Bierzeltboxen

In einem Moment der atheistischen Leere und Verzweiflung hatte Escher den Entschluss gefasst, sich einer Wallfahrt nach Altötting anzuschließen. Er setzte großes Vertrauen in den Reiseveranstalter, da dieser über eine mehr als zweitausendjährige Erfahrung verfügte.

Das Gehen bereitete ihm vom ersten Tag an kein Vergnügen. Schon nach wenigen Stunden schmerzten die Füße und er verspürte die meiste Zeit einen unstillbaren Bierdurst. Außerdem störten ihn die Gesänge und Gebete der Wallfahrer bei der Suche nach dem Heiligen in der Welt seiner innersten Vorstellung.

An einem Waldrand gab er vor, sich die Schuhe zu binden und blickte der Infanterie Gottes nach, die andächtig hinter ihrem Hauptmann marschierte und zwischen absterbenden Kiefern verschwand. Aus einem Dorf im Tal vernahm Escher die feuchtfröhlichen Klänge einer Blasmusik.

Mag Gott dort oben an seinem Kreuz durch das Waldsterben getragen werden, das Leben spielt sich doch unten in den Tälern des Jammers ab, dachte Escher, während er seinen Schritt an grasenden Kühen vorbei in Richtung des Dorfes lenkte. Beim Gedanken an einen Krug frisch gezapften Bieres bildete sich klebriger Speichel an seinem Gaumen. Bald konnte er den Ursprung der Blasmusik einem blauweiß gestreiften Festzelt am Rande des dorfeigenen Fußballplatzes zuordnen.

Als Escher das Bierzelt betrat, in dem sich die sommerliche Hitze staute, verstummte die Blasmusik. Das hatte aber nichts mit ihm, Escher, zu tun. Die Kapelle hatte ihr letztes Stück gespielt, und die Bühne in der Mitte des Zeltes wurde zu einem Boxring umgebaut.

Escher holte sich am Ausschank bei einer schwergewichtigen Frau im Trachtenkleid eine Maß Bier und setzte sich zwischen die Dorfjugend. Die Frau hatte ihm frivol zugezwinkert. Sie gefiel ihm, aber aufgrund seiner Zurückhaltung wäre ihm nie ein erwiderndes Zwinkern über die Augen gekommen.

Die Boxkämpfe hatten begonnen und die Dorfjugend prostete ihm eifrig zu. Das gefiel ihm gut, denn sein Durst war groß. So ließ er bei der schwergewichtigen Trachtenträgerin in regelmäßigen Abständen die Luft im Glas durch Gerstensaft ersetzen. Jedes Mal zwinkerte sie auf dieselbe herausfordernde Weise mit den Augen.

Inzwischen waren die Kämpfe der Jugendlichen vorüber, und die höhere Altersklasse stieg in den Ring. Die Stimmung im Festzelt siedete fröhlich aggressiv von einem Höhepunkt zum nächsten, und Escher traute seinen Augen nicht, als ein Mann in den Ring stieg, der aussah wie er selbst. Noch weniger mochte er glauben, dass auch der Gegner des Mannes aussah wie er, Escher.

Als der Gong zur ersten Runde geschlagen wurde, war Escher ganz bei der Sache, und bei jedem schweren Treffer durchfuhr es ihn wie Blitz und Donner. Bereits in der dritten Runde ging der eine Escher zu Boden und der andere Escher streckte triumphierend die Fäuste in die Luft. Der Sieger blieb im Ring und ein weiterer Herausforderer, der Escher, dem Sieger, bis aufs Haar glich, beschritt den Weg auf die Bühne des Kampfes, an den Bierbänken und der gröhlenden Menge vorbei.

Escher gewann wieder und Escher verlor. Das Ganze wiederholte sich einige Male, und immer stieg ein neuer, unlädierter Escher in den Ring. Escher als Beobachter auf der Bierbank konnte am Ende eines jeden Kampfes nicht mit Sicherheit bestimmen, welcher Escher gewonnen hatte.

Am Lärmpegel des johlenden Publikums erkannte Escher, dass sich das Bierzeltboxen seinem Höhepunkt näherte.

Völlig unerwartet stieg plötzlich die schwergewichtige Trachtenträgerin vom Ausschank zu Escher in den Ring. Sie trug nun eine krachlederne Sporttracht und 10 Unzen Boxhandschuhe über ihren Fäusten.

Es war ein gnadenloser Kampf, in dem sich beide Gegner trotz, oder vielleicht auch aufgrund, der geschlechtlichen Verschiedenheit nichts schenkten. Von Beginn an zeichnete sich eine leichte Überlegenheit der Trachtenträgerin ab, und von der vierten Runde an musste Escher schwere Treffer einstecken.

- Halt die Deckung oben!

rief Escher immer wieder in Richtung des Boxrings. Dazwischen trank er in tiefen Zügen von seiner Maß.

Während der siebten Runde kippte Escher von seiner Bierbank und verlor das Bewusstsein.

Es wurde bereits Nacht, als er hinter dem Zelt neben Bierleichen erwachte und sich den schmerzenden Schädel rieb. Escher würde nie erfahren, wer den Hauptkampf gewonnen hatte. Aber es dämmerte ihm eine Ahnung.

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10 Comments:

Anonymous martha said...

Spannende Geschichten, die mit dem guten Escher. Allerdings frage ich mich mitlerweile: hat der gute Mann so ein schlimmes Alkoholproblem oder ist er leicht schizo? Vllt beides? Schade das nicht einer von den boxenden Eschers die Ausschanklady angebaggert hat. Möglicherweise hätte er dann im Ring nicht eins auf die Nase bekommen von Ihr.

31.7.06  
Blogger kein einzelfall said...

Vielleicht sollte Escher so atheismusfeindliche Orte wie Altötting künftig nicht ohne seine Freunde Gödel und Bach aufsuchen.

31.7.06  
Blogger Markus Quint said...

@Martha: Ich bin nur Eschers Chronist und manchmal glaube ich, die vage Diagnose einer schweren Schizophrenie in Kombination mit einem schlimmen Alkoholproblem würde dem tatsächlichen Ernst seiner Lage nicht gerecht werden. Als ich ihn übrigens fragte, warum keiner von ihnen auf die Idee kam, die Ausschanklady anzubaggern, zuckte er nur ratlos mit den Schultern und wendete sich ab.

@Kein Einzelfall: Es ist nicht mit absoluter Sicherheit zu sagen, ob Escher mit den beiden genannten Herren in guter Begleitung gewesen wäre. Als evangelisch-lutheranischer Ketzer wäre Bach im katholischen Altötting eine zumindest verdächtige Erscheinung, und der Geisteszustand von Gödel in seinen späteren Lebensjahren hätte die religiöse Erquickung sicher auch nicht beschleunigt. Ich behaupte einfach: mit dem jungen Gödel - vielleicht, mit dem alten Gödel - nein.

31.7.06  
Blogger Oles wirre Welt said...

Was Gödel, Escher und Bach betrifft: Das entsprechende Buch will ich seit Jahren lesen.

Ansonsten: Äußerst vergnüglicher Text, mal wieder. Musste spontan an Maskes Comebackidee denken und schmunzeln.

1.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Hofstadters Werk ist einzigartig und sehr empfehlenswert!

Maske hat hinsichtlich seines Comebacks sicher auch lange mit sich selbst gekämpft, und am Ende hat ein Maske gewonnen und ein anderer verloren.
Ein Comeback im Boxen im Alter von 42 Jahren: Geldgier, gewöhnliche Besessenheit oder kompletter Wahnsinn?

1.8.06  
Anonymous stard said...

kompletter wahnsinn wenn sie mich fragen.

1.8.06  
Anonymous Neptun said...

Bist du schon getauft?

1.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Ich tauche täglich in deinem Weihwasser, o großer Neptun.

1.8.06  
Anonymous Neptun said...

Das hoffe ich. Aber ich meinte richtig, so etwa:

http://neobazi.net/archives/3732

1.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Nachdem Raimund die Kartoffel zerquetscht hatte, bin ich weggerannt und gottlos geblieben.

1.8.06  

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