Donnerstag, Juli 20, 2006

Ein Porsche in Tarnfarben (XIII)

Später, während wir an der Prinsengracht entlang gingen, erzählte Ari beiläufig, dass sein Großvater während der Besatzungszeit von einem SS-Offizier ermordet wurde. Wir setzten uns auf eine Bank am Kanal und drehten Zigaretten aus schwarzem Tabak.

Auf einem flachen Aluminiumkahn näherten sich zwei junge Frauen mit wehenden Haaren, sie ließen den Außenbordmotor bei viel zu hoher Geschwindigkeit aufheulen. Die Bugwelle schwappte über die hölzerne Plattform eines Hausboots und durchnässte einen Mann, der dort unten ein Sonnenbad nahm. Erschrocken sprang er auf.

Ari verzog verächtlich die Mundwinkel und warf den beiden Schönheiten einen Kieselstein entgegen. Sie drosselten das Tempo und starrten uns entgeistert an. Die Hübsche am Außenbordmotor drehte sich im Vorbeifahren um und zeigte uns den Mittelfinger.

- Sexy. Du suchst wohl ständig Streit.
- Überhaupt nicht. Ich bin der friedlichste Einwohner Amsterdams. Ich kann es nur nicht leiden, wenn Leute ihren Spaß auf Kosten anderer haben. Und dann ist es mir egal, ob jemand aussieht wie Godzilla oder wie Miss World.
- Bei Miss World würde ich im Fall einer harmlosen Bugwelle eine Ausnahme machen. Bei Godzilla vielleicht auch, aber aus anderen Gründen.

Ari lachte. Im nächsten Moment verdunkelte sich sein Gesicht und er begann, die Geschichte von seinem Großvater zu erzählen. Dabei nahm er tiefe Züge von seiner Selbstgedrehten. Er schien den Rauch nicht zu inhalieren, sondern zu schlucken, was man an den Bewegungen seines Kehlkopfes erkennen konnte.

Die Geschichte von Aris Großvater war eine der Geschichten, wie sie in Zeiten passieren, in denen alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens außer Kraft gesetzt sind. In diesen Zeiten sind solche Geschichten nicht außergewöhnlich, sondern nur kleine Teilchen im täglichen Mosaik der Gewalt.
(Fortsetzung folgt)

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