Donnerstag, Juni 29, 2006

Eschers Linie 7

Es war ein beliebiger Morgen an einem von zahllosen Werktagen. Als Escher an der Gneisenaustraße in die U-Bahn einstieg, empfand er neben seiner Müdigkeit noch ein anderes ungutes Gefühl, das er jedoch nicht näher bestimmen konnte.

Er setzte sich neben eine alte Frau, die sich über ihre Gehhilfe beugte und ihm einen kurzen Blick durch beschlagene Brillengläser zuwarf. Escher legte die Aktentasche, in der sich nichts weiter als der Flachmann befand, auf seine Oberschenkel und hielt sich mit beiden Händen an dem ledernen Griff fest. Als die U-Bahn losfuhr, drehte sich die Alte ein zweites Mal in seine Richtung und fragte

- Ist das noch Berlin? Nach dem Krieg hat man mir gesagt, das hier sei noch Berlin.

Escher seufzte und schloss die Augen. Im Halbschlaf zählte er die Stationen. Als er an der dritten Haltestelle die Augen aufschlug und aus dem Fenster sah, fuhr die U-Bahn gerade am Bahnhof Mehringdamm ein. Das konnte nicht sein, denn Mehringdamm kam direkt nach Gneisenaustraße und die dritte Station nach Gneisenaustraße an der Linie 7 war Yorckstraße. Er musste sich beim Zählen getäuscht haben. Entweder war der Zug aus technischen Gründen zwischen den beiden Stationen zweimal auf der Strecke stehen geblieben, oder er hat sich das Anhalten im Halbschlaf eingebildet. Escher legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen erneut.

Der Zug fuhr an und beschleunigte seine Geschwindigkeit rasch auf der Fahrt durch den Tunnel. Beim nächsten Halt traute Escher seinen Augen nicht, als er aus dem Fenster sah und das Schild auf dem Bahnsteig las. Mehringdamm. Er runzelte die Stirn und rechnete seinen Alkoholkonsum der letzten zwölf Stunden nach. Nicht weniger, aber auch nicht mehr als sonst. Diesmal behielt er die Augen offen und starrte auf das schwarze Fensterglas. Die alte Frau mit der Gehhilfe war an der letzten Station ausgestiegen. An der letzten Station?

Kurz bevor die Türen schlossen, sprang Escher von der Bank und rannte auf den Bahnsteig. Ohne sich umzudrehen, ging er in Richtung Ausgang. Auf dem Weg nach oben nahm er mit jedem Schritt zwei Stufen gleichzeitig. Am Ende der Treppen führte der Weg nicht etwa ins Freie. Escher stand wieder auf dem Bahnsteig Mehringdamm. Gerade fuhr ein Zug in Richtung Rudow ab. Seine Müdigkeit war verschwunden, aber nun fand er die richtige Bezeichnung für das andere Gefühl, das ihn seit dem Morgengrauen begleitete. Angst.

Er rannte zum entgegengesetzten Ausgang des Bahnsteigs und stürzte die Treppen nach oben. Und stand wieder auf dem Bahnsteig Mehringdamm. Eine Übelkeit überwältigte ihn und Escher übergab sich auf die Gleise. Dabei wurde er von einer kleinen Ratte neugierig beobachtet. Zwei alte Männer wechselten Blicke und schüttelten missbilligend die Köpfe. Die Ratte huschte über die Schwellen in Richtung des Erbrochenen, um daran zu schnuppern. Das bekam Escher nicht mehr mit, denn er hatte eine U-Bahn zurück in Richtung Gneisenaustraße bestiegen. Er hätte beinahe gebetet, aber die Fahrzeit war zu kurz, um sich an längst vergessene Gebete zu erinnern.

Als der Zug hielt, erblickte Escher dasselbe Schild wie im letzten Bahnhof. Stur blieb er sitzen, aber auch die nächsten acht Stationen hielt der Zug jedes Mal am Mehringdamm. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass die Frauenstimme vom Band immer wieder Mehringdamm ansagte. Eschers Panik wuchs von Haltestelle zu Haltestelle. Ihm fiel auf, dass zwar bei jedem Halt Menschen ausstiegen und andere Menschen einstiegen, aber es handelte sich jedes Mal um sehr alte Menschen. An der achten Haltestelle stieg er aus und folgte im Abstand von etwa zehn Metern einem weißhaarigen Mann, der einen eleganten, dunklen Anzug trug.


Der Mann ging in Richtung einer Treppe, die laut Beschilderung zum Bahnsteig Mehringdamm führte. Auf einer weiteren Ausgabe des Bahnsteigs angekommen, bestieg der Mann einen soeben eingefahrenen Zug in Richtung Rathaus Spandau. Escher folgte ihm über dreizehn identische Haltestellen und stieg zusammen mit dem Mann an vier identischen Bahnhöfen um. Dann setzte er sich zitternd auf einen Plastikschalensitz. Seine Aktentasche hatte er längst in einem der Züge vergessen. Er fragte ein Paar, beide weit über Siebzig, nach dem Ausgang. Die zwei sahen sich verwundert an und der Mann zeigte mit seinem Spazierstock in Richtung der Treppe. Als ob sich eine seit Jahren in ihm angestaute Wut löste, brüllte Escher

- Wo ist der Ausgang in eurem Alptraum?

Mit einem ängstlichen Ausdruck in den Gesichtern zog das Paar die Köpfe ein. Es wendete sich ab und beeilte sich, Abstand zu ihm zu gewinnen. Einige der alten Leute auf dem Bahnsteig sahen verlegen in seine Richtung, aber die meisten bemühten sich, den schreienden Irren zu ignorieren.

Plötzlich sah Escher einen letzten Ausweg. Man musste einfach nur die Strecke zwischen zwei Stationen zu Fuß überwinden. Er sprang auf die Gleise. Im Tunnel setzte er behutsam einen Fuß vor den anderen, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte und mit sicherem Schritt von Schwelle zu Schwelle ging.

Escher sah die U-Bahn auf sich zukommen und blieb mit einer Ahnung der Erkenntnis einfach mitten auf den Gleisen stehen.

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7 Comments:

Blogger Falcon said...

Manchmal kommt einem eine Fahrt in der Berliner U-Bahn tatsächlich wie die Reise auf einem Möbiusband vor.
Ich glaub, ich fahr jetzt lieber wieder mit dem Auto - starke Geschichte.

29.6.06  
Anonymous Anonym said...

Kafkaesk und eindringlich!

Irgendwie müsste Escher einen Weg finden, der ihn an den konventionierten Reglements seines Bewusstseins haarscharf vorbei führt; das wäre vielleicht der Weg aus dem Spinnennetz heraus... So wie Douglas Adams alias Arthur Dent fliegen lernte, als er im Fallen für einen Moment den drohenden Aufschlag vergessen hat: Der Bann war gebrochen, der Glaube an die Schwerkraft aufgehoben und - er fliegt!

In seiner Panik hat Escher dieses Potential nur vergessen.

29.6.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Tja, so eine Lebenslüge kann einen schon in den Wahnsinn treiben. Ausweglose Situation... vermeintlich.

29.6.06  
Anonymous stard said...

ganz grosses kino. ganz gross :)

29.6.06  
Anonymous ronnihaus said...

Gelungene künstlerische Umsetzung dessen, was man auch "Erkenntnis der Bedeutung von Alltag" nennen könnte.

29.6.06  
Blogger Andie Kanne said...

Er hätte, trotz Flachmanns in der Aktentasche, wissen müssen dass Eschers Linien nur optische Täuschungen sind.

29.6.06  
Blogger Markus Quint said...

@falcon: auch mit dem Auto - unbedingt richtige Abzweigung vom Möbiusband Schnellstraße nicht verpassen ...
@mkh: Ui. Die Erschließung dieses Potenzials ist schon ohne Panik schwer genug. Ich bin nur Berichterstatter und habe selbst keine Ahnung davon, wie es mit Escher weiterging. Meine Informationsquelle brach an der Stelle ab. Vielleicht hat er das Potenzial erkannt und ist im Boden versunken. Es gibt viele Möglichkeiten. Ja, auch fliegen wäre eine.
@der große und transzendentale steini: Mit besonderer Betonung auf vermeintlich, denn ausweglos sind Situationen nur, wenn man sich die Wege selbst verbaut.
@stard: Merci für die schönen Blumen.
@ronnihaus: Alltag ist unvermeidlich, aber er sollte nicht zwingend eine solche Bedeutung haben.
@andie: Über Eschers Bildungsstand bin ich nur notdürftig informiert. Man könnte es sich auch einfacher machen und die Meinung vertreten, dass jede Wahrnehmung nur eine Täuschung ist.

30.6.06  

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