Mittwoch, Juni 21, 2006

Im Dialog mit meiner Urne

Wie geht es Ihnen?

Ich fühle mich derzeit ein wenig grau in schwarz, ansonsten ist mein Befinden es wert, als passabel bezeichnet zu werden.

Seit Ihrer Einäscherung sind elf Tage verstrichen. Was hat sich in dieser Zeit für Sie geändert?

Man betrachtet die Welt von einem völlig neuen Standpunkt. Dinge, die früher eine bedeutende Rolle gespielt haben, treten in den Hintergrund und machen Platz für andere Dinge.

Dann war der äußerliche Wandel verbunden mit einem grundsätzlichen Paradigmenwechsel der Werte?

Bedingt. Es stellt sich vielmehr die Frage, ob Werte tatsächlich existieren, oder ob die Kategorien der Werte bereits zu Lebzeiten trügerische Wunschvorstellungen verkörpern. Gibt es denn in Ihrem Leben Werte von Bedeutung, die Sie besitzen oder verfolgen?

Ich weiß nicht. Ehrlichkeit, Liebe, Respekt?

Allein dieses Ich weiß nicht und die Formulierung ihrer Antwort als Frage weisen auf eine große Verunsicherung hin.

Es sind doch immer wieder dieselben Werte, von denen der Mensch bewegt wird.

Der Fehler besteht darin, dass von einer Grundsätzlichkeit ausgegangen wird, anstatt alles scheinbar Grundsätzliche zu jedem Zeitpunkt in Frage zu stellen und aufs Neue zu überprüfen.

Wäre dann überhaupt noch eine Orientierung möglich?

Auch die Illusion der Orientierung erscheint mir bezwingbar, sobald erkannt wird, dass in jeder Richtung Trugbilder lauern. Objektivierte Orientierungsmodelle sind nicht notwendig. Wenn die Sinne funktionieren und eine entfesselte Wahrnehmung ermöglicht, das Erfasste im Geist zu bündeln und auszuwerten, findet sich der Weg mittels intuitiver Entscheidungen von selbst. Aber keine Entscheidung kann darüber hinwegtäuschen, dass es weder einen richtigen Weg, noch ein richtiges Ziel gibt.

Hat sich Ihre Wahrnehmung im postmortalen Zustand verbessert?

Die Konzentration auf das Wesentliche, das im Nichts besteht, wurde stärker. Ich weiß jetzt, dass Zeit kein Faktor ist und dass es keine Ordnung der Dinge gibt. Ruhe ist nur dann zu finden, wenn es gelingt, soweit ins Zentrum des Chaos vorzudringen, bis das Chaos verschwindet. Beim Eintritt in den Kern des Chaos offenbart sich die Erkenntnis, dass Alles im Grunde Nichts ist.

Vermissen Sie Ihren Körper?

Zuweilen denke ich an interessante Möglichkeiten, die mit der Körperlichkeit verbunden waren, vor allem an Bewegung und Schmerz. Dabei handelt es sich aber nur um verblassende Melancholie.

Besitzt die Seele eine Erinnerung?

Die Seele ist eine Erinnerung ohne Gedächtnis. Alles ist gleichzeitig präsent, aber nirgends verankert. Da es keine Wahrheit gibt, ist in den Erinnerungen alles frei kombinierbar.

Sie sehen blass aus.

Ich bin müde.

Hier ist es kühl, ich gehe zurück in die Sonne. Schlafen Sie gut.

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Weiterreise.

6 Comments:

Anonymous Anonym said...

Interessantes Interview! Deckt sich mit vielen meiner eigenen Vorstellungen, wie es nach dem "Ableben" so weiter gehen könnte...

Nur dass der jenseitige Gesprächspartner tatsächlich in seiner Urne im Schatten sitzen bleibt, kann ich mir nicht so recht vorstellen. Aber du schreibst ja selbst: "Alles ist gleichzeitig präsent, aber nirgends verankert." Die Urne dürfte nur so ne Art Nebenprodukt des Übergangs sein, vermute ich.

Mein Favorit: "Der Fehler besteht darin, dass von einer Grundsätzlichkeit ausgegangen wird, anstatt alles scheinbar Grundsätzliche zu jedem Zeitpunkt in Frage zu stellen und aufs Neue zu überprüfen." Denkwürdig!

21.6.06  
Blogger Lundi said...

Das die Seele eine Erinnerung ohne Gedächtnis ist erlebt man wenn man Orte aufsucht von denen man Kindheitserinnerungen hat. Da ist tatsächlich so manches frei zu einem Erinnerungsbild kombiniert worden. Ein sehr schöner und zum Nachdenken anregender Text !

21.6.06  
Blogger kein einzelfall said...

Die Asche bleibt stumm
in der Urne in meinem Zimmer
Die Asche antwortet nicht
Sie ist verstockt



(3. und letzte Strophe von Erich Frieds "Der Vorwurf")

21.6.06  
Anonymous martha said...

Wenn tod bin, möchte ich verbrannt und über ein Gebirge verstreut werden.

21.6.06  
Anonymous martha said...

Ach ne, doch lieber Ozean.

21.6.06  
Blogger Markus Quint said...

@mkh: Mir fehlt jegliche Vorstellung davon, ob eine nach dem Ableben freigesetzte Energie noch mit der Materie kommunizieren kann. Wo sich die Energie aufhält - oder wohin sie verschwindet, dürfte orts- und urnenunabhängig sein.
@lundi: Ja - Kindheitserinnerungen treten oft intuitiv zu Tage, auch durch Gerüche oder Klänge, in Übereinstimmung und Kombination mit den Orten der Kindheit hervorgerufen.
@kein einzelfall: wäre der Fragende ein Kind, würde die Asche mit der Stimme des Kindes antworten
@martha: meine Asche - nach wie vor - in einen Turnschuh stopfen und in einem stillen See versenken.

21.6.06  

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