Freitag, Juni 23, 2006

Ein Porsche in Tarnfarben (X)

Ich war kaum über der Schwelle, als ich mit einem Einkaufswagen zusammenprallte, der in diesem Moment an der Tür des Last Waterhole vorbeigeschoben wurde. Ein stechender Schmerz durchzuckte mein Schienbein. Auf dem Wagen türmte sich ein Berg von prall gefüllten Plastiksäcken. Alles kippte um, und die Säcke rollten träge auf das Pflaster.

Offenbar gehörte der Wagen einem Verrückten, der mit schwarzen Lumpen behangen war. Der Mann brüllte Verwünschungen und versuchte, mich festzuhalten. Als ich ihn zur Seite stieß, stieg mir ein beißender Gestank von altem Schweiß, Urin und Kot in die Nase. Ich war kurz davor, mich auf der Stelle zu übergeben, aber Ari schrie mich an, ich solle mich beeilen.

Er griff sich die Gitarre und wir rannten los, denn der Verrückte hatte nicht nur einen wirren Blick in seinen Augen, sondern hielt plötzlich ein riesiges Fleischermesser in der Hand. Außerdem war uns der Barmann mit dem Baseballschläger auf die Straße gefolgt.

Wir rannten, so schnell es mit einer Gitarre unter dem Arm und einem geschulterten Seesack ging, durch die engen Gassen des Rotlichtviertels. Mit den zwei Verfolgern auf den Fersen - einem stämmigen Barmann mit Baseballschläger und einem zerlumpten Verrückten mit Fleischermesser - gaben wir ein Bild ab, wie man es sogar in Amsterdam selten zu sehen bekam.

Einige Beobachter der Szene ermunterten uns mit Durchhalteparolen. Als wir an zwei Polizisten vorbeistürmten, die zu Fuß unterwegs auf Streife waren, rief der Barmann ihnen zu, dass wir Mörder seien und sie uns festhalten sollten, aber die beiden Wachtmeister interessierten sich nicht für uns. Unsere bewaffneten Verfolger erweckten eher einen authentischen Eindruck von Mördern, denn als ich mich kurz umdrehte, sah ich, dass sie den Verrückten zu Fall gebracht hatten und ihm das Fleischermesser abnahmen. Der Barmann war ihnen entwischt und keuchte immer noch verbissen hinter uns her.

Auf Höhe des Sex-Museums drehten wir uns beide nach ihm um. Er war ein Stück zurückgefallen und sein Kopf leuchtete rot vor Anstrengung. Wir sahen uns an und bremsten unseren Lauf. Ari hob die Augenbrauen, worauf ich mit den Schultern zuckte. Das bedeutete die Entscheidung, die Richtung zu wechselen. Wir gingen dem Barmann langsam entgegen, bis wir ihm in einem Abstand von zwei Metern gegenüber standen.

Jetzt sah er auf einmal klein und ängstlich aus. Er schaute sich unsicher um und schien sich sehr allein zu fühlen. Dann passierte etwas Unerwartetes. Der Barmann ließ seinen Baseballschläger fallen und lief davon. Dabei drehte er sich mehrfach um und vergewisserte sich, dass wir ihm nicht folgten.

Ari hob den Baseballschläger auf.

- Baseball ist ein Sport für Gestörte,

sagte Ari, während er mit einem Finger gegen die Alukappe des Schlägers schnippte.
(Fortsetzung folgt)

4 Comments:

Anonymous Anonym said...

Okay, soweit ziemlich atemberaubend und spannend, lustig auch der Richtungswechsel! Aber ich vermisse noch ein paar Sahnetorten, die durch die Luft fliegen und im zornesroten Gesicht des Barmannes landen oder Bananenschalen auf der Rennbahn der beiden Polizisten und so!

Aber vielleicht habe ich früher nur zu viel Laurel & Hardy geschaut...

23.6.06  
Blogger Markus Quint said...

Bei meinem nächsten Amsterdam-Aufenthalt werde ich berücksichtigen, stets einige Sahnetorten in Reserve mit mir zu führen.

24.6.06  
Anonymous Anonym said...

Ja bitte!

Bananenschalen nicht vergessen!

24.6.06  
Blogger Kühles Blondes said...

wichtig sind die beiden männer, die eine glasscheibe über die strasse tragen und natürlich der obligatorische autoreifen, der nach dem unweigerlichen crash von links nach rechts durchs bild rollt.

25.6.06  

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