Mittwoch, Oktober 25, 2006

Havarie in der Arche

Von Beginn an musste sich Haon beim Bau des Weltenschiffs mit den größten Schwierigkeiten auseinandersetzen, angefangen bei der Risikofinanzierung, für die sich anfangs keine Investoren finden ließen, bis hin zur Materialbeschaffung und der Verpflichtung von Raumzeitmechanikern, die das notwendige Fachwissen besaßen. Aber es gelang ihm, das Projekt gegen alle Widerstände zu starten. Die Investoren täuschte er mit einem fingierten Geschäftsmodell, das seinen Weltraumsegler als interdimensionales Kreuzfahrtschiff auswies. In jener Epoche des ungezügelten Hedonismus erfreuten sich Vergnügungsreisen bei seiner Spezies zunehmender Beliebtheit, und bereits nach wenigen Gesprächen waren in einem der fernöstlichen Sektoren Finanziers für den vermeintlichen Zukunftsmarkt gefunden.

Sein Vorhaben hatte mit dem präsentierten Geschäftsmodell nicht das Geringste zu tun. Haon hatte den Auftrag für die Mission im Traum von einer Macht eingeflüstert bekommen, die aus einem noch ferneren Jenseits stammte, als er selbst. Seine Artgenossen lachten ihn aus, als er vor der gewaltigen Flut einer Zeitströmung warnte, die über die Dimension hereinbrechen und alles vernichten würde. Sollten doch alle ertrinken, aber Haon wollte wenigstens ein Exemplar jeder Götterart im Rumpf seines Weltenschiffes über die Flutkatastrophe retten.

Die Götter waren widerspenstig, und es kostete viel Geduld, bis er einen Vertreter jeder Spezies in die mentalen Käfige seines Weltenschiffs verfrachtet hatte. Besonders Shiva, Allah und ein Zögling namens Jesus waren schwer zu bändigen, gemütliche Gesellen wie Buddha hingegen folgten Haon ohne Murren in den Weltraumsegler, den er auf den Namen Chernobabylon getauft hatte.

Kaum hatte er die letzte Luke geschlossen, brach die in seinem Traum prophezeite Flut über die Dimension herein und überschwemmte jeden Winkel des Universums. Alle Vertreter seiner eigenen Spezies, und auch sämtliche Gottheiten ertranken, während Haon die Segel hisste und auf der stürmischen Gischt der Zeit in eine andere Dimension trieb.

Die Stürme verursachten schwere Schäden am Schiff. Nachdem das letzte Navigationssystem ausgefallen war, strandete Haon mit seiner Götterladung in einem weit abgelegenen Universum, das auf keiner Raumzeitkarte verzeichnet war. Bei der Havarie waren auch die mentalen Käfige der göttlichen Fracht beschädigt worden. Die Insassen ergriffen die Gelegenheit und verfügten sich auf den nächstgelegenen Planeten, wo sie sich im schwach entwickelten Bewusstsein einer niederen Spezies einnisteten und vom Glauben an sich selbst nährten.

Aber ihre Zeit war begrenzt. Die Götter verfügten zwar über eine sehr lange Lebensdauer, entgegen ihrer eigenen Überzeugung waren sie jedoch nicht unsterblich. Haon hatte nicht von jeder Götterart ein zweites Exemplar des anderen Geschlechts in sein Weltenschiff verfrachtet. Bei den wenigen, die sich fortpflanzen konnten, blieben die Nachkommen unfruchtbar, wie im Fall Ganeshas, Shivas und Parvatis Sprössling. Und so starben die letzten Exemplare der Götter auf dem Staubkorn namens Erde irgendwann aus. Sie fanden ihre unbeschrifteten Gräber im kollektiven Vergessen der Menschheit.

Haon gelang es, die Segel der Chernobabylon zu flicken, und seither treibt er ziellos durch die Dimensionen.

11 Comments:

Anonymous Anonym said...

Die Zeitströmung ist immer noch da; ich bin in Eile...

26.10.06  
Blogger MudShark said...

was wie in ferner zukunft beginnt endet in der vergangenheit. ich glaube mein zeitsrahl wurde soeben verbogen. wurde sowieso mal zeit das ding zum dorfschmied zu bringen ...

26.10.06  
Anonymous Anonym said...

Musste er denn unbedingt HIER vorbeikommen?!

26.10.06  
Blogger der Nachbar said...

Eine Wortneuschöpfung aus Cherno Jobatey und Chernobyl...wow! Das Kraut hätte ich auch gern!

26.10.06  
Anonymous Anonym said...

endlich mal eine geschichte mit happy end :)

26.10.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Wenn ihn die kosmischen Winde mal wieder in unsere Gestade treiben, wär es schön, wenn er Ron Hubbard und Karl Lagerfeld wieder einsammeln könnte.

26.10.06  
Anonymous Anonym said...

Darf ich Texte von Dir mal bei Blog:read vorlesen?

26.10.06  
Blogger mq said...

/MKH: Anker lichten, Segel setzen!

/MudShark: Pass auf, dass er den Zeitstrahl keinem alten Klepper unter die Hufe nagelt.

/Eon: Naturkatastrophe.

/Chris: Es war eher an den Quotenbabylonier angelehnt ...

/Stard: Ich weiß, grausames Experiment. Hoffentlich hat sich keiner zu Tode gelangweilt.

/DGT Steini: Und Christina Aguilera.

/Nomak: Ich höre deine Vorlesungen immer gern - gib mir einfach per Email (s. Grafik in der Navigationsleiste) bescheid, wenn du einen Text ausgesucht hast.

26.10.06  
Blogger Oles wirre Welt said...

Wenn Babylon erst komplett schwarz ist, spätestens dann ist Großes im Anmarsch. Mir scheint aber sogar, schon jetzt! :)

26.10.06  
Blogger mq said...

Sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt; denn sie hat mit dem Zorneswein ihrer Unzucht getränkt alle Völker. (NT, Offenbarung 14, 8)

26.10.06  
Anonymous Anonym said...

Ich werde übers Wochenende im Impressum für euch singen.

27.10.06  

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