Sonntag, Mai 18, 2008

Kleiner Sport

Die Wahl des Belags hatte sich als richtig erwiesen, mit diesem Schläger würde er auch seinem letzten Gegner ein hohes Tempo aufzwingen. Er war in jeder Hinsicht bestens auf das Turnier vorbereitet und wusste, dass er das Endspiel für sich entscheiden würde.

Er hatte
zahllose Bälle verschlissen und mit seiner offensiven Spielweise alle Gegner im K.O.-System bis zum Finale bezwungen. Nervös federte er nun hinter der Plattenkante in den Knien und wischte sich mit seinem schwarzen Schweißband die Stirn. Das gehörte zum Ritual.

Dann griff er nach dem blauen Planeten und konzentrierte sich auf seinen Aufschlag. Er versetzte den Himmelskörper mit einem geschickten Anschnitt in eine Rotation, und während sich der blaue Planet in Richtung des Sternennebelnetzes auf seine Reise zur gegnerischen Seite der Tischtennisplatte machte, setzte sich der Finalist auf einen freien
Tribünenplatz. Er würde rechtzeitig an der gegnerischen Seite der Platte stehen, um den blauen Planeten anzunehmen und zurückzuschlagen. Aber das hatte noch ein paar Milliarden Jahre Zeit.

Es war faszinierend, wie oft die Planeten während eines Spiels die Farbe wechselten, bis sie schließlich Risse bekamen. Von den Befindlichkeiten der Kleinstlebewesen auf der Oberfläche bekam er nichts mit. Nur einmal hatte er einen Ball genauer untersucht, aber das Ergebnis war ihm unbedeutend erschienen.


Am Ende spielte er immer nur gegen sich selbst, denn außer ihm gab es keinen Gegner. Und auch das Publikum bestand nur aus Spiegelbildern.


Der Sport hält mich zumindest in Form
, dachte er beim Verlassen der Halle. Vor seiner Brust baumelte die Goldmedaille, die er sich während der Siegerehrung selbst verliehen hatte. Plötzlich begann der Boden unter seinen Füßen zu beben, und vor ihm tat sich ein Riss auf.

7 Comments:

Anonymous der Nachbar said...

Sport ist Mord!

18.5.08  
Anonymous Phil said...

Und der Mond? Er hat den Mond vergessen! Punktabzug. Denke ich. Oder Risse zu Spalten. Dem Frevler ;-)

18.5.08  
Blogger c.s. said...

c.s.
wer gegen sich selbst spielt, kann nur verlieren.

19.5.08  
Anonymous Opa said...

Wer fair gegen sich selbst spielt, kann nur gewinnen.

19.5.08  
Blogger MudShark said...

mist, ich war grad bier holen. kann ich das replay nochmal sehen?

21.5.08  
Blogger Christian 55 said...

Das Spiel(en) mit sich selbst... Les plaisirs solitaires... Le petit mort... Wir können ruhig zugeben, dass der Charakter der Welt halluzinatorisch ist. Wir träumen die Welt, solide im Raum und fest in der Zeit. Aber wir haben in ihrem Bau schmale und ewige Zwischenräume von Sinnlosigkeit offengelassen, damit wir wissen, dass sie eine Fata morgana ist.

21.5.08  
Blogger mq said...

/der Nachbar: Jedenfalls bekäme Breitensport eine völlig neue Bedeutung.

/Phil: Der Mond ist nur ein kleiner Teil der großen Rotation.

/c.s.: Wer gegen sich selbst verliert, hat auch gewonnen.

/Opa: Fairness im Umgang mit sich selbst - ein unterschätztes Thema.

/MudShark: Geduld. Irgendwann wiederholt sich alles.

/Christian 55: Manche Brücken über die Zwischenräume von Sinnlosigkeit sind baufällig, aber auch der Einsturz ist nur eine Illusion.

22.5.08  

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