Montag, Januar 07, 2008

Melodienmalaria

Hinterhältig werden konservierte Kunstseuchen aus Reklamelabors über Lautsprecher verbreitet, und Millionen Opfer in Einkaufszentren infizieren sich mit den akustischen Erregern. Dabei handelt es sich um seichte, aber hochansteckende Melodien, die in Kombination mit suggestiven Verbraucherinformationen durch die Ohrmuschel ins Unterbewusstsein des Patienten eindringen. Da diese Virenarten über Schallwellen transportiert werden, sind Menschen mit intaktem Gehör den Epidemien schutzlos ausgeliefert, denn kaum jemand ist darauf eingerichtet, seine Wahrnehmung rechtzeitig mit wirksamen Protektoren gegen den Befall zu isolieren.

Die Folgen der akustischen Infektion sind fatal. Das Krankheitsbild äußert sich zunächst in fremdgesteuertem Konsum, im weiteren Verlauf kann es zu unbewusstem Summen oder Pfeifen des viralen Melodienmülls kommen. Während dieses Stadiums degenerieren Teile des musikalischen Geschmackszentrums, was im schlimmsten Fall zu Lähmungen der Musikgeschmacksnerven führt. Die virale Melodie nistet sich im Gehirn des Patienten ein und kann während jederzeit auftretenden Fieberschüben durch Summen, Singen oder Pfeifen übertragen werden.

Audioverseuchte Konsumsümpfe lassen sich schwer trockenlegen. Aber zur Bekämpfung der Melodienmalaria gibt es wirksame Impfstoffe. Als Prophylaxe hat sich bewährt, beim Betreten eines Einkaufszentrums eine zuvor mental zurechtgelegte Melodie zu pfeifen. Ausgezeichnet eignen sich eingängige Antiviren wie die Morgenstimmung aus Edvard Griegs Peer Gynt Suite Nr. 1, der Walzer aus der Suite für Jazzorchester Nr. 2 von Dimitri Schostakowitsch oder die Moldau von Smetana. Aber auch das Leitmotiv aus Prokofjews Peter und der Wolf oder sogar Nino Rotas Titelmelodie aus Der Pate zeigen eine hervorragende Wirkung.

Ein medizinischer Nebeneffekt der Vorbeugung ist die automatische Übertragung des Impfstoffes auf weitere Teile des gefährdeten Personenkreises. Zuweilen kann man beobachten, wie mehrere Menschen in den Warteschlangen vor den Kassen eines Einkaufszentrums dieselbe Prophylaxe pfeifen, die man zuvor geimpft hat. Wenn sich die Betroffenen der Übereinstimmung bewusst werden, lächeln sie sich verschmitzt an, geraten eventuell miteinander ins Gespräch - oder werden sogar Freunde fürs Leben.


Vermutlich wird die Evolution in nur wenigen hunderttausend Jahren auf die zunehmende Infektionsgefahr reagieren, indem sie den Menschen mit Ohrlidern zum selbständigen Verschluss versorgt. Bis dahin sollte man hinsichtlich der akustischen Hygiene stets eine wirksame Melodie mit sich führen.

10 Comments:

Blogger MudShark said...

die von dir eindrucksvoll beschriebene melodienmalaria globalis wird natürlich auch als kampfmittel eingesetzt. die wirkungsweise ist die zermürbung des gegners. im selbstversuch stimmte mein werter herr bruder 'schwarzbraun ist die haselnuss' beim frühstück vor einer schweren mtb-alpenetappe an. ich bin an diesem tag sieben melodientode gestorben beim monotonen kurbeln auf den ofen- und flüelapass. die moral war dahin.

fürderhin haben wir die methode verfeinert und pfeifen, singen oder summen besonders gern im starterfeld eines langen wettkampfes schöne melodien wie etwa imca marinas 'eviva espana'. gern genommen natürlich auch die dauerbrenner von heino.

ganz perfide veranstalter vermasseln einem die tour, in dem sie schon in den startblocks laute musik laufen lassen. gerne erinnere ich mich an mein erstes mtb-rennen in trieb. dort lief vor dem start ultralaut black sabbath 'paranoid'. das hob den adrenalispiegel ungemein, die endlosschleife im hirn war erträglich.

ganz schlimm hingegen ist der rennsteiglauf. 10000 marathonisti singen aus einer kehle den schneewalzer. grauenhaft! 43km schneewalzer! die ossis ham's halt drauf mit der gehirnwäsche.

8.1.08  
Anonymous ein texttourist said...

Kann man da nicht militärisch eingreifen? Ich denke da an eine ehrenamtliche Kavallerie von Bass-Husaren... die würden den Einkaufszentren schon einheizen...

8.1.08  
Blogger MudShark said...

@ttourist
das gibt's natürlich schon hier oder auch hier. realität und fantasie sind sich mal wieder näher als vermutet.

8.1.08  
Anonymous eon said...

ich habe bisher noch keine symptome für eine virale musikinfektion bei mir feststellen können. scheinbar bin ich immun! ich stelle mich den jungen damen also gern für die vervielfältigung meines genetischen materials zur verfügung.
(die letztendliche entscheidung über mögliche basenkombinationskombinationen behalte ich mir vor)

8.1.08  
Anonymous ein texttourist said...

Sehr interessant, mudshark. Vielleicht auch ein weiterer Beweis, dass die Realität gar nicht existiert. Ich jedenfalls hätte nie gedacht, dass es die Klangteppichknüpfer wirklich gibt!

8.1.08  
Anonymous Opa said...

Die vorgeschlagene Prophylaxe hat einen stark homöopathischen Ansatz, die verwendete Software erinnert an Mickeymäuse oder audiophone Scheuklappen.

Die Fälscherwerkstatt des BaziND hat dagegen zu diesem Zweck eine Software für Seniorenhandys entwickelt, die die Originaltöne der Berieselungsnlagen um bis zu 180 Grad phasenverschiebt und so bis zur Unhörbarkeit vermindert. Nach erfolgreich verlaufenen Tests, z.B. bei der Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin – nichts war zu hören, man sah die Dame lediglich die Lippen bewegen – laufen gegenwärtig Feldversuche mit Pennern am Hamburger Hauptbahnhof. Bekanntlich sollen dort mit einer solchen musikalischen Berieselungsanlage Penner und Junkies verscheucht werden.

Sollten diese Freilufttests ebenso positiv verlaufen, steht einer virtuellen Markteinführung nichts mehr im Wege.

8.1.08  
Blogger <°((( ~~ said...

Oh es ist alles noch viel schlimmer als Ihr ahnt! Wir, die Überfallenen, sind bereits misstrauisch, aber trotz vermeintlich wirksamer Abwehrwaffen ist Wachsamkeit geboten. Denn das tausendtaktige Reich bereitet seit langem den nächsten musikalischen Überfall vor: Hütet Euch und ergreift Maßnahmen der Musikguerilla! Seit 5 Uhr 45 wird schon erbarmungslos zurückgedudelt!

Zumindest in den Berliner Katakomben und Gewölben ist man seines Gehörs nicht mehr sicher, mithilfe einer Art akustischer Sandstrahlmethode sollen all diese Räume vom kaufunwilligen menschlichen Ungeziefer desinfiziert werden.

(o.T.: Markus, könntest Du bitte die Suchleiste oben wieder in das Blog reimplantieren? Damit lässt es sich viel besser durchsuchen als mit den einfachen Gugelwerkzeugen... oder bin ich der erste, der das vermisst?)

9.1.08  
Blogger frech'n'nett said...

Eben im Bioladen pfeife ich das "Menuett in G-Dur" vor mich hin. In der Gemüseabteilung beäugt mich ein älterer Herr. Wir treffen uns am Milchregal wieder.
" Fräulein, Sie werden den heutigen Abend nicht überstehen." " Weil Vögel, die morgens pfeifen, abends die Katz holt?" Wir grinsen uns an und ich erzähle ihm von der Melodienmalaria. Das findet er lustig. An der Kasse treffe ich ihn wieder, er pfeift Verdis Gefangenenchor, ich setze inbrünstig mit ein.
Das hat die Kassiererin so verwirrt, dass sie jetzt die Mango leider nicht gebongt hat.
Somit sag noch mal einer, dass weblogs nutzlos seien, wa?

10.1.08  
Blogger der Nachbar said...

Mal wieder eine wirklich schöne Idee, lecker! Wie Romeros, bzw. Mathesons Zombies laufen die Leute durch die Gegend, was nicht wundert, da die Viren schon zehntausende von Kilometern unserer Gehirnwindungen unter Kontrolle haben. Bei den hochintelligenten, zynischen Außerirdischen von "Mars Attacks" führte diese amerikanische Kaufhausmüllmusik zum Zerplatzen der Schädel jener lustig-bösen Zeitgenossen, deren Lieblingsbeschäftgiung außer Frauenmagazinen und Atombombenjoints die Okkupation von Planeten war. Der Matschschädel war nur konsequent. Bei uns hingegen kann nichts mehr zerplatzen, da wir schon genug konsumwichtigen Hohlraum haben - verursacht u.a. durch die besagten Viren. Lebt Nina Ruge eigentlich noch?

11.1.08  
Blogger mq said...

/MudShark: Unter Wahrnehmung sozialer Verantwortung hatte ich unterschlagen, dass man auch bösartige Melodienviren impfen kann. Aber deine wichtige Ergänzung entspricht den Ergebnissen meiner wissenschaftlichen Versuchsreihen und ist mit anschaulichen Beispielen unterfüttert.
Ich nehme an, unter Einfluss des Antivirus Paranoid lässt es sich schier schwerelos auf einen der vorderen Plätze radeln.
Und dass man am Rennsteig den Drehwurm verpasst bekommt, bevor man 43km später ins Ziel taumelt, grenzt an psychologischer Kriegsführung.

/Texttourist: Mudsharks Beispiele sind die logische Weiterentwicklung des >Marderschrecks auf militärischer Ebene.

/Eon: Schützt du dein genetisches Material durch MP3-Dauerbeschallung?

/Opa: Idee und Umsetzung der Phasenverschiebung zeugen von der hochentwickelten Kreativität und technischen Ausstattung des BaziND-Labors.
Allerdings ist dieses System anfällig hinsichtlich versteckter satanischer Botschaften. Aber ich vermute, das ist beabsichtigt.

/<°((( ~~<: Zusätzlich zur vorsätzlichen visuellen Verschmutzung nun also auch noch die akustische im öffentlichen Raum! Man muss gespannt sein, was die Angreifer in olfaktorischer Hinsicht auf Lager haben ...

/F'n'N: Die Nutzlosigkeit von Weblogs ist unwiderlegbar! Aber es ist sehr erfreulich, dass du via Melodienmalaria einen Freund gewinnen konntest. Schöne Geschichte - und Nabucco gehört zu den effektivsten Antiviren.

/der Nachbar: Ich glaube, die Menschheit einschließlich Nina Ruge ist noch zu retten. Pfeift mehr Antiviren!

16.1.08  

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