Mittwoch, April 04, 2007

Figurprobleme #3

- Sie betrachten mich also als Ihr Eigentum! Nur weil Sie glauben, mich erfunden zu haben, besitzen Sie kein Recht, mich meiner Freiheit zu berauben.
- Auf Phantasiefiguren ist der Tatbestand der Freiheitsberaubung nicht anwendbar.

- Selbst wenn ich Ihrer Phantasie entsprungen wäre, hätten Sie mich durch die Tätigkeit des Schreibens eigenhändig aus dem Kerker Ihres Kopfes entlassen. Ist es nicht verwerflich, wenn Sie mich nun in Worte zwängen und behandeln wie einen Leibeigenen?
- Eigentlich sollten Sie mich besser kennen und wissen, dass ich gegen diese Argumentation aufgrund meines chronischen Moralmangels resistent bin. Der Begriff des Leibeigenen ist außerdem unpassend, denn Sie besitzen keinen Leib. Man könnte Sie allenfalls als Geisteseigenen bezeichnen und entsprechende Rechte am geistigen Eigentum beanspruchen.
- Es bereitet Ihnen wohl Vergnügen, Macht auf andere auszuüben und Eigentum anzuhäufen?
- Man gefällt sich nicht immer in der Rolle des Hausherrn seines Verstandes. Ich betrachte es als meine Pflicht, für Ordnung in diesem weitläufigen, aber einsamen Gebäude zu sorgen. Und nun sprechen Sie von sich bereits als einem anderen. Dabei sind Sie ein Teil von mir. Daher sehe ich keine Möglichkeit, Sie aus dieser Situation zu befreien, denn wenn ich Sie gehen ließe, würde mich ein Teil des Inventars meines Verstandes zusammen mit Ihnen verlassen.
- Und wenn es nicht Ihr Verstand wäre, dem wir entstammen, sondern meiner?
- Wenn es sich tatsächlich so verhielte, dürfte es doch keine Schwierigkeit für Sie darstellen, aus eigener Kraft dieser Situation zu entkommen.
- Das würde mein Verschwinden bedeuten. Die Befreiung aus den Ketten einer in Worte gefassten Existenz kann nur mittels einer vollständigen Auslöschung erfolgen. Aber da ich entstand, um zu existieren, ist mir mein Leben, wie allem Lebendigen, das höchste Gut.

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11 Comments:

Blogger Scheibster said...

Ich bin gespannt, wann er den ersten eigenen Beitrag hier verfasst. :-)

4.4.07  
Anonymous frauH. said...

@ Scheibster: Vielleicht ist der Beitrag ja schon von ihm? ;)

@MQ: Wunderschön gedacht und beschrieben....fände gefühlte 2o Lieblingssätze....HACH!

4.4.07  
Anonymous Neo-Bazi said...

Ich wäre ausgesprochen glücklich, würde mir mein eigener Leib gehorchen. Vom eigenen Geist gar nicht zu reden.

Was ist eigentlich das Gegenteil von geistigem Eigentum?

4.4.07  
Blogger mkh said...

Realitätsgeburt und ein fantastischer Fötus, der Individuum sein will.

In welcher Welt wird er leben?

4.4.07  
Blogger MudShark said...

@marq: "die befreiung aus den ketten einer in worte gefassten existenz" - welch österliches thema, nur andersrum!

@opa: geistiges diebesgut?

4.4.07  
Anonymous HinRichter said...

Tausende Stimmen kreischen jeden Tag in meinem Kopf und bestimmen, wer ich bin. Wenn eines Tages alle diese Stimmen, die "ich" sind, nach Freiheit schreien, was dann?

4.4.07  
Blogger Markus Quint said...

/Scheibster: s. FrauH.

/Frau H.: Das ist Öl auf die Wunden der Eitelkeit! Aber Sie werden mich nicht soweit bringen, die Sätze durchzuzählen, um dabei eventuell festzustellen, dass es nur 19 sind. Soweit nicht, gnädige FrauH!

/Neo-Bazi: Copy left.

/Mkh: Wenn es nach mir ginge, nicht in meiner. Aber ich befürchte, darum schert es sich einen feuchten Kehricht.

/MudShark: Wahrscheinlich hatte ich nur in der Unzurechnungsfähigkeit eines Fiebertraums blind assoziiert - aber jetzt, wo du es sagst, fällt mir das auch auf. Tatsächlich ist bei Joh. 20 die Rede von "der Verkettung der existierenden Worte in der befreiten Verfassung." Oder so ähnlich.

/HinRichter: Persönlicher Weltkrieg.

5.4.07  
Anonymous Hinrichter said...

@mq
ich gegen die welt? nöö, das bringt doch keinen Spaß ;-)

5.4.07  
Blogger Markus Quint said...

Verzeihung, das muss natürlich heißen: Persönlicher Innenweltkrieg.

5.4.07  
Anonymous FrauH. said...

Oh, genau aus diesem Grund schrub ich "gefühlte" ;)...ich befürchtete schon, dass soetwas kommen könnte und ja, ich gestehe, auch ich war zu faul zum zählen ;)....
Und bei Gnädigste fühle ich mich gleich zehn Jahre älter. Nur gut, dass ich heute beim Friseur war und mich zehn Jahre jünger fühlte. Kurz. Jetzt ist wieder alles wie immer.

5.4.07  
Blogger Markus Quint said...

Meine Güte! Wenn ich doch nur wüsste, auf welch heuchlerische Manier ich dieses Missgeschick bereinigen könnte! Niemals wäre es mir in den Sinn gekommen, Ihnen ein Gefühl der Vergänglichkeit zu vermitteln. So etwas gehört sich einfach nicht! Pfui, pfui, pfui. Jetzt, wo die gefühlte Jugend sowieso vermasselt ist, macht es auch keinen Sinn, herumzuschleimen, dass Ihnen die neue Frisur bestimmt hervorragend steht etc. Alles im Arsch. Zur Strafe werde ich am morgigen Karfreitag weder Fleisch noch Fisch verzehren. Das bringt Ihnen jetzt zwar direkt auch nix, aber ich hätte wenigstens eine Rechtfertigung für die vegetarische Ernährungweise. So wäre wenigstens mir geholfen, und das wäre doch schon ein Anfang, oder?

5.4.07  

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