Montag, März 26, 2007

Voodoo Display #12

Er gehörte zum Inventar der Straße. Bei jedem Wetter kniete er auf dem Pflaster und hielt den zerdrückten Pappbecher mit ausgestrecktem Arm in das Nichts. Aus den weißen Augen, die trübe schimmerten wie eingedickte Milch, schien er einen fernen Punkt am Himmel anzustarren. Unter seinen eingerissenen Fingernägeln wuchsen schwarze Ränder.

Während er sich am Türgriff festklammerte, erklärte er dem Spiegelbild in der schwarzen Scheibe, dass er immer freundlich zu ihnen war, obwohl sie ihn schlecht behandelten. Eine Verständigung war nicht möglich, denn das Bild blieb stumm. Und er blieb blind. Seine Welt war weit entfernt von den Welten der anderen. Für den Moment eines Blinzelns meinte ich, die Konturen seines Planeten in der Dunkelheit hinter der Scheibe zu erkennen. Aber als ich die Welt der nächsten Haltestelle erreichte, erkannte ich, dass es eine Einbildung war.

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12 Comments:

Anonymous Neo Bazi said...

Wir wissen so wenig.

27.3.07  
Anonymous eon said...

Aber auch genug, zu erkennen, dass es so ist.

27.3.07  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Ach, fahren die jetzt ÖPNV und nicht mehr per Anhalter? Nun wird mir vieles klar.

27.3.07  
Blogger Scheibster said...

ÖPNV fahren kann Depressionen auslösen. Ich fühle mich in solchen Situationen nie wohl.

Schön ge- und beschrieben, nonetheless.

27.3.07  
Anonymous frauH. said...

Die die knien mag ich nicht. Die versuchen doch nur, einem mit Ihrer geschäftsmäßig unterwürfigen Haltung ein schlechtes Gewissen zu machen. Das gilt übrigens für alle Berufszweige.

27.3.07  
Anonymous Rabe said...

Andere Umlaufbahn wahrscheinlich …

27.3.07  
Blogger Markus Quint said...

/Neo Bazi: Und einen großen Teil des wenigen Wissens verwechseln wir mit Glauben.

/Eon: Leider ist diese Erkenntnis nicht die zwangsläufige Folge des Wissens.

/DGT Steini: Schonmal versucht, durch Frankfurt zu trampen? Früher war das Frankfurter Kreuz der dunkelste Anhalter-Alptraum. Berlin hingegen war einfach. Eine Richtung, eine Trampstelle. Ich schweife ab, wie lautete die Frage?

/Scheibster: Merci vielmals. Vom ÖPNV lasse ich mich gerne deprimieren, weil die Chance, dass man am Ziel aussteigen und frische Luft atmen wird, relativ hoch ist.

/FrauH.: S.a. Lieber aufrecht sterben, als knieend leben. (MC Bones) Soweit ok. Nur ist das mit dem aufrechten Sterben meistens nicht so einfach. Die meisten sterben liegend. Manche auch knieend. Aufrecht leben hingegen ist ein schönes Ideal, oft eine Illusion.

/Rabe: ... in einem anderen Universum ...

27.3.07  
Blogger mkh said...

"...Während er sich am Türgriff festklammerte, erklärte er dem Spiegelbild in der schwarzen Scheibe, dass er immer freundlich zu ihnen war, obwohl sie ihn schlecht behandelten..."
- Einer dieser klitzekleinen Sätze epischer Ausmaße!

"...Seine Welt war weit entfernt von den Welten der anderen...
- Wie nah sind sich denn die Welten der anderen?

28.3.07  
Anonymous der Nachbar said...

Scheiß Drogen...andererseits, lieber jene Welt als eine, in der sie nicht so lieb sind...

28.3.07  
Blogger Markus Quint said...

/MKH: Manche Planeten sind einfacher zu erreichen, manche sind weiter entfernt. Bei Forschungsaufträgen in Paralleluniversen ist Kommunikation mit herkömmlichen Mitteln nicht mehr möglich.

/Der Nachbar: Die beste Droge ist ein klarer Kopf, Weichzeichner machen die Welt nicht weicher.

28.3.07  
Blogger Oles wirre Welt said...

Es sind doch immer wieder die kleinen Situationen, die Details, die so vielen Menschen durchrutschen, über die ihre Wahrnehmung unbemerkt hinweggleitet, die oft so viel mehr vom Leben preisgeben. Man muss nur lernen, hinzusehen. Und dann die richtigen Worte finden. Nur. Unsinn, nicht "nur". Das ist allerhand. Aber glücklich, wem das Glück in dieser Hinsicht hold ist, und wem die Talentvergabestelle gnädig war. Bei Dir hat sie den Talentstreuer schon sehr kräftig geschüttelt!

28.3.07  
Anonymous der Nachbar said...

@markus: wenn er das nur auch wüsste

28.3.07  

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