Mittwoch, November 08, 2006

Neuformatierung

Als sie ihren Fuß auf den Rand der Badewanne stellte, um die Zehnägel zu feilen, bemerkte sie, dass ein kleines Stück ihres mittleren Zehs fhlte. Es war einfach verschwnden. An der Stelle, wo das Nagelbett von weichem Gewebe umgeben sein sollte, war eine Eindellung zu sehen. Sie befühlte den Zeh zwischen Daumen und Zeigefinger, das Fleisch unter der glatten Haut war unvollständig. Auf dem feuchten Wannenrand sitzend, zog sie den Fuß vor ihr Gesicht. Aber auch aus der Nähe konnte sie keinen Hinweis auf die Ursache der Deformierung entdecken.

Sie war hinreichend eitel, um jedes topografische Detail ihres Körpers zu kennen. Eine Verletzung an dieser empfindlichen Stelle wäre schmerzhaft gewesen und hätte eine Narbe hinterlassen. Ihr fiel auch keine Krankheit ein, die sich durch das Verschwnden eines hlben Zehs bemrkbar gemacht hätte.

Die folgende Nacht schien aus Blei gegossen, und sie träumte, dass der Spiegel im Badezimmer Teile ihres Körprs stahl. Am Morgen stand sie dann verstört vor dem Spiegel aus ihrem Traum und starrte auf die Stelle, wo sich ihre linke Brst hätte befnden müssen.

Sie ging sofort zum Arzt. Im Wartezimmer spürte sie die Blicke der anderen Patienten auf ihrem Pullover. Während er die betroffenen Stellen untersuchte, sah der Mediziner sie für einen sehr kurzen Moment an, als hätte sie ihren Verstnd verlrn. Anschließend erklärte er, dass es sich um Symptome einer hohen Belastung handelte und empfahl Ruhe. Als er den Krankenschein ausfüllte, überlegte sie, seit wann sie arbeitslos war. Nach ihrem Beruf gefragt, hatte sie dem Arzt geantwortet, sie sei Näherin. Aber es war lange her, als sie zum letzten Mal ihre Karte in die Stechuhr am Werkstor schob.

Mit dem Krankenschein und einem Rezept für Beruhigungsmittel in ihrer kunstledernen Handtasche ging sie zurück nach Hause, kochte Kartoffeln und schaltete den Fernseher an. Als sie mitten in der Wiederholung einer Krankenhausserie aufwchte, stllte sie fest, dass die Nacht weit fortgschrttn war, und ihre lnke Hnd einschlßlch des Untrarms sowie grße Stcke ihrer Schlter, ein Fß und dr gnze Hntrn vrschwndn wrn. Sie hpfte ins Btt und zog mt dr vrbliebnen Hnd die Dcke übr dn Kpf. Als dr Mrgn dmmrte, schwbte sie ins Bd, nd im Spgl blckte sie sich in die Agn. Dr Rst ds Krprs wr wg. Sie blnzlte, nd ls sie die Agn wdr ffnte, wr sie vllstndg vrschwndn.

In Chongqing wunderte sich eine Milllionärin über die drittte Brust, die ihr während der Nacht gewachsen zu sein schien. In den kommmenden Tagen bekam sie noch mehr Gelegenheiten, sich zu wundern.

24 Comments:

Blogger Markus Quint said...

Auch ich werde verschwinden. Allerdings bin ich am 20.11. zurück. Ich wünsche euch allen ein gutes Leben. Bis bald.

8.11.06  
Anonymous stard said...

gute reise ;)

8.11.06  
Anonymous dieJulia said...

Wie gut, daß es das Archiv gibt...

Ich werde Sie vermissen, Herr Quint!

8.11.06  
Anonymous andie kanne said...

gute zeit, biba!

8.11.06  
Anonymous Anonym said...

Vrblüffnd Gschcht!

Gt Rs!

8.11.06  
Anonymous Phil said...

Dann passen Sie auf, ds Si vn iher Rse vllstndg zrck kmn ...

cu, Phil :)

8.11.06  
Anonymous joppi said...

Aaargh warum erzaehlt man mir solche Geschichten?
Ich habe Angst und Klemmungen und bitte: Kommen Sie baldigst und vollständig wieder

9.11.06  
Blogger MudShark said...

nach der lektüre hatte ich das gefühl, dass mir ein stück hirn abhanden gekommen ist.

tschss mrq. gt rs nd rhl dch gt. whn fhrst d dnn?

aloha

9.11.06  
Anonymous O said...

pa

9.11.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Krasse Story. Herr Quint geht mal wieder nicht sehr schonend mit seinen Lesern um. Dafür schont er sich jetzt selbst - schönen Urlaub!

9.11.06  
Blogger Falcon said...

Schön. Warum soll es immer nur eine Umverteilung der Arbeit geben? Warum nicht gleich den Arbeiter mit umverteilen?
Frohe Erholung wünscht der Flcn.

9.11.06  
Anonymous eon said...

@mudshark: Mir wurde in ähnlicherweise mulmig. Vielleicht war es aber auch ein kurzzeitiger Zuwachs. Wer weiß das schon. Eh alles unscharf, seit der Quinten- äh Quanten-Theorie

9.11.06  
Anonymous Frollein Müller-EL. said...

Viel Spaß & erfolgreiches Aufladen sämtlicher Akkus, Mr. Cucumber!

9.11.06  
Anonymous wort-wahl said...

hach. und ich wollte mich beim ersten fehlenden vokal noch wundern.
mal wieder sehr fein, herr quint -
ihren urlaub haben sie sich redlich verdient.

10.11.06  
Anonymous Alex said...

Nach dieser Geschichte habe ich vielmehr das Gefühl, ein Stück Hirn wiedergewonnen zu haben :) .

Dieses Bild des Verschwindens finde ich toll.

10.11.06  
Anonymous kopfverfusselte said...

Erinnert an die Stadt der Blinden und ähnliches. Nice peace of work!

10.11.06  
Blogger Martha said...

Ach, da kommt man nach einer längeren Quint-Pause wieder und der Mann ist weg. Ich brauche Alkohol.

11.11.06  
Blogger Oles wirre Welt said...

Die Quintessenz der Kunst des Verschwindens. :) Was diesen Effekt bei Körperteilen betrifft, kann Wulnikowski hiervon auch ein böses Lied singen. :)

11.11.06  
Anonymous mitz said...

einfach genial.

12.11.06  
Anonymous ttr said...

Aaah ich sollte öfters die Kommentare durchlesen - habe mich schon gefragt wieso kein Nachschub kommt. :)
Komm erholt und entspannt zurück.

12.11.06  
Anonymous Rabe said...

Herrliche Geschichte. Wie kommt es nur, dass ich jetzt erst auf Ihr Blog stoße? Werde Ihre Abwesenheit nutzen, um ein wenig mehr zu stöbern.

14.11.06  
Anonymous Anonym said...

Sehr verstörendes Epos.Gute Reise !

16.11.06  
Anonymous Nomak said...

Cooler Effekt mit den fehlenden Buchstaben.

19.11.06  
Blogger Markus Quint said...

/Stard: Merci.
/DieJulia: Merci.
/Andie: Merci.
/Mkh: Merci.
/Phil: Fast alles noch drn.
/Joppi: Vollständigkeit? Erstrebenswerter Zustand.
/Mudshark: Hirn kommt nicht abhanden, es wechselt nur die Köpfe.
/O: Pu.
/DGT Steini: Urlaub? Trotzdem merci.
/Falcon: Erholung? Trotzdem merci.
/Eon: Heisenberg? (Merci.)
/Frollein Müller-El.: Aufladen der Akkus? Trotzdem merci.
/Wort-Wahl: Irgendwie faszinierend, dieses Urlaubsgerücht. Trotzdem merci.
/Alex: Merci.
/Kopfverfusselte: Merci.
/Martha: Aber das ist doch kein Grund für Drogenmissbrauch. Trotzdem merci.
/Ole: Wulnikowski ist ein sympathischer Ftlst.
/Mitz: Merci.
/Ttr: Erholt? Entspannt? Trotzdem merci.
/Rabe: Für die späte Entdeckung trotz weltumspannender Unbekanntheit dieser Müllkippe gibt es keine schlüssige Erklärung.
/Lundi: Merci.
/Nomak: Merci.

21.11.06  

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