Montag, August 21, 2006

Stresstest

Auf dem Weg von der Arbeit nach Hause sprach mich eine Dame auf der Kaiserstraße an.

Endlich ein zwischenmenschlicher Beitrag mit Pep auf dieser stinkenden Textmüllkippe, könnte man beim Lesen des vorangegangenen Satzes meinen, zumal sich die Frankfurter Kaiserstraße einst eines gewissen zwischenmenschlichen Rufes erfreute.

Aber weit gefehlt, reines Täuschungsmanöver, kein Pep. Die Dame gehörte einer Interessengemeinschaft an, die nur zehn Prozent ihres Gehirns nutzt. Zumindest kann ich mich mit Unterstützung der anderen neunzig Prozent meines Gehirns daran erinnern, dass der Verein irgendwann mit dieser erschütternden Selbstdiagnose um Opfer Mitglieder geworben hat.

- Darf ich Sie zu einem kostenlosen Stresstest einladen?

Ich antwortete ihr, dass ich mich glücklicher Weise zu dem Teil der Bevölkerung zählen darf, der noch nicht auf der Straße steht und fremde Menschen ansprechen muss.

- Ich verbringe in meinem Job über ein Drittel des Tages mit pausenlosen Stresstests, und mir fällt kein zwingender Grund ein, das in meiner Freizeit fortzusetzen.

Der Dame fielen offenbar auch keine zwingenden Gründe ein. Sie blinzelte mich wie gehirngewaschen an und hielt ihren Kopf in Schräglage, bis ich ihr noch einen sonnigen Rest des Tages wünschte.

Nutzt ein Großteil der Zeitgenossen tatsächlich nur zehn Prozent des Gehirns? Wie sonst kann man mit dem dünnen Konzept kostenloser Stresstests erfolgreich Opfer Kunden Mitglieder ködern? Ich kann mir das höchstens noch mit akuten Stressdefiziten erklären.

21 Comments:

Anonymous Anonym said...

Ich glaube, du hast die gute Frau ziemlich gestresst. Scientology-An werberinnen und Zigaretten-Verkäuferinnen im dritten Psychologie-Semester werden zukünftig immer größere Bögen um dich machen...

21.8.06  
Blogger kein einzelfall said...

Der Verstand und die Fähigkeit ihn zu gebrauchen sind zwei verschiedene Gaben (Franz Grillparzer), und man kann eben nicht alles haben, wir müssen alle kürzer treten, man muss sich entscheiden: entweder oder ...

21.8.06  
Anonymous martha said...

Wie funktioniert denn so ein Stresstest wenn ich fragen darf?

21.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/MKH: Du bringst mich da auf eine Idee ... vielleicht war es dieselbe ... das wäre allerdings ein recht derber biographischer Absturz ...

/Kein Einzelfall: Man kann niemand zu seinem Verstand zwingen. Zumal die Bequemlichkeit stets darum bemüht ist, dem Verstand die Entscheidungen abzunehmen.

/Martha: Ich habe aufgrund der verweigerten Teilnahme keinen Schimmer, aber ich stelle es mir in der Art von Russisch Roulette vor - mit Betablockern anstelle von Patronen.

21.8.06  
Anonymous Anonym said...

@Martha
Jedenfalls wird das Ergebnis jedes individuellen Strestests ganz sicher lauten, dass der Klient dringendst Scientology-Member werden müsse, um gegen die durch Hirnnutzungs-Defizite ausgelösten Stresserscheinungen entschieden vorgehen zu können. Der TEst dürfte nur Tarnung sein, aber eine raffinierte Marketing-Idee!

21.8.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Sie hielt den Kopf in Schräglage? Suspekt. Es gibt eine Virusinfektion, Paramyxovirose, von der leider Tauben und andere Vögel befallen werden. Sie äußert sich dadurch, dass die Tiere ständig den Kopf verdrehen. Kriegen Scientologen das etwa auch? Kein Wunder, dass die dauernd unter Stress stehen und so komische Vögel sind.

21.8.06  
Blogger Scheibster said...

Der eigene Verstand sollte dort beginnen, wo die Dummheit der anderen endet.

Zudem: Es gibt Dinge und Leute, die es gar nicht gibt, und auf der Kaiserstraße gibt es eine MENGE davon.

21.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Steini: Vielleicht gab es bei diesem Täubchen auch einen Zusammenhang mit Betablockern ...

/Scheibster: Mein Verstand endet oft dort, wo die Dummheit der Anderen beginnt. Die Anderen sehen das vermutlich anders.

22.8.06  
Blogger Chris said...

damals, während der wm hatte ein, in der nähe besagter straße wohnender freund, ständige kostenlose stresstests zu jeder nur undenkbaren uhrzeit, für die vorallendingen holländische und englische nationalitätsangehörige verantwortlich zeichneten; wenn die zehn prozent gehirn tatsächlich genutzt werden würden - da es ja keine frage der quantität sein sollte - wäre das recht ökonomisch, effektiv und intelligent, da man dann die übrigen neunzig glücklicherweise bedenkenlos zur transplantation zur verfügung stellen könnte oder sind einfach nur heimlich still und leise - womöglich von irgendeiner in- oder außerirdischen wahrlich mächtigen macht - neunzig prozent aller gehirne gegen vakuumblasen ausgetauscht worden? ich hab da so einen vagen verdacht!

22.8.06  
Anonymous c17h19no3 said...

der hiesige fränkische raum ist eher hochburg der zeugen. da klingt´s schon mal um halb elf morgens an meiner tür (bermerke: wohnungs- nicht haustür!) ich öffne in einem irrationalen moment von schlaftrunkenheit. draußen stehen dann in der regel zwei damen in biederen mäntelchen mit den obligatorischen prospekten und bombadieren mit glaubensfragen. da sind die zeugen ja sympathisch konservatiiv und nutzen nicht die moderne volksreligion der psychologie zu werbezwecken (btw, ich frage mich, ob die scientology nicht bald auch wellness-wochenenden bieten wird). da sind die zeugen bei mir noch-nicht-ganz-aber-doch-fast-im-12.-semsester-theologin genau an der richtigen adresse. schritt eins: verwirrung stiften. ich frage sie, inwiefern sich der christologische kenosisgedanke nun ihrer auslegung nach auf die adamistische sünde auswirkt. (ich könnte auch fragen: hat christi tod uns von der ursünde erlöst? - tue es aber nicht.) hilflos halten sie dann ihre prospekte in die höhe und versuchen mir glaubhaft zu versichern, in diesen würde ich antworten finden. schritt zwei: das kernthema treffen. ich spreche vom missionsgedanken und gottesgerechtigkeit sola fide. lateinkenntnisse sind bei den zeugen nur in wenigen fällen zu befürchten. schritt drei: den spieß umkehren. ich lade sie zum dialog in ein aktuelles seminar ein. spätestens dann erfolgt die höfliche flucht. und ich hatte sogar noch meinen spaß...

22.8.06  
Blogger Nomak said...

Schade. Ich bin sicher, Du hättest

- die Frau richtig durcheinander bringen können, wenn Du ihr ein wenig mehr Zeit geschenkt hättest und auf deine ganz spezielle Weise den Test mitgemacht hättest
- uns mit dem Bericht über die Frau und den Test viel Vergnügen bereitet...:-)

22.8.06  
Blogger Lundi said...

Mich würde jetzt auch brennend interessieren was ein Stresstest misst. Die Belastbarkeit ? Die Fähigkeit andere zu stressen ? Das Ergebnis wird doch sicher sein dass man unbedingt einen Anti-Stress-Kurs für nur 2780.- Euro belegen sollte...

22.8.06  
Anonymous eon said...

Am besten hättest du gesagt, dass du, als du gestern morgen mal wieder EXTERIO warst, RON getroffen hast und er dich schon darauf vorbereitet hat jetzt in diesem Moment von ihr angesprochen zu werden. RON hat dich gebeten ihr mitzuteilen, dass die ganze Sache abgeblasen ist und sie ihre Prospekte in die Mülltonne werfen und nach Hause gehen soll. Die Bhagwani übernehmen das jetzt wieder.

22.8.06  
Anonymous Anonym said...

Die Sache wird ja zu einem lustigen Selbstläufer! Ich finde, man solte jetzt unbedingt das Scientologentäubchen zur Blog-Diskussion mit einladen!!!

(Vielleicht weiß RON, wo sie heute gegen Feierabendzeit gerade ihre Stresstests anbiedert, um sie diesbzgl. zu fragen...)

22.8.06  
Blogger Andie Kanne said...

Onkel Ron & Friends dürfen anscheinend laut "Freie und Hansestadt Hamburg Pressestelle des Senats" vom 31. März 2006 keine Strassenwerbung mehr machen, unter Androhung von 2500 EUR Zwangsgeld. Da könnte man mit den Werberinnen einen kleinen leckeren Deal unter dem Stichwort Blackmailing machen... ;)

Eigentlich schade, dass es soweit kommen musste in HH. Der Unterhaltungswert dieses Clubs ist doch ungebrochen hoch. Auch in Bensheim: "Ein kostenloser „Stress-Test“ wurde am vergangenen Samstag in der Fußgängerzone angeboten ... Die CDU hofft, dass möglichst niemand auf das unentgeltliche Lockangebot hereingefallen ist.", Bensheimer Bote, 15.8.06.
Klasse! Gut, dass wenigstens die politischen Parteien noch auf Menschen mit >10% Verstand hoffen.

22.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Chris: Ich würde mein Gehirn nicht verkaufen, auch nicht Teile davon (und erst recht nicht zu wissenschaftlichen Zwecken), auch wenn es mir meistens vollkommen unzureichend erscheint. Aber ich würde mein Gehirn gerne für einen Tag tauschen, dann allerdings nicht mit einem Zehnprozentigen. Lieber mit einem Hund oder einer Brieftaube.

/c17h19no3: Ich finde es bemerkenswert, wenn Leute in der Lage sind, sich die Zeit und Geduld zu nehmen, um mit religiösen Fanatikern zu diskutieren. Ich habe mir im Lauf der Jahre vermutlich zuviel Arroganz angeeignet. Ich unterhalte mich u.U. auch über theologische Themen, aber dann sollte der Gesprächspartner mindestens Die Geschichte der religiösen Ideen von Mircea Eliade od. ähnl. kennen. Gespräche über Religion verlaufen ansonsten häufig so, wie du deine Erfahrungen mit den ZJ schilderst.

Eliade sei an dieser Stelle auch als Romanautor und intellektuell schillernde Persönlichkeit empfohlen. Das passt zwar überhaupt nicht in den restlichen Kontext - ist mir aber ein Anliegen, weil ich angesichts vieler, seit Jahren vergriffener und nicht mehr aufgelegter Titel den Eindruck habe, dass er in Vergessenheit gerät.

/Nomak: Du wirst lachen, ich habe mir sogar überlegt, da nochmal mit meinem Kunstkopfmikrofon-Ohrstöpseln aufzutauchen und das Ganze akustisch zu dokumentieren. Aber für den Aufwand isses mir einfach zu nervig und zu scheissegal.

/Lundi: Ergänzend zu Hrn. Kannes Beitrag, von Hrn. Heinemanns Website zitiert: Als "Ergebnis" dieses "Testes" legten die SO-Mitglieder den Passanten einen Mitgliedsantrag vor und kassierten sofort 150 Euro als "Spende". Also: ähnliches Procedere, wie vermutet.

/Eon: Bei der Eingabe von Ron in Google erscheint Ron Jeremy (und wieder was gelernt!) noch vor Ron Wood (!) Mr. H. kommt erst an neunter Stelle. Ich wollte es einfach mal wissen, weil die Bedeutung einer Person heutzutage am Google-Ranking gemessen wird. Sagte man mir. Zusätzlich habe ich bei dieser Gelegenheit sogar noch nutzloses Wissen über die Pornoindustrie erworben. Hurra.
Übrigens: Nix gegen Bhagwan. Diese Freaks haben mal eine Spitzendisco in Würzburg bewirtschaftet, den Zauberberg. Gibt es wohl heute noch, aber ohne Tänzer(innen) in orangefarbenen Gewändern: indiskutabel.

/MKH: Ich könnte die URL ans Fenster des Ladens lackieren ...

/Andie: ... wodurch auch immer sich die politischen Parteien dazu motiviert sehen ...

22.8.06  
Anonymous wort-wahl said...

und ich dachte immer, es wären 20% nutzung des gehirns.
übrigens kann ich bestätigen, dass franken zj-hochburg ist. bei mir klingeln sie allerdings immer schon um halb neun. *grrroar!*

22.8.06  
Blogger Tillmister said...

Meine Mutter fragte mich heute wie Scientology Mitglieder anwerben würde, da mein Neffe sich plötzlich nach ihren Meditationsformen im Joga erkundigt hatte. Er schien nicht zufrieden mir der Antwort und meinte das sei garnicht "richtig meditieren". Meine Mutter hatte darauf die Vermutung, dass er im Schlossgarten falsche Leute kennengelernt hätte; da ich sie schon beschwichtigte, dass nicht alle dort Drogen konsumieren, schien es ihr jetzt wohl möglich, dass sie immerhin von Scientology sind und nur noch meditieren wollen. Übrigens bin ich seit der Schulzeit mit einem Scientology-Mitglied bekannt und empfinde viele Stellungnahmen als überzogen - ich weiss, sie wollen nur dein Geld - aber sind halt auch nur Menschen, wie ich -> bin leider römisch-katholisch. Weiss auch...austreten und so, mach ich auch immer beim Biertrinken. Prost!

23.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Wort-Wahl: Warum ausgerechnet das erzkatholische Franken ein Nährboden für weltanschauliche Geschäftsmodelle ist, können vielleicht auch die universell Verspulten erklären.

/Tillmister: Zumindest kann Mama Tillmister mit einem Stresstest beruhigt werden. Regeln und Inhalte müsste man aufgrund o.g. Informationsdefizite selbst erfinden, aber das ist legitim, denn die Wissenschaftologen haben die Regeln und Inhalte auch selbst erfunden.

23.8.06  
Anonymous Anonym said...

@mq - by the way:
Kannst du Eliade´s "Schmiede und Alchemisten" empfehlen? Beschäftige mich diesbzgl. mit Investitionsplänen...

23.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Ausgerechnet diesen Text kenne ich nicht, aber da ich fast alle auf deutsch erschienenen Bücher Eliades gelesen habe und ausnahmslos beeindruckend finde, empfehle ich es ungelesen. Riskant, aber mal was neues. Ich werde es mir auf jeden Fall besorgen und dir dann nochmal bescheid geben.

25.8.06  

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