Montag, August 14, 2006

Sammeln und Auflösen

Sobald das Kind versteht, dass die Oberflächen der Dinge nicht nur Sinnlichkeit besitzen, sondern einander, entsprechend ihrer Erscheinung, zugeordnet werden können, beginnt es mit dem Sammeln. Das Phänomen des Sammelns ist Teil des großen Versuchs, die Welt zu ordnen.

Meine ersten Sammlungen bestanden aus Federn, Blättern, Kastanien und anderen Gegenständen, die ich in der Natur fand. Später waren es Fossilien, die vornehmlich im Herbst auf Äckern lagen, nachdem sie durch das Pflügen der Erde an die Oberfläche befördert worden waren. Die Vorstellung, dass im Gestein Überreste von Wesen eingeschlossen sind, die vor Millionen Jahren gelebt hatten, übt noch heute eine schaurige Faszination auf mich aus.

Mit zunehmenden Alter wird der Sammler zum Jäger, sei es als Kunstsammler, der sich auf Auktionen herumtreibt, oder im wörtlichen Sinn des Jagens als Sammler von Insekten und anderen Lebewesen - eine Leidenschaft, die sich von jeher meinem Verständnis entzog. Ich kann aufgespießten Schmetterlingen oder Käfern keine Schönheit mehr abgewinnen.

Durch das Sammeln scheint sich die Einzigartigkeit der Gegenstände addieren zu lassen. Eine Sammlung ist aber mehr als die Summe der einzelnen Gegenstände, sie wird selbst zu einer Gestalt, deren Atem uns berühren kann. Die Bestandteile einer Sammlung sind mit Organen vergleichbar, bei einem besonders wichtigen Organ spricht man auch vom Herzstück der Sammlung.

Viele Sammler vergessen die Vergänglichkeit, und dass die Auflösung, also der Tod einer Sammlung wichtiger Bestandteil ihrer Existenz ist. Sobald man das erkannt hat, fällt es nicht mehr schwer, sich von den Dingen zu trennen. Manches wird vernichtet, aber das Meiste wird zum Bestandteil neuer Zusammenhänge und lebt dadurch weiter.

Abgesehen von meiner Bibliothek, die ich kürzlich um einen Großteil des Bestands erleichtert habe, und den digitalen Sammlungen aus Texten und Bildern, besitze ich noch eine umfangreiche Sammlung von Beuteln, die von verschiedenen Fluggesellschaften und Schifffahrtslinien, von denen ich mich transportieren ließ, für den Fall der Luft- oder Seekrankheit entwickelt wurden. Vermutlich wird auch diese Sammlung durch die eine oder andere Nutzungsmöglichkeit irgendwann aufgelöst.

20 Comments:

Blogger MudShark said...

ist ja geil. ich dachte ich wäre der einzige bekloppte der kotztüten sammelt. tststs. sachen gibts.

14.8.06  
Blogger Scheibster said...

Irgendetwas sammeln wohl alle Jungs. Und wenn's wie bei Hugh Hefner irgendwann Frauen sind, die auch die Enkeltöchter sein könnten.

Aber die Tüten sind sicher im Jauar nach der MwSt-Erhöhung gut zu gebrauchen...

14.8.06  
Anonymous ungültiger opa said...

Leider gelingt es mir zu Wochenbeginn nie, mich selbst und meine Gedanken rechtzeitig zu versammeln. Eine gewisse Ordnung sollte jedoch Bestandteil jeder vernünftigen Sammlung sein.

Nachdem also das Wesentliche bereits gesagt ist, wünsche ich dir und allen hier versammelten Herrschaften eine arbeitsreiche Woche.

14.8.06  
Blogger Lundi said...

Eine schöne Beschreibung des Sammelns ! Bei mir gibt es noch zwei Ansammlungen die eigentlich ihrer Auflösung harren. Da ist der Abschnitt über die Vergänglichkeit einer Sammlung ein guter Anschub...

14.8.06  
Anonymous eon said...

Ich sammle unfertige Dinge. Besitze schon eine große Sammlung angefangener Manuskripte für Bücher und reihenweise aus 4-8 Takten bestehende Musikstücke. Highlight ist dabei ein 1,5 A4 Seiten langes nicht zu Ende gebrachtes Buch über die schwierigen Familienverhältnisse meiner Ex-Frau. Ich würde das hier gern mal als bezeichnend bezeichnen.

14.8.06  
Anonymous burnster said...

Sie sind ein merkwürdiger Typ, Herr Quint. Und das ist gut so.

14.8.06  
Anonymous martha said...

Witzig, ich habe früher auch Federn und Steine gesammelt. Obwohl... mache ich eigentlich immer noch. Dann sammel ich noch Erinnerungen, Ideen, Bilder und Gedichte, Ginko Bäume und Masken. Eine neue und größere Wohnung wäre demnächst wohl angebracht.

14.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Mudshark: Es gibt viele von uns.

/Scheibster: Ich muss mir wohl angewöhnen, immer eine griffbereit zu haben.

/Opa: Ich hörte von reizenden Damen, die ungültige Opas sammeln und ordnen. Wäre das was?

/Lundi: Die Dinge kommen und gehen. Klingt banal. Ist auch banal. Stimmt aber.

/Eon: Für die Beschreibung schwieriger Familienverhältnisse (noch dazu der Ex-Frau!) sind 1,5 A4 Seiten schon recht ordentlich. Und nachher denke ich mal drüber nach, ob es sowas wie fertige Dinge überhaupt gibt.

/St. Burnster: Am einen gebe ich mir selbst die Schuld, das andere wagte ich nie zu hoffen.

/Martha: Erinnerungen und Ideen passen fast überall rein, auch die großen. Was die anderen Dinge betrifft, könnte ich höchstens nochmal auf den vorletzten Abschnitt verweisen ...

14.8.06  
Anonymous stard said...

ich sammel kleingeld. naja, genaugenommen leere ich immer meine taschen irgendwo aus (vorzusgweise morgens auf dem küchentisch) und frau schmeisst alles was glänzt in einen grossen eimer. und in meinem fall ist wertmässig die summe der einzelnen sammlungsstücke immer genau die gesamtsammlung. hab das schon mehrmals überprüft. faszinierend ^^


achja, früher habe ich münzen aus anderen ländern gesammelt - die meisten davon gibt es garnicht mehr wegen euro. vielleicht sind die ja inzwischen was wert *grübel*

14.8.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Hmm. Ich habe eigentlich noch nie irgendwas gesammelt. Vielleicht, weil mir vieles so schnell langweilig wird. Habe immer Mitleid mit manischen Sammlern gehabt. Aber das mit den Fossilien kann ich gut verstehen - das hat ja schon was abenteuerlich-faszinierendes. Im Gegensatz zu verstaubten Regalen voll Ü-Ei-Figuren...

14.8.06  
Anonymous martha said...

Nee, tut mir leid. Ich bin im Moment nicht in der Verfassung mich von meinen Sachen zu trennen...

14.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Stard: Bravo. Das ganze Geld im Eimer und jeder Tag ein Weltspartag! Über den finanziellen Wert von Sammlungen muss man sich meistens keine allzu großen Sorgen machen, solange sich kein ungefälschter Harmenszoon van Rijn darunter befindet.

/DGT Steini: Fang bloß nicht an, deine spektakuläre Moped-Unfallsammlung zu erweitern ...!
Ü-Ei-Figurensammlungen waren die Pest in manchen Küchen von Frauen-WG´n der verendenden Achziger Jahre.

/Martha: Bilder, Gedichte und Masken wären im Grunde auch kein Problem, man kann unendlich viele davon besitzen. Aber für Ginko-Bäume finde ich einfach keine Bedeutung im übertragenen Sinn. Viel Spaß bei der Wohnungssuche.

14.8.06  
Anonymous stard said...

"entschuldigung, die haben mir statt des zehners einen petrus im gefängnis rausgegeben, könnten die den bitte zurücknehmen?"

^^

sie glauben übrigens garnicht wie nervig diese angewohnheit ist kleingeld nicht auszugeben, ich hab noch keine bank hier in der nähe gefunden die eine eurozählmaschine hat. da heisst es dann selberdrehen und das kann ich eigentlich nur konisch wirklich gut.

14.8.06  
Anonymous martha said...

Es gibt auch keine Bedeutung. Ich mag einfach Ginko Bäume ;)

14.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Stard: Sie sind also einer von den abertausenden Münzgeldmillionären, die von der Statistik nicht erfasst werden.
/Martha: Ginko Bäume mögen angenehme Lebewesen sein, aber Vorsicht: Die Bäume erreichen in etwa 100 Jahren eine Höhe von bis zu 40 Metern. (Wikipedia)

15.8.06  
Anonymous eon said...

Stimmt. Fertige Dinge gibts wohl nicht. Aber ein zufrieden stellender Fertig-Status wäre schon mal was. Andererseits macht Zufriedenhait auch faul. Und was dann. Dann werden die Bücher nur noch eine halbe A5 Seite lang und alles ist dann schon gesagt. Dann doch lieber den Anreiz des Noch-Was-Tun-Müssens.

15.8.06  
Anonymous stard said...

ich kippe mal alles auf einen haufen und mache ein foto. blöderweise sieht das immer nach viel aus und wenn ich's dann zur bank geschleppt hab kommen nichtmal zwei grosse scheine bei rum -.-

@ginko

sind das nicht die mit den jingjang blättern? aus asiatischer sicht haben die doch sicher mehr als nur eine bedeutung ...

15.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Eon: Auch über zufrieden stellende Fertig-Stati sollte man sich nicht allzu große Illusionen machen ...

/Stard: Erinnert mich an Dagobert Duck - heute schon gebadet?

16.8.06  
Blogger kein einzelfall said...

Wer sammelt, ist nicht allein.

18.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Auf 1500 verschiedene Kotztüten von ca. 580 Airlines habe ich es noch nicht gebracht. Ist aber auch nicht mein Ziel - interessanter Link.

18.8.06  

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