Mittwoch, August 16, 2006

Nekrolog für einen Pausenclown (Entwurf)

Fröhliche Trauergemeinde! Um die wichtigsten Angelegenheiten während und nach dem irdischen Intermezzo sollte man sich persönlich kümmern. Daher kam der Verstorbene vor seinem Ableben nicht umhin, sich geschwind noch einen Nekrolog auf den toten Leib in spe zu schneidern.

Um es nicht inszeniert wirken zu lassen, sollte diese Grabrede ursprünglich aus unartikuliertem Geschrei und Gesabber komponiert sein, so wie der Mensch direkt nach seinem Eintritt in die Welt der autonomen Stoffwechselprozesse nur in der Lage ist, unartikuliert zu schreien und zu sabbern. Unartikuliertes Geschrei und Gesabber wären vielleicht überhaupt die würdigsten Ausdrucksformen in allen Lebenslagen. Aber damit es auch für die banal Strukturierten unter den Versammelten verständlich bleibt, wird hier kaum gesabbert, und schon gar nicht unartikuliert geschrieen.

Wie dem größten Teil des anwesenden Publikums bekannt sein dürfte, hat der Verstorbene die meiste Zeit seines irdischen Daseins damit zugebracht, als Pausenclown halbwegs anständig über die Runden zu kommen. Dieses rechtschaffene Ansinnen scheiterte zuweilen bereits an der glitschigen Schwelle seines eigenen Humors. Er stürzte sich gern zum Lachen in den Keller, weil sich dort unten, hinter Kohlen und Kartoffeln, die kapitalsten Brüller versteckten.

Trotz ungesundem Humor strengte sich der Abgekratzte an, seinen Zeitgenossen mit Respekt zu begegnen. Er bedauerte den Verlust religiöser Neigungen, denn die Toten waren ihm nicht annähernd so gleichgültig wie alles, was vor ihm lag. Rituale waren ihm verdächtig, und er hasste die Mittelmäßigkeit. Lieber völlig verstört, als mittelmäßig. So lautete sein Credo, und dennoch waren die Momente außerhalb der Mittelmäßigkeit trotz anhaltender Verstörung selten.

Heute pfeifen wir einen ins letzte Loch, dem ein einziger Blick auf ein Gemälde von Rembrand mehr wert war, als das gesamte verworrene Drehbuch der bewegten Bilder. Einen, für den Musik kein Stimmungsbarometer, sondern die einzige begreifbare Analyse des Seins war. Einen, der die unordentlichen Erfahrungen den ordentlichen vorzog. Einen, der bei langen Reden gerne herzhaft gähnte und dabei hoffte, dass es jeder mitbekam. Einen, der an diesem Grab stehend die letzte Möglichkeit nicht verpasst hätte, auf die fadenscheinigste Informationsquelle aller Zeiten: www.frischerfischvonvorgestern.de hinzuweisen. Surfen Sie mal vorbei, fröhliche Trauergemeinde. Etc.

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Anmerkung:
Ich hoffe, dass der Text nicht zeitnah benötigt wird, denn ich würde gerne noch eine Weile daran herumfeilen, bevor ich umkippe. Hundertprozentig zufrieden bin ich mit diesem ersten Entwurf nämlich nicht, aber so ähnlich könnte ein Grabgelaber nach meinem Gusto formuliert sein. Oder alle halten einfach nur die Schnauze - falls überhaupt jemand auftaucht. Selbstverständlich lege ich jedem notorischen Partygänger jetzt schon nahe, seine Zeit nicht auf meiner Beerdigung zu verbummeln, da sich bestimmt noch sinnfreiere Tätigkeiten finden lassen. Dieser offene Hinweis entspricht meinem Verständnis von Fairness, denn man sollte bei aller Vergnügungssucht stets der Möglichkeit gewahr sein, den persönlichen Zeitplan an der größtmöglichen Sinnfreiheit auszurichten. So kommt man dem eigentlichen Wesen des Daseins relativ hurtig auf die Schliche.

In den USA scheint es üblich zu sein, dass Freunde eines Verstorbenen während der Bestattungszeremonie an das Rednerpult treten und Anekdoten aus dem früheren, gemeinsamen Leben erzählen. Ich habe das einmal auf der Beerdigung eines amerikanischen Bekannten erlebt und halte es für eine drollige Variante, um die einschläfernden Beisetzungszeremonien mit Unterhaltungswert anzureichern. Falls bei meinem Urnenspektakel also doch noch einer auftaucht, würde ich mich jetzt schon über Schilderungen besonders wüster Szenen freuen.

Aber ich mache es sowieso wie Fidel Castro und überlebe einfach alle. ¡Salud señoritas, auf die kommenden hundert Jahre! Hasta la muerte siempre!

15 Comments:

Blogger MudShark said...

[...]
Einen, für den Musik kein Stimmungsbarometer, sondern die einzige begreifbare Analyse des Seins war.
[...]

was für ein geiler satz! kill ugly radio!

16.8.06  
Anonymous martha said...

Schon mal die Grabrede vorbereitet? Das ja mal ein Ding. Herr Quint, ich bin entsetzt! Im Übrigen. ich würde kommen. Mit frischem Käsekuchen ^^ Dann halten eh alle die Klappe.

16.8.06  
Anonymous stard said...

ich hatte mal drüber nachgedacht frühzeitig einladungskarten zu meiner bestattung an meine freunde zu verschicken. mit dem hinweis "besser früh als nie". hab das aber aus freundemangel und zeitmangel unterlassen ...

16.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Mudshark: Radio=Gaga (frei nach Freddie)
/Martha: Der Käsekuchen wird auf der Einladung vermerkt, dann gibt es sowieso ein Gedrängel an der Gruft.
/Stard: Dafür würde es sich aber schon rentieren, ein paar Freunde zu finden und sich die Zeit zu nehmen.

16.8.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Seine eigene Grabrede zu verfassen, ist ja wohl der Gipfel des Narzismus!! :-)

16.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Ich fürchte, es ist nur der Gipfel des Eisbergs.

16.8.06  
Anonymous c17h19no3 said...

ich würde gerne meine auferstehung verbal inszenieren.

16.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Das (verbale!) Schauspiel wird mit Spannung erwartet.

16.8.06  
Anonymous TTR said...

Der Tod - ein wunderbarer Anlass einen Stück Käsekuchen zu verspeisen - sollte vielleicht doch lieber abgeschafft werden.

16.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Und dann? Nie wieder Käsekuchen?

16.8.06  
Blogger Falcon said...

Die Frau Martha lässt aber auch wirklich keine Gelegenheit aus, ihren Käsekuchen an den Mann zu bringen.
Aber warum sollte ich auf der Beisetzungsfeier fehlen? Solange hinterher dann nochmal richtig gefeiert wird...

Ps: Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich die Bezeichnung "Leichenschmaus" für das Beerdigungsanschlussgelage nun lustig oder abstoßend, weil kannibalistisch anmutend, finden soll.

PPs: Die Wortbestätigung fordert von mir die Eingabe von "hjleual". Schriebe man es etwas anders, würde es einen sehr unangenehmen Charakterzug beschreiben.

17.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Die Charakterzüge der Wortbestätigung sind an sich schon ausreichend unangenehm. Leichenschmäuse sind mir auch immer unangenehm aufgestoßen - aber nichts gegen Käsekuchen als Grabbeigabe.

17.8.06  
Blogger Scheibster said...

Mutig, witzig... Eine gute Idee, selbst etwas zu schreiben, damit es die anderen nicht versauen können!

Ist noch Kuchen übrig?

18.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Logo - bedienen Sie sich.

18.8.06  
Anonymous ttr said...

Aber, aber!
Es gibt doch genug andere Kuchenverzerrungsanlässe. Geburtstage zum Beispiel.
Wobei ich letztens irgendwo gelesen habe, dass der Tod der Anfang der Geburt ist. Hmmm

21.8.06  

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