Samstag, August 12, 2006

Treffer

S traf die Auftraggeber nie persönlich. Ein Mittelsmann, dem er seit sieben Jahren vertraute, überprüfte die Kunden und nannte ihm anschließend eine Telefonnummer. Dann meldete S sich bei dem Kunden. Nie umgekehrt.

Auf den Mittelsmann war Verlass. Er arbeitete professionell, hielt ihm die Bullen vom Leib, und überwies die vereinbarte Summe umgehend nach erfolgreicher Durchführung auf das Konto in Hongkong.

Die Stimme der Frau am Telefon kam ihm bekannt vor, wie ein Echo aus der Vergangenheit. Die meisten Erinnerungen aus der Zeit vor dem Unfall waren abhanden gekommen. Seit die Kugel in seinem Gehirn steckte, blieben sie verschollen. Nur die Kopfschmerzen kehrten immer wieder zurück.


Die Frau beschrieb ihm, wie er vorzugehen hätte. Gewöhnlich wählte er die Methode selbst, aber wenn ihm ein Vorschlag gefiel, ging er darauf ein. Es sollte nach einem Gasunfall aussehen. Bei der Zielperson handelte es sich um den Ehemann der Frau, mit dem sie seit über vierzig Jahren verheiratet war. Als die Kundin ihre Leidensgeschichte erzählen wollte, unterbrach er sie und meinte, das ginge ihn nichts an. Motive interessierten ihn nicht, er bot keine psychologischen Dienstleistungen an.

Die Wohnung befand sich in einer Seitenstraße der Ocean Avenue. S nahm sich keine Zeit für eine Besichtigung. Er beeilte sich, den Herd zu präparieren und den Fernzünder anzubringen. Mit dem Nachtsichtgerät beobachtete S vom gegenüber liegenden Gebäude, wie die Zielperson das Haus betrat. Die Bewegungen des alten Mannes riefen eine inhaltslose Erinnerung hervor. S kannte dieses Gefühl, er hatte es häufig beim Erledigen von Aufträgen. Als die Zielperson einige Minuten später in der Küche stand, löste S den Fernzünder aus.

Das Geld wurde pünktlich überwiesen. Kurze Zeit später erhielt er einen weiteren Anruf von seinem Mittelsmann. Er teilte ihm mit, dass die zufriedene Kundin einen weiteren Auftrag für S hätte. Als er mit ihr telefonierte, beschrieb sie die Zielperson. S erlitt im Verlauf des Gesprächs eine Kopfschmerzattacke. Die Beschreibung traf exakt auf ihn selbst zu. Als die Adresse der Zielperson genannt wurde, wusste S wieder, woher er die Stimme der Kundin kannte. Es war die Stimme seiner Mutter.

Die zweite Kugel in seinem Kopf war kein Unfall. Das Geld wurde pünktlich überwiesen.

10 Comments:

Anonymous martha said...

Das ja mal hart. Gibts noch mehr solcher Geschichten? Ich mag Krimis :D

13.8.06  
Anonymous wort-wahl said...

ich lese diese kurze geschichte schon zum dritten mal. sie fasziniert mich immer wieder.
großes kino. oder großes tennis, wie es ihnen lieber ist.

13.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Martha: Bisher hatte ich Hemmungen, die härter gekochten Texte aus der Schublade zu ziehen.
/Wort-Wahl: Dreimal ist Rekord! So oft habe ich die Geschichte selbst nicht gelesen.

13.8.06  
Anonymous Texttourist said...

War Herr S nun knallhart konsequent, oder war ein Dritter (vielleicht der Mittelsmann) im Spiel?

Wir werden es wohl nie erfahren.

13.8.06  
Anonymous medienjunkie said...

sehr gut!

13.8.06  
Blogger Scheibster said...

Und jetzt wissen wir's wieder: Immer lieb zu Mama sein! :-)

Aber im Ernst: Kurz, knackig, gut! Und das alles ohne Blut...

13.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Texttourist: Das habe ich mich auch gefragt, aber dieser Fall bleibt wohl für immer im Dunkeln.
/Medienjunkie: Vielen Dank!
/Scheibster: Mutti ist die Beste.

14.8.06  
Blogger schafswelt said...

Herrlich böse und am Ende wunderbar konsequent, würde ich behaupten...:-)

14.8.06  
Anonymous killing grufti said...

Ein schöner Abgrund, hörte ich gerade einen Dämon bewundernd sagen. Es war mein eigener.

14.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Schafswelt: Böse und konsequent ist immer eine verhängnisvolle Kombination.
/Killing G.: Ich bin froh, dass es keiner von meinen war!

14.8.06  

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