Montag, Juli 17, 2006

Ausflug ins Gedächtnis einer Nacktschnecke

Escher ging barfuss über glitschige Wege durch das Gedächtnis einer Nacktschnecke und stolperte unverhofft über einen zufällig herumliegenden Gedanken.

Er schaltete seine Stirnlampe an, um sich den Gegenstand genauer anzusehen. Bei dem seltenen Fund handelte es sich um den Gedanken an ein geschlechtsloses Geschöpf, das sich über einen Kochtopf beugte, in dem das Gedärm von allerlei Krötengetier brodelte.

Das Geschöpf hielt seine lange Nase über den dampfenden Kessel, um sich am Geruch der Suppe zu erfreuen. Sein rechter Nasenflügel war gänzlich von einer Warze bedeckt, auf der ein saftig grüner Moosteppich mit gigantischen Ausmaßen wuchs. Über der Mooslandschaft waberte ein tropischer Nebel, der vom Dampf der Krötensuppe herrührte.

Das Moos auf der Warze fühlte sich weich unter seinen Sohlen an, als Escher die Füße aufsetzte und vorsichtig durch den Nebel schritt. Irgendwo schien ein bläuliches Licht zu glimmen und Escher bewegte sich darauf zu. Doch bevor er die Lichtquelle erreichen konnte, gab der Boden unter seinen Füßen nach und er versank im Moos. Escher sank durch viele Schichten aus abgestorbenen Pflanzenteilen, Lehm, Geröll und Granit. Eine ungeheure Gravitation zog ihn nach unten, und er hielt den Atem an.

Plötzlich spürte er Wasser an den Füßen, er tauchte in ein salziges Meer ein. Es war wieder möglich, zu atmen. Escher musste nur das Salzwasser schlucken und sich dabei selbst vertrauen. Er tauchte zwischen bunten Schwärmen verschiedener Fischarten, die er nicht näher bestimmen konnte, und gelegentlich ließ sich ein Rochen blicken.

Nachdem er einige Jahre durch den Ozean getaucht war und sich dabei von Plankton ernährt hatte, beschloss Escher, sich zur Wasseroberfläche zu bewegen. Als er den Kopf aus dem Wasser streckte, sah er am Horizont einen Landstreifen.

Anfangs war er noch wackelig auf den Beinen, aber schon nach kurzer Zeit hatte er sich wieder an das ehemalige Leben auf dem Land gewöhnt. Ziellos durchstreifte er die Nadelwälder, die kurz hinter dem schwarzen Strand begannen.

Am Nachmittag begann es, zu regnen, und er wäre beinahe auf eine Nacktschnecke getreten, aber im letzten Moment zog er seinen Fuß zurück. Er setzte sich das Tier auf den Handrücken und schaute ihm unter dem Schein der Stirnlampe in die Stielaugen. Da erkannte er, Escher, sich selbst, wie er sich aus dem Auge der Nacktschnecke heraus, mit einer Stirnlampe auf dem Kopf, ansah. Seine Pupillen waren geweitet.

Erschrocken schüttelte er die Nacktschnecke von seiner Hand und trat einige Schritte zurück. Kaum hatte die Schnecke sich wieder auf die richtige Seite gedreht, flog eine Amsel herbei und spießte das Weichtier mit ihrem spitzen Schnabel auf.

Sie flog zu ihrem Nest, um mit der Beute ihren Nachwuchs zu füttern. Escher schaute dem Vogel hinterher, bis er aus seinen Gedanken verschwand.

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12 Comments:

Anonymous Nomak said...

Ach, herrje...wassn hier los?

17.7.06  
Anonymous simplex said...

Heute ist Schneckentag. Habe kurz vorher etwas über die Weltmeisterschaft im Schneckenweitspucken gelesen. Mysteriöse Geschichte.

17.7.06  
Anonymous martha said...

Am Strand was? Kann es dann auch sein, dass man ausversehn sich eine Schnecke schnappt die schon mal gespuckt wurde?

17.7.06  
Blogger Markus Quint said...

@Nomak: Tatsachenbericht!
@Simplex: ... fällt unter die Kategorie Was ist noch bekloppter als Zwergenwerfen? Ok, die Schnecken überleben das Spektakel, aber erhalten sie auch eine psychologische Beratung im Anschluss?
@Martha: Das wäre eine neue Variation. Man könnte sich die Schnecken gegenseitig zuspucken.

18.7.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Wir hätten das Meer niemals verlassen dürfen. Curiosity killed the cat.

18.7.06  
Anonymous Dr.No said...

Insbesondere der phantastische Sturz durch die Erdschichten gefällt mir ziemlich gut.

18.7.06  
Anonymous C. Araxe said...

Schöner Fisch, ähm, ich meine, schöne Nacktschnecke. Die Weichtiere werden ja leider immer noch unterschätzt. Dem Unterschied zwischen Zur-Schnecke-machen und Schnecke-sein sollte man auch mehr Beachtung schenken.

18.7.06  
Blogger Oles wirre Welt said...

Barfuß in Nacktschnecken zu treten stand früher weit oben auf der Liste derjenigen Dinge, bei denen es sich lohnt, sie zu vermeiden. :) Schöner Text!

18.7.06  
Anonymous stard said...

es steht immer noch ziemlich weit oben - ich vermeide sogar mit dem fahrrad jeglichen kontakt. okay, ich töte auch keine spinnen/fliegen/mücken/wepsen/... sondern fange sie und setze sie aus, aber bei schnecken ist es neben dem respekt vor dem leben auch der ekel vor dem zerquetschten anblick :/

18.7.06  
Blogger Markus Quint said...

@Steini: Anstatt des Landes hätten wir uns die Lüfte zu eigen machen sollen.
@Dr. No: Der Sturz war ein harter Brocken.
@C. Araxe: Besonders beeindruckend finde ich, dass Schnecken über geschärfte Rasierklingen krabbeln können, ohne sich zu verletzen.
@Ole: Ja, die Vermeidung lohnt sich. Für alle Beteiligten. Auch mit Schuhwerk wird es nicht wesentlich angenehmer. (Für alle Beteiligten.)
@Stard: Grauenhaft ist auch der akustische Eindruck einer aufplatzenden Weinbergschnecke bei versehentlichem Zusammentreffen mit einem Fahrradreifen.

18.7.06  
Anonymous c17h19no3 said...

escher hat was düster-schnirkeliges, und ich möchte wirklich wissen, was er alles genommen hat... ich tippe auf stechapfel. stechend wie der hackenden schnabel einer amsel. ;)

19.7.06  
Blogger Markus Quint said...

Atropin ist ein düsteres Ticket in die Schnirkeligkeit.

19.7.06  

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