Donnerstag, Juli 06, 2006

Aufzuchtanleitung für Bonsai-Bibliotheken

Eine lebendige Bibliothek wächst wie ein Organismus. Bei entsprechender Pflege gedeiht der Organismus unter dem bleichen Daumen des Gärtners zu einem wohlgeformten Wesen, in dem die offenen Kreisläufe des Wissens zirkulieren. Das Wesen geht eine Symbiose mit jedem ein, der es berührt, denn es lebt davon, gebraucht zu werden, und der Nutzer ernährt sich vom Gehalt seiner Blätter.

Manche Bibliotheken beginnen jedoch mit zunehmendem Alter, zu wuchern und Auswüchse zu bilden, die den Zugriff auf die wertvollen Kernbestände verstellen. Es ist die anspruchsvolle Aufgabe des Gärtners, krebsartige Wucherungen zu erkennen und abgestorbene Teile in regelmäßigen Abständen durch präzise Schnitte zu entfernen. Das geistige Skalpell sollte ohne Nachsicht, aber mit großer Sorgfalt geführt werden. Die abgetrennten Teile dürfen jedoch nicht kompostiert oder gar verbrannt werden, sondern sollten als Ableger an andere Gärtner weitergereicht werden, für deren Zuchtprojekte sie von Nutzen sein können.

Großes gärtnerisches Können erfordert das Anlegen einer Bonsai-Bibliothek. Hier wird der Organismus auf die überlebensnotwendigen Teile reduziert. Es darf nicht zuviel beschnitten werden, aber jeder überflüssige Zweig würde das filigrane Gesamtbild zerstören. Mehr als ein voluminöses Gewächs kann die Bonsai-Bibliothek den Gärtner erfreuen, und es liegt allein im Ermessen des Gärtners, wie er die Pflanze formt.

7 Comments:

Anonymous Anonym said...

Die Bibliothek als Organismus - starker Gedanke!

6.7.06  
Blogger Falcon said...

Sehr schön beschrieben.
Allerdings sollte es in Einzelfällen auch gestattet sein, den ein oder anderen verdorrten oder fauligen Trieb dauerhaft zu entfernen, da er vielleicht bei Weiterreichung und gehegt von jemandem ohne weiterführende botanische Kenntnisse zu einem unkontrolliert wuchernden Etwas werden könnte.

6.7.06  
Anonymous martha said...

Ich habe ein buntes Potpourie von Bonsai Bibliothek das ich regelmäßig entstaube ;)

6.7.06  
Blogger Kühles Blondes said...

bibliotheken sind alle untereinander verbunden und nehmen übel wenn man sie beschneidet und damit ihre dynamik untereinander einschränkt. meine bibliothek ist ein haufen reisender, entstehende lücken werden sofort aufgefüllt durch vorbeiziehende traktate. manche bleiben, manche gehen für immer.
es steht mir nicht zu, in diesen kreislauf einzugreifen. ruckzuck hat man ein schwarzes loch im wohnzimmer...

7.7.06  
Blogger Markus Quint said...

@Mkh: Merci für die Blumen.
@Falcon: Ebenso sollte es auch gestattet bleiben, verdorrte oder faulige Triebe wieder zum Leben zu erwecken.
@Martha: Entstauben-ja, gießen-nein!
@Kühles Blondes: Die Bibliothek als Geflecht - auch ein sehr interessantes Konzept ... kommt dem Gedanken des Universalgedächtnisses nahe.

7.7.06  
Blogger Falcon said...

@mq: Selbstverständlich sollte dieses gestattet sein, ich empfehle aber dringendst, eine solch schwere Operation am offenen Buche vom Fachmann vornehmen zu lassen.

7.7.06  
Blogger schafswelt said...

Ich ließ bisher wild wuchern, denn für mich ist dieser Organismus auch mein Spiegel und letztendlich ist in jedem Trieb etwas enthalten, so einfältig, tivial oder vertaubt er oberflächlich betrachtet scheinen mag. Räumlichen Grenzen bin ich bisher mit Umzug begegnet...:-)

8.7.06  

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