Montag, Oktober 20, 2008

München - Venedig (VIII): Seentag mit Stempeln im Kopf

Essen gehört zu den wenigen lebensnotwendigen Bedürfnissen, und beim Reisen spielen kulinarische Rahmenbedingungen eine besondere Rolle. Wenige Merkmale kennzeichnen eine Kultur so deutlich wie die Nahrungszubereitung und andere Rituale rund ums Essen. Auch wenn es kaum ein exotisches Gericht gibt, das seinen Weg noch nicht auf deutsche Teller gefunden hat, besitzt jedes Rezept im Land seines Ursprungs einen anderen Geschmack. Die Schärfe eines indischen Currys entfaltet sich in der tropischen Hitze von Madurai pikanter als im Frankfurter Bahnhofsviertel, Churros schmecken in Acapulco süßer als auf einer unterfränkischen Kirmes, und Tortillas aus dem Tiefkühlfach fehlt der atmosphärische Rahmen einer andalusischen Bar zur Mittagszeit.

Mit den österreichischen Kasknödeln vom Sepp auf der Lizumer Hütte verhält es sich ähnlich. Ich würde dieses Gericht nicht in einer Strandbude mit Blick auf die Nordsee bestellen, aber nach den zahlreichen Höhenmetern beim Gang vom Karwendel durchs Inn- und Wattental erwiesen sich die Kasknödel ideal für einen deftigen Ausgleich des Energiehaushalts.

Es gibt übrigens zwei schnörkellose, für diese Art der Fortbewegung unbedingt geeignete Gerichte, die einen auf dem Fußweg über die Alpen begleiten: Strudel und Polenta. Vor allem der für Norditalien typische Brei aus Maismehl wirkt über einen längeren Zeitraum sättigend.

Nach dem Kasknödel-Dinner und einer Nacht im bewusstlosen Schlaf der Erschöpfung begrüßte mich ein schüchterner Morgen, der sich im See hinter der Lizumer Hütte selbst betrachtete.



Berge scheinen sich einen Spaß daraus zu machen, ihre Bezwinger über die vermeintliche Nähe des Gipfels zu täuschen. Glaubt man, gleich den höchsten Punkt erreicht zu haben, erhebt sich bald darauf eine weitere Steigung, die den Gipfel hinter sich verbirgt und in die Ferne schiebt.

Wenn man schließlich in einer Höhe von 2743 m auf dem Pluderlingsattel steht, war keiner der zuvor gegangenen Schritte vergeudet. Die Aussicht über die Tuxer Alpen, die Hohen Tauern und die Ötztaler Berge ist sogar hinter Wolken sensationell.



An diesem Tag begegnete ich einer Dame aus Sachsen, die ein Stempelbuch mit sich führte und darauf versessen schien, unter jedem Gipfelkreuz einen entsprechenden Abdruck im Büchlein zu platzieren. Die Hintergründe jener Sammelleidenschaft haben sich mir nicht erschlossen, zumal die Berge ihre Stempel im Kopf hinterlassen. Es ist zwar bemerkenswert, dass der Stempel sowohl den verursachenden Gegenstand als auch das Ergebnis des Vorgangs bezeichnet, aber zu den lebensnotwendigen Bedürfnissen gehört das Stempeln nicht.



Auf dem Tuxer Joch Haus ging es zu wie in der Abflughalle 1 des Frankfurter Flughafens. Der Ort ist leicht vom Tal erreichbar und bietet eine gute Sicht auf Olperer, Gefrorene Wand und Hohen Riffler. Touristenhorden standen Schlange an der Essensausgabe, um sich mit Käsespätzle abfüttern zu lassen, die man zuvor kunstlos in einem Ölsee versenkt hatte.

Ich habe nichts gegen andere Touristen. Auch wenn Menschen in großen Rudeln auftauchen, stört mich das nicht. Die Bergwelt - und auch der ganze Rest - soll allen gehören. Aber warum müssen sich die Leute bevorzugt schreiend verständigen, und zufällig entstehende Schreipausen damit überbrücken, ihren Müll in der Landschaft zu verteilen? Dabei geht es mir allein um die optische und akustische Ästhetik und nicht um Naturschutz, denn warum sollte sich die Natur an Plastikverpackungen stören, die in ihr herumliegen?

Überhaupt kümmert es die Natur einen Dreck, ob der Mensch glaubt, dass er sie zerstört. Die Natur lacht sich doch ins Fäustchen, wenn sie uns beim Naturschutz beobachtet! Wir tragen einen erheblichen Teil zum Rückgang der Formenvielfalt bei, aber selbst wenn es uns gelingen sollte, das sichtbare Leben vollständig zu vernichten, wird die Natur den Menschen überdauern. Irgendwo werden Kleinstlebewesen übrig bleiben, aus denen neue Lebensformen entstehen. Der so genannte Naturschutz dreht sich nicht um ein tiefgehendes Verständnis und den Schutz anderer Arten, sondern um das menschliche Fortbestehen. Tatsächlich sollte es Menschenschutz heißen.

Auf der steilen, staubigen Straße zum Spannagelhaus konnte man riesige Baumaschinen bei Abraum- und Planierungsarbeiten beobachten. Auch die nachdrückliche Erschließung von Skigebieten scheint zum Konzept des Menschenschutzes zu gehören; die Tuxer Alpen werden vor allem von monströsen Gastronomiebetrieben und Liftanlagen jeglicher Art geprägt.

Der Weg vom Spannagelhaus zur Friesenbergscharte führte über einen porösen Gletscherrest, und von oben erschien der smaragdgrüne See auf der Südseite des Berges wie ein Auge im Fels.



Als ich nach dem drahtseilversichterten Abstieg an jenem wachsamen Auge der Natur vorbeikam, schimmerte das freundliche Panorama des späten Nachmittags im See. Am folgenden Tag schlug das Wetter um, und die Friesenbergscharte vereiste, was eine Überquerung erschwert oder sogar unmöglich gemacht hätte.



Unweit vom See ist das Friesenberghaus gelegen. Ich erfuhr, dass die von jüdischen Bergsteigern errichtete Zuflucht vor ihrer Zerstörung durch die Nazis eine der ersten Hütten in den Alpen war, die über den Luxus von warmem Leitungswasser verfügte.



Der Lohn für die Anstrengungen im Gebirge besteht in grenzenlosen Ausblicken und respektvollen Rückblicken. Die Bedrohlichkeit der Friesenbergscharte, die in einer Höhe von 2910 m den Himmel berührt, wuchs mit zunehmender Entfernung während des Abstiegs auf der Südostseite.



Der Schleigeisspeicher war der letzte See auf meinem Weg an diesem Tag. Hier wuchs die Bedrohlichkeit mit zunehmender Annäherung, und das lag daran, dass die Talsperre von Menschenhand errichtet wurde.



(...)

--
>> Strudel
>> Polenta

4 Comments:

Blogger MudShark said...

der menschenschutz in nordamerika hat da eine, wie ich finde, recht brauchbare lösung für den naturgenuss gefunden. die lärmenden und verschmutzenden besucherströme werden z.b. im yosemite np auf autobahnen direkt ins imposante zentrum gelotst und bewegen sich dort auf abgesteckten pfaden. bereits 150m abseits dieser kanäle hat der menschenfreund seine ruhe und die faszination der berge kann sich ungestört entfalten.

in den alpen ist das anders. sie sind mehr oder minder voll erschlossen und der gefühlte besucherdruck pro fläche deutlich höher.

21.10.08  
Blogger Christian 55 said...

Völlig abseitige Assoziation: Beim Nachdenken über das Thema "Naturschutz-Menschenschutz" ist mir das Buch "The Tortilla Curtain" von T.C. Boyle in den Sinn gekommen, das diese Thematik auf listige, ja geradezu subversive Art variiert. Wer es noch nicht kennt, dem sei es unbedingt empfohlen (deutsch "América", erschienen als dtv-Taschenbuch). Den Reisebericht «München-Venedig» finde ich übrigens grossartig. Bringt mich auf die Idee, mir mal den Rhein von seiner Quelle bis zur Mündung ins Meer zu erwandern. Wenns nur nicht bei der schönen Idee bleibt...

21.10.08  
Blogger Frau H. said...

Ich kann nur noch schwärmerisch mitlesen...mehr nicht...gerade...aber: es klingt toll! Wenn auch Hölle anstrengend. Laufen. Laufen. Steine unter den Füssen. Bröckeln. Tritt suchen. Schmerzen in den Schenkeln. Schmerzen in den Waden. Schmerzen im Arsch. (Bei dem kleinen Rucksack: Wahrscheinlich keine Schmerzen im Rücken.) Befriedigung. Hunger. Essen. Müde. Satt. Zufrieden...

Schlafen. Schlafen. Schlafen....

Und weiter geht's! (Hoffentlich bald!)

22.10.08  
Blogger mq said...

/MudShark: Die Yosemite-Methode ist faszinierend, scheinbar zufällig aufgestellte Bärenfallen am offiziellen Wegesrand tragen dort zur Disziplinierung bei ...

/Christian 55: Boyle ist ein herausragender Schriftsteller. Die Größe von Water Music erreichte er mit keinem seiner späteren Werke, auch nicht mit dem genannten Einwanderer-Epos - der Fluch des großen Wurfs ...

Und die Rhein-Tour wäre gewiss auch auf dem Fahrrad spannend.

/Frau H.: Schreiben. Schreiben. Schreiben ...

26.10.08  

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