Freitag, Oktober 03, 2008

München - Venedig (V): Wegweiser und wichtigstes Lebensmittel

Jährlich am 8.8. um 8 Uhr besteht die Möglichkeit, sich einer Gruppe anzuschließen, wenn man für die Wanderung von München nach Venedig Gesellschaft sucht. Auf der Tutzinger Hütte unterhielt ich mich beim Befüllen der Mineralstoffspeicher (2 Maß Bier) mit Leuten, die gemeinsam vom Marienplatz gestartet waren. Ich erfuhr, dass sich dort in diesem Jahr rund 25 Gestalten mit großen Rucksäcken eingefunden hatten. Die Strecke von München nach Venedig ist populär, wenn auch nicht annähernd so fußgängerverkehrsbelastet wie der spirituelle Highway nach Santiago de Compostela.

Am nächsten Morgen führte mich der Weg entlang der Benediktenwand zum steilen Abstieg nach Jachenau. Bis ich wieder in das Dunkelgrün der Wälder eintauchte, erschien der Horizont zum Greifen nah.



In geschlossenen Räumen fällt es meistens nicht schwer, sich auf ein Ziel zu konzentrieren. Anders verhält es sich außerhalb der Mauern. Und dabei spielt es keine Rolle, ob man sich durch eine Betontundra oder durch Naturzonen bewegt. Der Blick in die Weite mag überwältigend sein, am Ende öffnen die greifbaren Details in unserer unmittelbaren Nähe den Horizont.



Neben der Pflanzenwelt gestalten Bäche die mannigfaltigen Details im Gebirge. In abgelegenen Regionen des Himalaya haben mir Gebirgsbäche mehrfach den Weg aus der Wildnis gewiesen, wenn ich mich verlaufen hatte. Folge einem Gewässerlauf bergab, und spätestens in einem fruchtbaren Tal wirst du auf eine Siedlung oder auf Hirten treffen.





















Auf dem Weg nach Jachenau


Wasser ist aber nicht nur ein Wegweiser, sondern vor allem das wichtigste Lebensmittel. Der Mensch überlebt viele Tage ohne Nahrung, aber ein Tag ohne Wasser kann uns an die Grenze der Kräfte bringen.

Während einer Bergtour in Nordindien hatte ich eines leichtsinnigen Tages nicht für ausreichende Wasservorräte gesorgt. Erfolglos suchte ich nach einem Rinnsal, und die brennende Sonne trocknete mich zunehmend aus. Mein Durst steigerte sich zur Qual. Die Zunge klebte geschwollen im Mund, taub wie ein totes Stück Fleisch.

Irgendwann nahm ich an einem entfernten Hang zwei Punkte wahr, die sich bewegten. Bald stellte sich heraus, dass es sich um Menschen handelte, und kurze Zeit später standen zwei junge Inder vor mir. Nach Art der Lastenträger hatte jeder einen großen Plastik-Kanister auf dem Rücken, den er an einem Band um die Stirn, weit vornüber gebeugt, den steilen Berg hinaufschleppte. Als sie mich sahen, stellten sie ihre Kanister ab und deuteten mit einer Geste an, dass sie gerne rauchen würden.

Ich gab ihnen zwei Zigaretten und erhoffte mir als Gegenleistung, meinen schlimmsten Durst mit Wasser aus einem der Kanister stillen zu können. Die beiden verstanden kein Englisch, und auch meine eindeutige Gestik schienen sie nicht zu begreifen. Ich zeigte immer wieder auf die Kanister und anschließend mit dem Daumen in meinen Mund, aber je nachdrücklicher ich wurde, desto abweisender verhielten sich die Inder.

Ich geriet an den Rand des Zorns und bellte die Sturköpfe an, was sie eigentlich davon abhalte, mir einen winzigen Schluck zu überlassen. Hilflos wichen sie meinem Blick aus. Schließlich schraubte einer der beiden den Deckel von seinem Kanister und füllte ihn vorsichtig mit der klaren Flüssigkeit. Dann reichte er mir das kostbare Nass. Ohne Zögern führte ich den Deckel zum Mund und trank den Inhalt in einem Zug.

Es war, als müsste ich verbrennen. Eine Stichflamme grub sich in die Tiefe meiner Eingeweide. In den Kanistern befand sich hochprozentiger Schnaps, irgendein selbstgebrannter Blindmacher, den die beiden über den einsamen Berg trugen. Vielleicht handelte es sich sogar um Spiritus. Mit verkniffenen Augen und einem angedeuteten Grinsen in den Mundwinkeln machten sie mir verständlich, in welche Richtung ich gehen musste, um einen Quellbach zu finden.

Seit ich das Gefühl des schlimmsten Durstes kenne, sorge ich bei jeder Unternehmung für einen angemessenen Wasservorrat. Und sollte ich aus irgendeinem Grund die gesamte übrige Ausrüstung zurücklassen müssen, Wasser werde ich immer dabei haben.

In den Alpen wurde ich bislang weder mit Wassermangel, noch mit ernsthaften Orientierungsproblemen konfrontiert. Es gibt zahlreiche Quellen, und die nächste Berghütte ist selten weiter als fünf Stunden entfernt. Die Beschilderung der Wege ist umfassend und manchmal recht originell, wie ein Wurzelschild beweist, das die Richtung nach Vorderriß anzeigt.



Schmetterlingsschwärme begleiteten mich beim Abstieg ins Rißtal über steile Wiesen. Die Tiere versuchten ständig, sich auf meinem Kopf niederzulassen, was mir sehr humorvoll erschien. Noch nie zuvor hatten mich Schmetterlinge zum lachen gebracht.





















Nach dem Abstieg legte ich im Alpengasthof Post eine kurze Rast ein
(Mineralstoffe), bevor ich den letzten Tagesabschnitt nach Hinterriß zurücklegte. Unterwegs passierte ich die erste Staatsgrenze und erinnerte mich mit nostalgischem Unbehagen an die Zeiten, als man auf dem Weg nach Italien zweimal von Männern in Uniformen kontrolliert wurde und Geld tauschte, wobei man mittels krummer Quotienten bei jedem Einkauf den Gegenwert in heimischer Währung ausknobeln musste. Es lebe die Europäische Union.



Wenige Kilometer später findet man auch noch ein Grenzschild.



Aber die Schranken sind abgebaut, zumindest auf den Straßen. Auf Höhe des Schildes vernahm ich ein Donnergrollen. Es kam aus den Bergen vor mir. Servus, Österreich.
(...)

8 Comments:

Anonymous Opaedi said...

Ja, Durst ist schlimmer als Beinweh ...

3.10.08  
Anonymous c.s. said...

falls der eher unwahrscheinliche umstand eintreten sollte, dass sie mal einen zusätzlichen wasserträger benötigen, der ihnen ehrfürchtig in die "wildnis" folgt, wüsste ich da jemanden.

5.10.08  
Anonymous Opädi said...

Hast du dich nicht verhört? Kam das Donnergrollen nicht in Wirklichkeit aus dem Rucksack?

Den hätte ich übrigens garantiert vergessen, da an dem Schild ...

5.10.08  
Blogger Frau H. said...

Och, Sie sind gar nicht geklettert...schade! Aber trotzdem schön, dat Reisebericht...und das mit dem Durst...ja...wir haben viel zu selten Durst, das ist unser Problem! Hätten wir öfter 'mal wirklich Durst, dann wüssten wir manch andere Dinge besser zu schätzen...oder würden sie zumindest anders betrachen...

6.10.08  
Blogger MudShark said...

der durst ist ein unbarmherziger geselle. gut, daß es in unseren bergen so viele mineralienstationen gibt. beim trinken aus bächen achte man darauf, daß im nahen einzugsgebiet keine viehweide liegt, sonst kann man sich bisweilen auf 3 tage dauerkotzen und -schei*en gefasst machen.

6.10.08  
Blogger MudShark said...

noch was:
dein wink auf europa ist an der stattsgrenze zu österreich sehr passend. die mögen die EU scheinbar nicht wirklich

7.10.08  
Blogger mkh said...

Das Donnergrollen könnte der aktuelle Rechtsruck in der Alpenrepublik gewesen sein.

11.10.08  
Blogger mq said...

/opaedi: Lieber Beinweh als kein Zeh.

/c.s.: Seit den Doping-Skandalen im Radsport sind motivierte Wasserträger rar geworden.

/Opädi: Das Donnergrollen könnte auch aus meinem Darm gekommen sein. (Mineralstoffe.)

/Frau H.: Bei manchen besteht das Problem jedoch darin, dass sie viel zu oft Durst haben.

/MudShark: Bullshit trübt viele Gewässer ... Leider gibt es noch andere EU-Mitglieder, die zwar Vorteile genießen, sich aber nicht zur Gemeinschaft bekennen.

/mkh: Ein Verursacher des Rechtsdrucks, Jörg Haider, ist letzte Nacht tödlich verunglückt, wie ich soeben erfahren habe.

11.10.08  

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