Dienstag, Juli 03, 2007

Gottes Glaube

Wie der Sog im Abfluss des grauen Badewassers überkam ihn die Sinnkrise an einem Samstagabend, als er auf dem Wannenrand saß und sich die Zehnägel schnitt. Anschließend würde er seinen Vollbart frisieren und sich wieder einmal früh im Himmelbett verkriechen. Sein Dasein war nicht aufregender als eine Mustertapete. Diese göttliche Allwissenheit raubte seiner Existenz jede Spannung. Aber schlafen war auch keine dauerhafte Lösung.

Während der Schöpfungsphase hatte er einen Heidenspaß an dem Projekt. Aber bereits nach sieben Tagen hatte ihn die Inspiration verlassen, und seither überließ er seine künstlich geschaffene Welt sich selbst. Nur noch selten sah er sich das Treiben auf der Erde aus der Ferne an. Farblich schien ihm dieser Planet gelungen. Ansonsten langweilte er sich über den immer gleichen Dramen, die sich dort abspielten.

Schon in jungen Jahren brachte er kein Vorhaben zu Ende. Es fehlte ihm an Willensstärke, Ausdauer und Konzentration. Er besaß keine abgeschlossene Ausbildung, und war weit entfernt von handwerklicher Perfektion. Sein gesamtes Werk beruhte auf improvisiertem Pfusch.

Aber wie konnte er seinem nutzlosen Dasein zu einem Sinn verhelfen? Er fühlte sich einsam. Sollte er sich eine Göttergattin erschaffen und allmächtigen Nachwuchs zeugen? Das wäre pure Selbsttäuschung gewesen, wie er sogleich aufgrund seiner Allwissenheit folgerte.

Oder sollte er sich etwa selbst töten? Der Tod wäre gewiss eine interessante Erfahrung gewesen, aber ein nicht unwesentliches Problem bestand darin, dass er von Geburt an unsterblich war. Ein Teil seiner Schöpfung hatte ihn bereits für tot erklärt, aber das half ihm nicht weiter. Es waren plötzlich immer wieder dieselben Fragen, die ihn bewegten: Wo komme ich her? Wo gehe ich hin?

Irgendwann kam er auf die Idee, dass er selbst nur aus einer Idee entstanden sein könnte. Was wäre, wenn er sich wiederum die Idee eines Gottes erschaffen würde, der mächtiger und unerreichbarer wäre als er selbst?

Diese Idee gefiel Gott, und als er begann, an die Existenz einer Macht über ihm zu glauben, spendete ihm die Idee eines Gottes, dem er sich anvertrauen konnte, Trost in seiner Einsamkeit und Kraft, die Idee der sinnfreien Unendlichkeit zu ertragen. Er hatte es geschafft, in der scheinbaren Ausweglosigkeit seiner Einfalt ein Ziel zu finden. Gott hatte seinen Gott entdeckt. Er blickte zu ihm auf und betete ihn an.

Es dauerte nicht lange, bis Gottes Gott sein Werk betrachtete und sich fragte, wozu er einen allmächtigen, und dennoch nutzlosen Gott geschaffen haben könnte. Da machte sich der neue Gott auf die Suche nach einem tieferen Sinn.

26 Comments:

Anonymous Anonym said...

Gott als sympathischer Loser. Nicht nur für Abtrünnige ein Text zum Liebhaben.

3.7.07  
Blogger Frau H. said...

Materialistisch betrachtet ist das sowas wie ein Kettenbrief. Allerdings ein wunderbar beschriebener Kettenbrief!

3.7.07  
Blogger MudShark said...

und da war es wieder, das buddelschiff im buddelschiff im buddelschiff im ... - konzeptionelle kontinuität!

ist es ein tröstlicher gedanke sich vorzustellen, dass auch gottes gott sich langweilt? sind wir auch dessen abbild? und gibt es auch des teufels teufel, oder war der nur eine laune gottes, als er noch inspiriert war?

3.7.07  
Anonymous MoniqueChantalHuber said...

da lass ich mich doch ausnahmsweise zu einem :-) hinreissen.

gleichzeitig ham sich mich erinnert, doch mal wieder terry pratchett`s einfach göttlich zu lesen.

3.7.07  
Anonymous MoniqueChantalHuber said...

und noch was ganz anderes. kann mir jemand erklären, warum ihr archiv mac-feindlich ist?

3.7.07  
Anonymous joppi said...

oh jaaaaa, ich liebe Babuschka-Religionen. Aber nur wenn ich auch Platz in ihren Bäuchen habe.
Nein eigentlich auch wenn eben nicht. Jedenfalls Babuschka und Sinnkriesen

4.7.07  
Anonymous joppi said...

"Kriese" mit ie? Ich krieg ne Krise

4.7.07  
Anonymous Opa said...

"Sollte es denn möglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch nichts davon gehört, daß Gott tot ist!"

Auch Götter sterben - selbst dieser eine. Und wer fragt schon nach Nutzen und Sinn?

4.7.07  
Blogger frech'n'nett said...

was einem bei abgestandenen schaumbädern doch für verdrießliche gedanken kommen können.
warum verabredet er sich nicht einfach zum crickett oder tee mit ganesha?
rockt die clubs mit shiva?
zieht um die häuser mit thor und pan?
oder pokert mit seinem sohn und luzifer um eine handvoll arme seelen?
es gibt doch götter und götzen en masse?
hat er es sich mit denen längst vergeigt?

4.7.07  
Blogger frech'n'nett said...

ach ja, moniquechantal,
safari sucks.
lad mal omniweb oder camino oder firefox, dann rennt auch das archiv wieder...
apple denkt ja auch gerne mal, es sei der einzige
wa(h)re gott.

4.7.07  
Anonymous eon said...

alles drin für den modernen atheisten und den der es werden sollte. das absurdum, der eigenen erfindung einen verstand zuzuweisen der es ermöglicht haben soll den erfinder zu erschaffen, der die erfindung erschaffen hat, die den erfinder erschafft... in verirrten kreisen auch religion oder glaube genannt.

prima auf den punkt gebracht!

4.7.07  
Anonymous eon said...

@joppi: kleine russisch-sprachkulturelle anmerkung:

babuschka (Бабушка) - die Großmutter
matrjoschka (матрёшка)- puppe in der puppe in der puppe...

4.7.07  
Anonymous Ralf Wolfstädter said...

Escher, einer stehts gläubiger Mensch, hat es endlich geschafft und wurde von Gott zu sich geholt. Einige Tage lang hielt Escher den Himmel für das Paradis, doch dann wurde er immer teilnahmsloser und zog sich auf eine Wolke zurück. Als die anderen Engel dies bemerkten, fragte sie Escher, was denn los sei. Und Escher sagte: "Ach, wenn ich beim Abendmahl an der langen Tafel doch einmal neben Gott sitzen könnte, dann ginge es mir besser." Die Engel sprachen mit Gott und dieser erfüllte Eschers Wunsch: Am Abend saß Escher neben Gott. Als das Essen vorbei war, lehnte sich Escher zu Gott hinüber und bat um die Erlaubnis ihm eine Frage stellen zu dürfen. Gott ließ Eschers Willen gewähren und dieser legte sogleich los: "Also, sicherlich wirst Du wissen, dass nicht alle Menschen auf Erden Christen sind, so wie ich es bin." Gott nickte. "Aber was mich wirklich interessiert", fuhr Escher fort: "Welche ist denn nun die einzig wahre, gültige Religion?" Da sagte Gott zu Escher: "Weißt Du, im Grunde hab ich mich für Religion nie wirklich interessiert."

4.7.07  
Anonymous dieJulia said...

Das mit Gott als Matroschka wollte ich auch gerade losgeworden sein... und daß mir der Gedanke gefällt. Aber da war der andere J. ja schon schneller. Wie auch immer: Schöner Text. Guter Titel!

4.7.07  
Blogger mkh said...

Offen bleibt die Frage, ob Ideen sich manifestieren.

5.7.07  
Anonymous eon said...

Das Schlimme ist, dass [G] in weiten Teilen der Welt quasi-manifestiert wurde. Zitieren Sie mal Nietzsche im Gazastreifen. Da wird ihnen 'seine' Existenz ganz schnell näher gebracht!

5.7.07  
Anonymous stard said...

matter follows mind, das ist doch keine offene frage. viel spannender: ich habe mich neulich abend mit meiner ~grossen~ unterhalten und sie wollte wissen was wohl passiert wenn gott stirbt. und dann versuchen sie mal als bekennender agnostiker eine gute antwort zu finden ^^

5.7.07  
Anonymous eon said...

als bekennender agnostiker w�re: "ich wei� es nicht" sehr passend. :)

5.7.07  
Blogger frech'n'nett said...

"Überraschend ist nicht, dass Gott tatsächlich existiert, sondern dass diese Idee der Notwendigkeit Gottes einem solch wilden und bösen Tier wie dem Menschen gekommen ist, so heilig ist sie, so ergreifend, so weise, soviel Ehre macht sie ihm"
habe ich gerade noch bei Dostojewsij gelesen

5.7.07  
Blogger mkh said...

Oder „Ich kann es nicht wissen”! Aber by the way, was passiert eigentlich, wenn ein Agnostiker stirbt?

Nietzsche im Gazastreifen macht die Notwendigkeit Gottes vielleicht zum Selbstzweck?

6.7.07  
Anonymous stard said...

ich vermute es passiert das gleiche wie bei jedem anderen der stirbt auch: überraschend wenig bis nichts. und meine spontane reaktion war "mir doch egal". gesagt habe ich tatsächlich sowas wie "keine ahnung" :)

6.7.07  
Anonymous eon said...

:) agnostiker halt (schulterzuck)



das wortbestätigungswort 'mjdepp' nehme ich dieses mal noch nicht persönlich, herr quint!!!

6.7.07  
Blogger mq said...

/Rabe: Unfehlbarkeit ist ein echter Mangel, mir war die Idee eines Gottes mit diesem Attribut nie zugänglich.

/Frau H.: Allwissenheit ist ebenfalls ein echter Mangel. Wenn man vorab die Unendlichkeit eines Kettenbriefs im Detail kennt, kann man sich auch diese Unternehmung sparen.

/MudShark: Die Idee des Teufels war zu jeder Zeit mächtiger, denn ohne sie hätte die Idee eines Gottes nicht entstehen können.

/MoniqueChantalHuber: Merci für Ihren fröhlichen Kommentar. Mit Inkompatibilitäten von Obstbäumen kenne ich mich nicht mehr aus, da mich jedes Produkt jener Gärtner weiter in die Arme der Fensterbauer treibt.

/Joppi: Sollte heißen Sink-Riesen, oder?

/Opa: Die Götter sterben mit denen, die an sie glauben. Fair enough.

/Frech'n'Nett: Du weißt doch, welche Zustände im Olymp und in anderen Stammkneipen dieser Halunken herrschen. Da hackt jede Krähe der anderen das Auge Gottes aus. Danke für die fachlich und spirituell versierte Unterstützung für Frau MoniqueChantalHuber und mich.

/Eon: Immerhin lässt sich mit Religion das Paradoxon von Henne und Ei lösen. Für den Gläubgen war die Henne zuerst da, für den Ungläubigen das Ei.
Nebenbei - wie stellst du dir das eigentlich vor, Herr Eon?! Dass ich den ganzen Tag über einem Blatt Papier brüte und mir Wortbestätigungswörter ausknobele? Hä?! Dafür fehlt es mir an Phantasie - und außerdem stand da nicht mkdepp, oder?!

/Ralf: Escher? Es muss sich um eine Verwechslung handeln. Jedenfalls war jener Escher, dem ich zuweilen begegne, nie gläubig und wird auch das Paradies gewiss nicht von innen sehen.

/dieJulia: Vielleicht stößt die Allwissenheit der göttlichen Macht genau dann an ihre Grenzen, wenn es um ihr eigenes Innenleben geht. Dann bestünde zumindest noch eine kleine Hoffnung für Gott.

/MKH: Wer weiß schon, was Ideen treiben, wenn sie unter sich sind.

/Stard: Kinder besitzen die Fähigkeit, exakt zu fragen. Mit zunehmendem Alter verblasst diese Fähigkeit - oder kostet eine enorme Anstrengung.

/Frech'n'Nett: Man sollte es ihm bei aller Verehrung nicht übel nehmen, aber Dostojewski hielt sich - wie jeder Schaffende - selbst für die Krone der Schöpfung. Was machte ihn sicher, dass die Idee der Notwendigkeit Gottes dem Menschen gekommen ist? Der Mensch selbst ist nichts weiter als eine Idee, im Kern handelt die Auseinandersetzung allein davon, wer die Urheberrechte besitzt.

6.7.07  
Anonymous Opa said...

Genau, darum geht es, um die Urheberrechte. Paß bloß auf, daß du nicht auch eine Abmahnung bekommst von dem toten Gott, wie Herr Nietzsche.

7.7.07  
Blogger Oles wirre Welt said...

Selbstreflexivität ist, was Göttern ja allzu oft abgeht. Erst wenn die letzten Götter über ihre blinden Beobachtungsflecken gestolpert sind, wird der Mensch feststellen, dass man Geld nicht essen kann... äh... pardon, kind'a'got carried away... wunderbar origineller Text, Markus.

10.7.07  
Blogger Christian 55 said...

Was sagt uns das? Wie können wir diese letztlich für unseren Geist unfassbaren Grundlagen unserer Existenz in unser alltägliches Leben integrieren? Die Antwort: Wir können es nicht. Wir können gar nichts tun. Wir können daraus keine praktischen Erkenntnisse ableiten, wir können daraus keine Lebenshilfe beziehen. Wir müssen die Waffen strecken. Wir müssen akzeptieren, dass wir letztlich nichts wissen, nichts verstehen können. Wir müssen zugestehen, dass es vielleicht einen Gott gibt, vielleicht aber auch nicht, oder dass es völlig irrelevant ist, ob wir von der Existenz eines Gottes ausgehen oder nicht – Existenz, ha! Auch so ein Menschenwort, eines Gottes völlig unangebracht –, dass wir aber allenfalls nicht einmal ein Zipfelchen von diesem Gott mit unserem Geist erfassen werden. Religionen, heilige Bücher? Alles Kinderkram! Wir nehmen uns einfach zu wichtig. Wir haben den Mut nicht, uns unsere Bedeutungslosigkeit zuzugestehen. Dabei könnten wir es uns in dieser Bedeutungslosigkeit ganz bequem einrichten, und vielleicht liegt darin sogar unsere einzige Möglichkeit zum Glück. Wenn wir leiden, dann an unserer Selbstüberschätzung und unserer Hybris und nicht an unserer Bedeutungslosigkeit. Die Tiere leiden nicht, die Bäume leiden nicht und das Gras leidet auch nicht. Nein, wir müssen nicht wichtig sein. Es spielt keine Rolle, dass die Sonne nicht um die Erde kreist und der Mensch nicht der Mittelpunkt des Universums und die Krone der Schöpfung ist – das sollte uns weder beleidigen noch in Verzweiflung stürzen.

25.10.07  

Kommentar veröffentlichen

<< Home