Freitag, April 20, 2007

In Schachgewittern oder: Ist das noch Sport?

Das rhetorische Blitzschach beruht auf der erlernbaren Fähigkeit, sich innerhalb kürzester Zeit vor dem Stellen einer Frage nicht nur die eigenen Entgegnungen auf mögliche Antworten des Gegenübers überlegt zu haben, sondern auch die Bandbreite möglicher Reaktionen des Befragten auf die eigene Antwort zu errechnen, um die eigene Reaktion auf die Reaktion des Befragten auf die eigene Antwort planen zu können. Großmeister sind in der Lage, mehr als drei Züge zu planen.

Der Zeitfaktor ist während der Partie als taktische Waffe zu verstehen. Gelegenheitsgegner lassen sich durch ein forciertes Tempo leicht unter Druck setzen, und in der Hitze des Gefechts laufen ungeübte Spieler mit übereilten Antworten in den gedanklichen Hinterhalt, wo sie in wenigen Argumentationszügen matt gesetzt werden.

Bei der Vorbereitung auf die Begegnung mit einem hochkarätigen Gegenspieler ist es hilfreich, die legendären Partien der Großmeister Platon oder Aristoteles nachzuspielen. Theoretische Grundlagen des modernen Spiels liefern Sportler wie Barthes und Derrida. Die Vertreter des dialektischen Materialismus sind schlechte Lehrer, denn eine Anwendung ihrer Methoden wird in der ersten Liga bereits während der Eröffnung durchschaut. Hingegen finden sich zwischen den Zeilen digitaler Massenmedien hocheffektive Strategien für das rhetorische Blitzschach.

Gelegentlich spielen selbsternannte Großmeister dieser Disziplin mit verstopften Ohren synchron gegen eine beliebige Anzahl von Gegnern. Andere verzichten ganz auf das Synchronspiel, weil sie der Ansicht sind, es sei reine Effekthascherei.

Zwar wird das Anforderungsprofil des rhetorischen Blitzschachs dem klassischen Sportbegriff gerecht, Kriterien wie motorische Aktivität, Training, Regelwerk und Wettkampf werden erfüllt, aber wenn es um Prinzipien der Fairness geht, ist der Dialog die anspruchsvollere und elegantere Sportart. Der Spielaufbau im Dialog ist komplizierter, da man mit dem Partner, aber gegen sich selbst spielt. Im Vordergrund steht nicht die Vermittlung der eigenen Werte und die Durchsetzung eigener Ziele, sondern das Verstehen fremder Werte und Ziele. Wenn ein Spieler gegen diese Grundregel verstößt, ist das Spiel für beide Seiten verloren und sofort abzubrechen.

Im Idealfall besteht der Sieg beim Dialog in einem Remis.

12 Comments:

Blogger der Nachbar said...

Ich hab mal gehört, dass sich Schachspieler tausende von möglichen Konstellationen merken können, sie hätten vorallendingen ein sehr gutes visuelles Gedächtnis, darum müssen sie nicht immer wieder von neuem rechnen. Also gehts um Muster. Ein ungeübter Spieler ist da natürlich im Nachteil. Solche ungleichgewichtigen Spiele sind doch höchst langweilig, denn wo bleibt denn die Kreativität des Schachmeisters, wenn er einfach nur Muster abruft? Er wird über seine Muster nie hinauskommen und das merkt er spätestens dann, wenn er an einen noch besseren gerät. Dann wird er überrannt, weil er sich - um bei diesem Bild zu bleiben - niemals darüber Gedanken gemacht hat, welche Konstrukte seine eigenen aushebeln könnten. Insofern ist ein Schachmeister - so wie ich ihn definiere - nur m.E. auf eine erfolgreiche, befriedigende Kommunikationssituation zu übertragen, da die Synthese von vornherein feststeht. Der Weg zur Erkenntnis führt bei dem Schachmeister in eine Sackgasse. Ein Remis wäre natürlich eine Lösung, doch es muss nicht dabei bleiben, denn Fehler sind menschlich, außerdem kann jeder daraus lernen.

21.4.07  
Blogger MudShark said...

ich kenne einen schachspieler aus der zweiten schach-bundesliga. der kann ohne spielbrett gegen acht gegner gleichzeitig blitzschach spielen. dabei sieht er ganz normal aus. bei rhetorischem blitzschach scheint mir die lage ungleich verzwickter. kann man ohne dialog spielen?

21.4.07  
Anonymous FrauH. said...

In the worst case: PATT. Und dann?

21.4.07  
Blogger Markus Quint said...

/Der Nachbar: Auch im Schachspiel besteht Kreativität nicht darin, Muster anzuwenden, sondern überraschend aus Mustern auszubrechen, ohne sich von Mustern einfangen zu lassen. Die Ansicht über Fehler teile ich. Wenn sie nicht die persönlichen Vernichtung zur Folge haben, sind Niederlagen fast immer lehrreicher als Siege.

/Mudshark: Brilliante Schachspieler enden oft im Wahnsinn oder in der Politik. Die Unterschiede zwischen den beiden Zuständen sind marginal. Hr. Kasparow sei ausdrücklich von dieser Behauptung ausgenommen. Jedenfalls wird rhetorisches Blitzschach in beiden Fällen häufig ohne Dialog gespielt, im ersten Fall zumeist gegen sich selbst, im zweiten gegen andere.

/FrauH: Das Patt, also die Bewegungsunfähigkeit, mag als die schlimmere Situation empfunden werden, wird aber in ihrer Konsequenz regelgerecht als Remis gewertet. Beim Schach.

22.4.07  
Blogger Oles wirre Welt said...

Mist. Ein überraschender Zug. Fast schon unheimlich überraschend. Denn: Jetzt werde ich mir eine neue Pointe für die neue, bislang nur hinter den Kulissen existierende Paarproblem-Episode überlegen müssen. Denn exakt die Schachmetapher hatte ich auch im Kopf. Famos umgesetzt hier. Und mir wird auch was anderes einfallen. Keine Sorge. :) Hervorragend gelöst, Q.

22.4.07  
Anonymous Opa said...

Ich wette, den Nachbarn zieht mein jüngster Enkel schon ab. Ganz ohne Muster.

22.4.07  
Blogger der Nachbar said...

@markus: Genau, das ist auch meine Definition von Schachspiel, denn wo bliebe denn die Kreativität bei immer gleichen Mustern (Meister haben so an die 50000 verschiedene Muster im Kopf, Wahnsinn!)

22.4.07  
Anonymous FrauH. said...

Nachdem ich es konsequent zu Ende gedacht hatte, fiel mir das auch auf ;)

22.4.07  
Anonymous Opa said...

Herr Nachbar, Ihre Definition klingt viel zu sehr nach der Schachnovelle. Stefan Zweig war jedoch kein besonders guter Spieler. Fischer oder Kasparow würden Ihnen anders gegenübertreten.

22.4.07  
Anonymous HinRichter said...

Wie sprach einer meiner Chefs früher:" Es gibt in Meetings und bei Verhandlungen verschiedene Waffen. Manchmal ist es nur ein Nadelstich, manchmal das Florett oder der Säbel.
Und manchmal muss auch der taktische Nuklearschlag herhalten."

Ich persönlich diskutiere wie ich selbst bin: Eine offene, harte Auseinandersetzung, ohne Winkelzüge oder Hinterlistigkeiten.
Aufrecht in den Tod, wenn es sein muss.

23.4.07  
Blogger Markus Quint said...

Nomen est omen :)

24.4.07  
Anonymous Opa said...

@ anonymer HinRichter

Bewundernswert, eine edle Selbsteinschätzung, die hoffentlich glücklich macht. Ich selbst leide hart an meinem Schicksal als durchschaubare Giftspritze.

25.4.07  

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