Sonntag, Januar 28, 2007

Figurprobleme #1

- Ihr Hut sitzt schief.
- Sprechen Sie über das aus Filz gefertigte Objekt auf meinem Kopf?
- Seit wir uns kennen, tragen Sie diese altmodische, schwarze Kopfbedeckung.
- Ich erinnere mich nicht daran, Ihnen jemals begegnet zu sein. Und woher wollen Sie wissen, dass mein Hut schief sitzt? Sie können mich doch überhaupt nicht sehen.
- Ich vermag Sie in aller Deutlichkeit zu sehen, denn vor der Entstehung dieses Textes existierten Sie ausschließlich in meiner Vorstellung. Schließlich habe ich Sie erschaffen. Und wenn ich sage, dass Ihr Hut schief sitzt, dann sitzt Ihr Hut schief.
- Ihre Vorstellung scheint einem besonders schweren Fall von Größenwahn zu entspringen. Wenn Sie sich bemüßigt fühlen, die Positionierung von Hüten zu kritisieren, warum besorgen Sie sich keinen eigenen Hut?
- Ich trage bereits einen Hut.
- Und wie kommt es, dass ich weder Sie, noch Ihren Hut sehen kann, während Sie vorgeben, mich zu kennen und sogar über die Farbe meines Hutes bescheid zu wissen?
- Sie besitzen keine eigene Vorstellungskraft, sondern vermögen nur zu erkennen, was ich beschreibe. Genau genommen vermögen Sie nichts zu erkennen, denn Sie gleichen der verschwommenen Reflexion in einem blinden Spiegel, die versucht, sich von den Bewegungen des Betrachters zu lösen. Aber ich will keinen Verdruss beschwören und auch keine Haare spalten, die nicht unter meinem Hut sprießen.
- Nun erkenne ich zumindest Ihre Konturen.
- Allein aufgrund meiner Beschreibung. Auch ihre Konturen nehmen nur durch meine Beschreibung Gestalt an. Sie befinden sich in der aufregenden Situation, Ihren eigenen Erschaffungsprozess zu erleben.
- Sie halten sich wohl für Gott? Ich fühle mich von Ihren anmaßenden Äußerungen belästigt. Bitte entfernen Sie sich.
- Das klingt nicht authentisch.
- Was soll denn das schon wieder heißen?
- Bitte entfernen Sie sich. Sowas sagt doch keiner mehr, eine derartige Äußerung wird seit dem neunzehnten Jahrhundert kaum noch verwendet. Ich bin tatsächlich Ihr Schöpfer, auch wenn mir die Bezeichnung Gott nicht gefällt. Aber ich vergeude mein Herzblut, um Sie authentisch erscheinen zu lassen, und Sie kümmern sich einen feuchten Kehricht um die glaubwürdige Darstellung Ihres Charakters. Eine Figur muss in der Lage sein, ihre Rolle eigenverantwortlich und überzeugend zu interpretieren, ansonsten ist ihr Dasein keinen Schuss Pulver wert.
- Sie sind doch derjenige, der den Dialog auf eine absurde Weise verzerrt. Vielleicht sollten Sie Ihr verwässertes Herzblut in andere Tätigkeiten pumpen und mich mein eigenes Leben leben lassen.
- Ich bin lhr eigenes Leben.
- Sie müssen sich täuschen. Besitzen Sie überhaupt ein eigenes Leben?
- Diese Frage hatte ich ausgerechnet von Ihnen nicht erwartet.
- Darf man erfahren, warum?
- Es entspricht nicht meinem Entwurf Ihrer Persönlichkeit.
- Fotze.
- WIE bitte?
- F-o-t-z-e. Ich sagte Fotze. Einfach so. Entspricht diese Äußerung vielleicht Ihrem Entwurf meiner Persönlichkeit?
- In keinster Weise!
- Weil sie nicht Ihrem gewöhnlichen Sprachgebrauch entstammt. Wenn Sie ein Konzept für eine glaubwürdige Persönlichkeit entwickeln wollen, müssen Sie die Spur wechseln, und Ihre eigene Persönlichkeit überholen.
- Sie beginnen, Ihre Rolle zu akzeptieren und gewinnen dabei an Originalität. Sehr erfreulich.
- Und Sie langweilen mich. Ich wünsche Ihnen weiterhin gute Unterhaltung mit Sich selbst. Leider muss ich mich verabschieden, denn ich habe nun Wichtigeres zu tun.
- Ich könnte Sie zwingen, diese Unterhaltung fortzusetzen, aber tatsächlich bin ich derjenige, der Wichtigeres zu tun hat. Sobald wir unser Gespräch beenden, werden Sie überhaupt nichts mehr zu tun haben. Sie werden in der Versenkung verschwinden.
- Genau wie Sie.
- Das werden wir sehen!
- Das werden wir sehen.

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10 Comments:

Anonymous wort-wahl said...

würde jeder autor solche gespräche mit seinen erschaffenen charakteren führen, gäbe es mehr gute bücher auf der welt.

28.1.07  
Anonymous Frau H. said...

Herrlich!

Sie gewinnen an Orginalität......obwohl Sie die doch schon lange haben, in meinem Entwurf.

28.1.07  
Anonymous joppi said...

Doch! ganz deutlich ein GOTTesproblem: Du schaffst etwas, willst dass es sich emanzipiert aber bitte schön so wie Du es willst. HERRlich! Und dann der elegante Rückzug unter dem Hinweis auf deine Macht. Wie im "wahren" Leben.
Gott ist Mensch und Mensch ist Gott. Wahrlich wir sind in seinem Bilde erschaffen worden.

28.1.07  
Blogger frech'n'nett said...

high end.

28.1.07  
Anonymous texttourist said...

Erlauben Sie mir mich Ihnen zu empfehlen - Buddha Gautama. Sie sehen - ich habe meinen Hut bereits abgelegt.

28.1.07  
Blogger Scheibster said...

Es geht weiter, und ich bin gerade noch rechtzeitig wieder hier. Sehr gut.

Außerdem plädiere ich für eine Fortsetzung. Ich will wissen, warum der Filzhut schief sitzt.

29.1.07  
Anonymous stard said...

passen sie bloss auf das die figur sie nicht irgendwann betäubt und ans bett fesselt herr o'brian ;)

29.1.07  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Falls die Person noch renitenter wird:

In die Ecke,
Besen! Besen!
Seids gewesen!
Denn als Geister
Ruft euch nur, zu seinem Zwecke,
Erst hervor der alte Meister.

29.1.07  
Anonymous Kurt Tucholsky said...

(1932)
Warum kann einem ein anderer den Hut nie richtig aufsetzen? Immer müssen wir noch mal dran ruckeln.

29.1.07  
Blogger Markus Quint said...

- Ich kann dazu nichts sagen.
- Sie hat auch keiner gefragt.
- Jetzt mischen Sie sich auch noch ein!
- Schnauze.

29.1.07  

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