Sonntag, Dezember 10, 2006

In der Geisterbahn des zweiten Advent

Die Erinnerung pflügte graue Furchen in seine Stirn, während er vor dem Schalter wartete und an die Zeit dachte, als sie noch drei Gleichgesinnte waren, die sich demselben Ziel verschrieben hatten. Früher nahmen sie weite Wege in Kauf, um gemeinsam zu den Jahrmärkten des Grauens zu reisen. Der Zweck ihres Bundes bestand darin, in den globalen Geisterbahnen die Ursachen von übersinnlichen Wahrnehmungen zu bekämpfen. Denn wo sich ein Spuk verdichtete, konnte er in Form von schwellenden Angstknoten großes Unheil über die Menschen bringen. Dabei besaß die kindliche Angst ein ungleich höheres Verdichtungspotenzial, als die Angst der Erwachsenen. Wenn ein Angstknoten platzte und seine Metastasen freisetzte, konnte es zur Katastrophe kommen. Diese Gefahr bestand, wenn eine Fähre durch ein Unwetter gesteuert werden musste, oder ein Flugzeug in Turbulenzen geriet. Oder wenn die Kontrolle über eine Geisterbahn verloren ging.

Als er dem Hünen mit der Glatze und dem vernarbten Gesicht seinen Fahrchip in die Faust drückte, schien dieser mit einem wissenden Blick an ihm vorbei zu sehen. Der Hüne klappte den Sicherheitsbügel um, als sich die Welt langsam in Bewegung setzte, und er in seinem Sitz auf den Rachen des Monsters zusteuerte.


Das Schicksal geizte nicht mit Phantasie. Den Sohn hatte es als zweiten in Disneyland erwischt, nachdem seinem Vater ein Massenmord
monster in einer osteuropäischen Geisterbahn den Garaus gemacht hatte, und nun war auch noch der heilige Geist vernichtet. Das Trio mit den Clubaufnähern der heiligen Dreieinigkeit an den Jackenärmeln war vollständig aus der Welt radiert. Die letzte Instanz des Verbraucherschutzes für Geisterbahnen war ausgelöscht. In einer Geisterbahn auf dem Nürnberger Christkindlesmarkt.

Gabriel hielt das Lebkuchenherz mit dem Zauberspruch fest. Der Knall und das viele Blut hatten ihn fürchterlich erschreckt, aber die Angst war besiegt. Nun würde er auch dem dicken Kerl mit der roten Mütze und dem weißen Bart, der ihn schon aus der Ferne mit dem Blick eines Monsters ansah, unerschrocken entgegentreten.

Am nächsten Tag war im Lokalteil zu lesen, dass sich ein Mann während der Fahrt im Kettenkarussell auf dem Weihnachtsmarkt erschossen hatte. Der Mann sei ein langjähriger Psychiatriepatient gewesen.

12 Comments:

Anonymous FrauH. said...

Ach Quint,

jetzt hab' ichs schon dreimal gelesen und ich verstehe es immer noch nicht. Schön ist es ja, zweifelsohne.
Und: Was solls. Wer will schon andere verstehen.....

10.12.06  
Anonymous Opa said...

Fragen der fliehenden Kräfte: das Karussell in Ketten und die Bahnen des Geistes.

Ich dagegen bin Experte für schwere Kraft und bevorzuge die achteren Bahnen in fast freiem Fall.

10.12.06  
Anonymous Anonym said...

Klasse, aber woher gelingt es dir, dich so gut in die private Wirklichkeit eines psychotischen Menschen einzuklinken?

10.12.06  
Anonymous Verursacher said...

Dreimal ist Rekord, ich habe beim zweiten Mal genervt abgebrochen. Gemäß Verursacherprinzip besitze ich ebenfalls null Verständnis, aber meinem besten virtuellen Freund ist eine Interpretation gelungen, die sogar den interpretierten Text in den Schatten stellt - wird als Affenfaust ins Hirn geknüpft, bevor ich von Achtern kippe.

10.12.06  
Blogger Markus Quint said...

/Der Nachbar: Willst du mal dem Tod ins Auge blicken?

10.12.06  
Blogger Markus Quint said...

... und FrauH.: Ich habe sehr gelacht, denn ihr Kommentar erinnerte mich an meinen alten Lateinlehrer - ein fast wörtliches Zitat bei Rückgabe einer Cicero-Übersetzung.

10.12.06  
Anonymous der Nachbar said...

Das ist nun wirklich unmenschlich; dort wird die Saat für grauenhafte Alpträume ausgelegt und jahrelange Desensibilisierungen. Wer soll denn das später alles bezahlen?

10.12.06  
Blogger mkh said...

Falls sich der dicke Kerl mit der roten Mütze und dem weißen Bart seither mit einem aufdringlichen Poltergeist konfrontiert sieht, hätte Gabriel´s List hingehauen...
Ist etwas darüber in den Akten vermerkt?

10.12.06  
Anonymous Undercover said...

Herr Q. - ich BIN Ihr alter Lateinlehrer! Das mit der Frau und dem H. ist alles nur Tarnung ;o)

10.12.06  
Anonymous joppi said...

das der hl. Geist in einer Geisterbahn von dannen geht entbehrt nicht eines gewissen Charmes. Dennoch wellt sich meine konditionierte Seele bei dieser Thematik, getreu dem Motto: Ich will gern anders und kanns doch nicht.

10.12.06  
Blogger Markus Quint said...

/Der Nachbar: Rechnung an Hrn. Beckstein, MdL

/Mkh: Schlüssige Folgerung, das wäre ein mögliches - metaphysisches - Indiz.

/Undercover: In diesem Fall bitte ich Sie vielmals um Verzeihung für meine altsprachlichen Schandtaten.

/Joppi: Lieber Wellengang, als gar kein Wind in der Seele.

10.12.06  
Blogger Oles wirre Welt said...

So möchte ich Jahrmärkte nie erleben, aber so erlese ich sie mir saugern!

11.12.06  

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