Donnerstag, August 10, 2006

Escher verschluckt sich

Auf dem Weg ins Amt pflegte Escher, sich in der Bäckerei neben der Haltestelle zwei mit Hartkäse und jeweils einer Salatgurkenscheibe belegte Brötchen zu kaufen. Am Vorabend eines jeden Werktages verstaute er das abgezählte Münzgeld in der linken Außentasche seines Popeline-Mantels. So hatte Escher den genauen Betrag im Moment der Brötchenübergabe auf Anhieb griffbereit.

Die Inhaber der Bäckerei waren ein Zwillingspaar, das sich bis in sämtliche Details glich. Spindeldürre, freundliche Männer mit wässrigen Augen von hellgrauer Färbung und silbernen Haarfransen, die auf Höhe der Augenbrauen rund um ihre ansonsten kahlen Schädel baumelten. Die Haare wirkten wie angeklebt und fielen in der Art von Lametta fast bis auf die Schultern.

Man wusste nie, welcher von beiden in der Backstube stand und wer die Kunden im Verkaufsraum bediente. Laut eigenen Berichten besaßen sie einen dreibeinigen Königspudel, der angeblich gerne Bananen fraß.

Escher war die unerschütterliche Freundlichkeit der Bäcker nicht geheuer. Die magere Statur der beiden, die nicht seiner Vorstellung von einem überzeugenden Bäcker entsprach, bekräftigte ihn in seiner kritischen Haltung. An Hunde, die Bananen verspeisten, mochte Escher erst recht nicht glauben.

Eines Morgens nach einem gesetzlichen Feiertag schaute ihn der Bäcker im Verkaufsraum aus seinen wässrigen, hellgrauen Augen an und eröffnete ihm, die Hartkäselieferung sei ausgeblieben, was er sehr bedauere. Aber er könne ihm zwei Brötchen anbieten, die mit Kalbsleberwurst und jeweils zwei Gewürzgurkenscheiben belegt seien.

Escher zauderte, denn diese Abweichung entsprach nicht den üblichen Regeln seiner Tagesplanung. Eine auf die tägliche Situation in der Bäckerei anzuwendende Regel lautete: Hartkäse mit Salatgurke.

Alles in Escher sträubte sich gegen das Angebot des Bäckers. Er war davon überzeugt, dass es fatale Folgen haben könnte, wenn er von den üblichen Regeln seiner Tagesplanung abwich.

Der beharrliche Blick aus wässrigen Augen war das einzige Verkaufsargument des Bäckers, aber Escher hatte die Befürchtung, dass ohne Brötchen noch mehr aus den Fugen geraten könnte. Er willigte in den Handel ein.

An der Haltestelle nahm er ein Brötchen aus der Papiertüte und biss hinein. Nach wenigen Kaubewegungen hatte er plötzlich ein Gefühl im Mund, als ob sich auf seiner Zunge etwas Fremdes bewegte, das dort nicht hingehörte. Da es ihm unangenehm gewesen wäre, den Inhalt seines Mundes in der Öffentlichkeit auszuspucken, verschluckte er den Bissen in einem Reflex des Ekels nahezu unzerkaut. Es wurde ihm für einen Moment schwarz vor Augen und er fühlte sich, als ob er durch eine enge Röhre gezwängt würde. Dann fiel er auf einen der Drahtsitze, die zur Haltestelle gehörten.

- Escher!

Jemand rief ihn, aber als er sich nach allen Seiten umdrehte, vermochte er den Rufenden nirgends zu entdecken.

- Herr Escher!

Das Rufen schien aus dem Inneren des Brötchens in seinen Händen zu kommen, was völlig unmöglich war. Trotzdem klappte er das Brötchen auseinander. Staunen wäre ein zu schwacher Ausdruck gewesen für das, was Escher empfand. Auf der Kalbsleberwurst lag er, Escher, und blickte ihm, Escher, geradewegs in die Augen.

In seiner Verstörung versuchte er, die zwei Hälften des Brötchens wieder zusammenzudrücken, aber es war, als wollte man zwei gleiche Pole eines Magneten miteinander in Berührung bringen. Der Escher im Brötchen stemmte sich mit Armen und Beinen dagegen, um nicht zwischen den zwei Hälften einer Teigware das Schicksal eines gewöhnlichen Frühstücksbelags zu erleiden.

- Sie haben gerade einen von uns verschluckt,

hörte Escher den anderen im Brötchen sagen.

- Was tun Sie in meinem Brötchen?
- Ich liege auf Kalbsleberwurst.
- Das sehe ich,

sagte Escher mit einer gewissen Verärgerung in der Stimme.

- Liegt es sich wenigstens bequem?
- Es ist kein angenehmes Gefühl. Das können Sie mir glauben.
- Ich hatte Gewürzgurken erwartet.
- Es tut mir aufrichtig leid, ihre Erwartungen nicht erfüllen zu können.
- Wie sind Sie in diese unerfreuliche Lage geraten?
- Ich vermag es Ihnen nicht zu sagen. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, wie ich gestern Abend das abgezählte Münzgeld für die zwei Brötchen in die linke Außentasche meines Popeline-Mantels gesteckt habe.
- Hartkäse.
- Genau.
- Ich wusste es.
- Wenn Sie diesen Bus nicht nehmen, kommen Sie zu spät zum Dienst.
- Woher wissen Sie das?
- Wir haben dieselben Arbeitszeiten.
- Ach so. Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Tag,

sagte Escher und bestieg den Bus.

- Können Sie mich vielleicht ein Stück mitnehmen, sonst komme ich zu spät zum Dienst,

rief der Escher aus dem Brötchen. Aber die Türen des Busses schlossen sich bereits hinter Escher.

An diesem Morgen erhielt Escher von seinem Vorgesetzten eine Rüge, weil er zu spät kam. In seinem Bauch rumorte es den ganzen Tag.

Nach Dienstschluss kamen Escher auf dem Weg zu seiner Wohnung die beiden Bäcker entgegen. Sie sahen müde aus und führten einen dreibeinigen Königspudel an der Leine. Der Hund trug mit erhobenem Kopf eine Banane zwischen seinen Zähnen.

Escher verspürte ein flaues Gefühl im Magen, als sich ihm die Frage aufwarf, ob es der Escher in seinem Bauch war, dem die Bäcker mit dem Königspudel und Banane entgegen kamen oder der Escher mit dem Escher und zwei Bäckern mit Königspudel und Banane im Bauch.

Er nahm sich vor, in Zukunft auf Hartkäse zu bestehen. Komme, was wolle. Hartkäse mit Salatgurke. Nichts anderes. Und er würde die Bäckerei wechseln.

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14 Comments:

Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

10.8.06  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Genial, ich steh total auf die Escher-Episoden. Ich glaube, Eschers Leben hängt an einem seidenen Faden. Ist aber ja nicht so schlimm, er hasst das Leben ja sowieso. Du magst Escher nicht sonderlich, oder? :-)

10.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Mit seiner verflixten Kleinkariertheit komme ich einfach nicht zurecht, und auch ansonsten ist dieser Escher in mancherlei Hinsicht ein Alptraum.

10.8.06  
Blogger Falcon said...

Die Escher-Welt ist wohl keine, in der ich leben möchte.
Ich befürchte nur, dass es genau die ist, in der ich lebe.

10.8.06  
Anonymous stard said...

ich kannte mal einen hund der hat auch für sein leben gern bananen gefressen. sein frauchen meinte das wäre gut für das fell oder so ... sonderbare geschichte.

10.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Falcon: Solange man dem Herrn Escher nicht persönlich begegnet, hält sich alles in Grenzen.
/Stard: Konnte dieser Hund auch auf Bäume klettern?

10.8.06  
Anonymous stard said...

ich habe ihn nie dabei gesehen, aber beschwören das es nicht möglich wäre würde ich nicht ...

10.8.06  
Anonymous martha said...

Also, ich mag Escher... irgendwie.

10.8.06  
Blogger Falcon said...

Bis jetzt sind mir persönliche Kontakte glücklicherweise erspart geblieben. Aber ich meine, ihn machmal am Rande meines Sichtfeldes wahrnehmen zu können.

10.8.06  
Blogger Markus Quint said...

/Stard: Ich gehe davon aus, dass er es kann, weil woher sollte er sonst die Bananen bekommen?
/Martha: Das erscheint mir bizarr.
/Falcon: Dort schleicht er sich häufig herum.

11.8.06  
Anonymous Nomak said...

Mir wird ein wenig schwindelig.

13.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Für Schlechtigkeit und üble Schwindelei ist das hier die richtige Adresse.

13.8.06  
Anonymous innerer schweinehund said...

In meiner Eigenschaft als dreibeiniger Sauhund versichere ich hiermit glaubwürdig, daß es mir möglich ist, Bananen ohne Klettern mit Leichtigkeit in freiem Sprung zu erhaschen.

14.8.06  
Blogger Markus Quint said...

Alles andere wäre eine Lüge und hätte mich zutiefst enttäuscht.

14.8.06  

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