Samstag, Februar 10, 2007

Mustertapetenpartituren

Dienstag. An seinen Namen oder die anderen Lebensdaten erinnerte er sich nicht mehr. Nur an die Bezeichnung für den Wochentag, an dem er vor einem halben Leben in Pantoffeln auf die Straße getreten war und die Mauern eines gleichförmigen Alltags hinter sich gelassen hatte. Seither hatte er sich nie wieder umgedreht. Er war dem taumelnden Schatten seiner Seele gefolgt, der vor ihm herflog und beliebige Richtungen einschlug.

Die Umrisse des Schattens waren aus Musik gezeichnet, und immer, wenn es ihm gelang, den Schatten einzuholen, vernahm er verschwommene Klänge an den Grenzen seiner Wahrnehmung. Er versuchte, die Klänge festzuhalten, indem er eine eigene Notation entwickelte. Seine Partituren schrieb er auf zerknitterte Zettel, die er zuvor aus Mülltonnen gefischt hatte. Im Lauf der Jahrzehnte wucherten die Partituren zu Paketen, die er bündelte und in einem Einkaufswagen archivierte.

Er hätte nicht sagen können, aus welchem Grund er seine Musik notierte, aber diese Frage stellte sich ihm nicht. Den Kontakt zu den Außenwelten hatte er längst verloren. Vielleicht vermittelte es ihm die Illusion einer Orientierung, wenn er während seiner Irrfahrt die Geisteslandschaften kartografierte, die seine Wahrnehmung auf die Innenflächen der Hülle aus Fleisch projizierte. Vielleicht war er dem menschlichen Zwang unterworfen, Spuren zu hinterlassen.

Es gab keinen Halt auf der Reise quer durch die Partitur seines Lebens. Nur manchmal wunderte er sich über die scheinbar kleinen Dinge. Er wunderte sich darüber, dass ein Mensch in der Lage war, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und auf diese Weise Entfernungen überwinden konnte. Und er wunderte sich darüber, dass die Hände seinem Willen folgten, ohne dass er Befehle erteilen musste. Oder dass sein Herz auch schlug, während er schlief.

Bevor sich sein Bewusstsein zusammen mit den Körperfunktionen in die Vergangenheitsform entzog, war sein letzter Gedanke: Dienstag.

Niemand interessierte sich für den Nachlass, als man den unbekannten Komponisten unter einer Eisenbahnbrücke fand. Nachdem der Leichnam längst eingeäschert war und man die Urne in einem anonymen Grab bestattet hatte, entdeckte ein Ingenieur der Hirnhydraulik den Einkaufswagen. Die Muster auf den Zetteln gefielen ihm. Er nahm die Papiere mit sich, um die Wände seiner Wohnung damit zu tapezieren.

Viele Generationen später kratzte ein kleiner Junge aus Wut und Trauer über das Verschwinden des Vaters an der Tapete in seinem Zimmer. Unter den Schichten, die frühere Bewohner aus Bequemlichkeit überklebt hatten, entdeckte er ein vertrautes Muster. Immer größere Fetzen riss er von den Wänden, bis das Muster vollständig freigelegt war. Dann öffnete er seinen Geigenkoffer. Er wusste genau, wie die Hauptstimme der Partitur zu spielen war, und während dieser Uraufführung eines Lebenswerks erfuhr der Junge zum ersten Mal die vollkommene Leere, denn sein Leben lag nicht mehr vor ihm. Er konnte die Zukunft sehen.

17 Comments:

Anonymous Phil said...

Das, mein lieber MQ, ist meine persönliche Nummer Eins ín den Charts Ihrer Beiträge. Ich bin etwas mehr als verwirrt ;-)

10.2.07  
Blogger DanielSurreal said...

DAS ist klassische Musik!

Der Geigerzähler qualmt...

Konzertkarten in jeder tausendsten Packung Schattenspender...

merci

10.2.07  
Anonymous FrauH. said...

Und so blieb ihr nichts als das Gefolge ihrer Vorredner zu sein.
EIN WUNDERSCHÖNER TEXT! Verehrter Herr Quint!

*verneigt sich und geht sprachlos ab*

10.2.07  
Blogger Der_grosse_Transzendentale_Steini said...

Sehr schöner Text mit schönen Quint-en. BTW: Wusstest Du, dass es in früheren Zeiten verpönt war, Quarten zu spielen? Galten als "Teufelston".

10.2.07  
Anonymous Opa said...

Ich sehe das Bild eines anderen Freundes vor mir. Dabei weiß ich nicht einmal, ob er Noten lesen kann.

11.2.07  
Blogger MudShark said...

öh, das verstehe ich jetzt nicht, ich kann zwar nur legastenisch noten lesen, aber eine tapete habe ich noch nie abgespielt. wir haben nur mal einen super 8 film spontan nachvertont den unser gitarrist auf dem sperrmüll gefunden hat.

11.2.07  
Anonymous joppi said...

Ich möchte, dass ein Todesengelkommando den zentralen Sendemasten aller Stationen entert und diese Musik in die Wohnzimmer, Autos, Kaffeeautomaten, Spielotheken und Büros pumpt, um dann bei einer Flasche Bitterlemmon vom Balkon die paralysierten Gestalten auf die Straßen strömen zu sehen. Im geeigneten Moment werde ich dort meinen platz finden.

11.2.07  
Anonymous Opa said...

Ich dachte, wer Farben hört, kann auch Tapeten lesen. Ich bitte um Verzeihung, aber bei mir ist zur Zeit alles mahlerisch vergoethet.

11.2.07  
Anonymous ttr said...

Mal wieder eine astreine Geschichte, Herr Quint. Aber sagen Sie mal: haben sie hierfür Teile einer Ihrer früheren Geschichte recyclet? Mir kommt das mit den Tapeten so bekannt vor...

11.2.07  
Anonymous stard said...

ingenieur der hirnhydraulik?

ein sehr schöner wochenbeginn mal wieder herr quint, danke ;)

(btw. ist mein anderer kommentar eigentlich im nirvana verschwunden oder muss ich mir jetzt sorgen machen?)

12.2.07  
Blogger Markus Quint said...

/Phil: Das vermittelt mir Antrieb, mich selbst von den obersten Rängen Ihrer Charts meiner Beiträge zu verdrängen.

/DanielSurreal: De rien. Merci, aussi.

/FrauH.: Bitte lassen Sie nicht zu, dass der Zustand der Sprachlosigkeit zur Gewohnheit wird.

/Steini: Später wurde die symbolische Diabolik des Tritonus dann von der pathologischen Diabolik des Tinnitus abgelöst ;)

/Opa: Der kann nicht nur Noten lesen, sondern ist gleichzeitig der beste Schlagzeuger, den ich kenne. Aber Opacht: Wenn man ihn darauf anspricht, leugnet er alles.

/Joppi: Vor allem für den Vorschlag der Kaffeeautomatenbeschallung bin ich dankbar. Aber das mit dem Bitter Lemon nehme ich dir nicht ab. Du meintest sicher Bitter Lemming(?)

/TTR: Während meiner Absonderungen findet keine Mülltrennung statt, es kommt alles in dieselbe Tonne.

/Stard: Wenn hier Kommentare verschwinden, dann muss eher ich mir Sorgen machen - aber das mache ich mir sowieso schon seit der Umstellung von blogger.com auf die Google-Plattform. Ich ertappe mich sogar schon beim Kultivieren meines Lamentos.

12.2.07  
Blogger MudShark said...

@marq&opa
neulich hörte ich einen betonteppich süße, grünen zahlen singen als ich an einer alten schallplatte roch. aber das ist eine andere geschichte.

[spam]
terry bozzio kommt dieses jahr zur zappanale. vielleicht der beste schlagzeuger von wo gibt.
[/spam]

12.2.07  
Blogger Markus Quint said...

D´accord. Terry ist auch tipptopp, aber in eurer Liga treffe ich sowieso keine Unterschiede mehr.

12.2.07  
Anonymous joppi said...

da haben wir wieder die Sache mit dem "mehr an Nachdenken".
Lemming trifft es natürlich viel mehr

12.2.07  
Anonymous Opa said...

Ja, die Schlagzeuger und die Bassisten - meine Lieblingsmusiker. Ich stell euch demnächst meinen Nachbarn vor, den Dany aus Lauben. Als er noch ganz jung war ;-)

12.2.07  
Anonymous stard said...

vielleicht hab ich auch die bestätigung vertippst und nicht kontrolliert :/ aber falls sie mal wegwollen von dem wurstladen, wir finden da sicher eine lösung mit nem anständigen server und wörterpresse oder so. einfach bescheidsagen ;)

13.2.07  
Blogger Markus Quint said...

Merci, Stard - sobald ich das Jammern satt habe, werde ich vielleicht auf Ihr Angebot zurückkommen :)

14.2.07  

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