Freitag, Juni 09, 2006

Highway to hell (AC/DC, 1979)

Bretagne, 19. Februar 1980
Pauline Simon fuhr in ihrem R4 auf der Route Nationale 164, irgendwo zwischen Pleyben und Gwennili. Die Scheibenwischer ruderten im schnellsten Takt und trotzdem verwandelte der Regen die Windschutzscheibe in Milchglas. Pauline hatte die verschwommene Gestalt am Straßenrand in der Dunkelheit nicht sofort wahrgenommen, aber sie bremste und setzte den Kastenwagen etwa hundert Meter zurück.

Der Junge öffnete die Beifahrertür und fragte, ob sie ihn ein Stück in Richtung Brest mitnehmen könnte. Seine Lederjacke war aufgeweicht, was ihm aber trotz der Februarkälte nichts auszumachen schien. Über seine Stirn fielen lange, schwarze Locken, die im Licht der Innenbeleuchtung glänzten und von denen das Regenwasser tropfte. Pauline sagte, er solle einsteigen.

Während er seinen Seesack auf die Rückbank legte, sah sie sich den Jungen genauer an. Sie fand ihn außergewöhnlich hübsch. Er besaß ein schmales Gesicht und funkelnde Augen in der Farbe seiner Haare. Seine Lippen schimmerten wegen der Kälte bläulich und um seinen Mund hatte er einen traurigen Zug. Das lag an seinem rechten Mundwinkel, der leicht nach unten gezogen war.

Sie hätte nicht sagen können, warum sie in diesem Moment bereute, dass sie angehalten hatte. Vielleicht wegen der langen, hellrosa Narbe, die sich entlang der linken Seite seines Halses zog und irgendwie beunruhigend auf sie wirkte.

- Wir können jetzt losfahren, meinte der Junge, als er neben ihr saß und die Tür zugezogen hatte.
- Sobald du dich angeschnallt hast.
- Bei Ihnen muss man sich nicht anschnallen, Sie sehen aus wie eine sehr vernünftige Fahrerin.
- Wenn du denkst, du kannst mir mit sowas schmeicheln, steigst du gleich wieder aus.

Er sah mit hochgezogenen Augenbrauen in ihre Richtung, verzog das Gesicht zu einem Grinsen und legte den Sicherheitsgurt an.

- Woher kommst du?
- Aus Paris. Ich will nach Brest, weil ich auf einem Schiff anheuern und Matrose werden will.

Ein Ausreißer, dachte Pauline und lächelte.

- Und welchen Namen haben dir deine Eltern gegeben, die jetzt in Paris sitzen und auf dich warten?
- Ich heiße Benoît und meine Eltern sind mir noch nie begegnet. Hat man Ihnen auch irgendwann einen Namen gegeben?
- Pauline Simon.
- Ok, Madame Simon, dann zeige ich Ihnen jetzt mal, was gute Musik ist.

Er fasste an das Tapedeck, in dem sich eine Kassette von Fleetwood Mac befand und stoppte ihren Lieblingssong, Like a Gypsy.

- Moment. Über die Musik in meinem Auto bestimme ich.
- Bleiben Sie doch einfach entspannt. Ihr Althippies meint immer, ihr seid sensationell weltoffen und tolerant, aber am Ende interessiert ihr euch nichtmal für musikalischen Fortschritt.
- Dafür, dass ich dich vor zwei Minuten im Regen aufgelesen habe, wirst du gerade ziemlich frech.
- Also, sind Sie jetzt weltoffen oder nicht?

Pauline wollte ihm sagen, dass sie keineswegs weltoffen sei, was die musikalische Untermalung ihrer Autofahrten betraf. Aber da war bereits eine Kassette, die er zuvor aus seiner Jackentasche gefischt hatte,
im Tapedeck verschwunden. Er drehte den Lautstärkeregler bis zum Anschlag nach rechts. Ein monolithischer Gitarrenriff dröhnte aus den beiden Lautsprechern, die im hinteren Teil des Kastenwagens angebracht waren.

Living easy, living free
Season ticket on a one-way ride

Pauline versuchte, ruhig zu bleiben. Aber der Gesang, eine Mischung aus Schreien und Quengeln, brachte sie aus der Fassung.

No stop signs, speed limit
Nobody's gonna slow me down

- Nimm sofort die Kassette aus dem Tapedeck!
Sie erschrak über die Aggressivität in ihrer Stimme.

Like a wheel, gonna spin it
Nobody's gonna mess me round

- AC/DC, erstklassiger Rock 'n' Roll. Heute vor einem Jahr ist Bon Scott, der Sänger der Band, gestorben. Lassen Sie uns das Tape zu seinen Ehren anhören!

Pauline war anderer Meinung, wütend griff sie zum Tapedeck. Der Junge versuchte, sie daran zu hindern und es kam zu einem Handgemenge. Dabei lachte und schrie er plötzlich wie ein Geisteskranker.


Das letzte, was Pauline Simon in ihrem Leben sah, waren die Fernlichter eines 32 Tonnen schweren Lkw.

Als man ihre Leiche aus dem zerquetschten Blech barg, fand man zwischen Beifahrersitz und Rückbank einen mit nassem Zeitungspapier vollgestopften Seesack. Keiner ihrer Angehörigen hatte eine Erklärung für die Herkunft des Gepäckstücks.

In der Werkstatt des Schrotthändlers lief Ride on von AC/DC. Er baute das Tapedeck aus, und nachdem er es vom
Bandsalat einer Fleetwood Mac Kassette befreit hatte, konnte er es neun Tage später für 33 Francs weiterverkaufen.

2 Comments:

Anonymous Nomak said...

Bittere Geschichte.

9.6.06  
Blogger kein einzelfall said...

Death Metal, kind of.

9.6.06  

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