Samstag, Juni 03, 2006

Das abgefackelte Ohr

Während eines Frisörbesuchs im Frankfurter Bahnhofsviertel habe ich möglicherweise herausgefunden, wie Elias Canetti auf seinen Romantitel Die Fackel im Ohr kam. Canettis Frisör muss Türke gewesen sein.

Der junge Mann, der mir die Haare schneiden sollte, war sehr ambitioniert und schien seinen Beruf zu mögen. Er sprach zwar kein Deutsch, aber sein Kollege übersetzte meine Wünsche nahezu fließend in ihre gemeinsame türkische Muttersprache.

Ich bekam nicht nur einen gelungenen Haarschnitt für zehn Euro, sondern auch noch ungefragt eine offenbar im Preis enthaltene Gesichtsmassage verpasst.

Anschließend kürzte mir der Frisör mit einer winzigen Schere die Nasenhaare, wobei man erwähnen könnte, dass sich mein äußeres Erscheinungsbild nicht gerade durch eine übertriebene Länge der Nasenhaare auszeichnet. Aber die Nasenhaarstutzung gehörte ebenfalls zum Service und auch das ließ ich mir noch gefallen.

Im weiteren Verlauf der Sitzung ergriff der Haarkünstler einen dünnen, etwa 20 Zentimeter langen Stab, den er an einem Ende mit einem Wattebausch umwickelte. Die Watte besprühte er mit einem Spray, das ich später als Motorradkettenreiniger identifizieren konnte. Ich begann, mir ernsthafte Sorgen zu machen, als er den getränkten Wattebausch mit Hilfe eines Feuerzeugs entzündete. Die Sorgen kumulierten in einer Panikattacke, als der furchtlose Frisör sich mit seiner Fackel meinem Ohr näherte und in einem Blitzangriff begann, den feinen Flaum auf meiner Ohrmuschel zu versengen.

Ich bin einem interkulturellen Erfahrungsaustausch nicht grundsätzlich abgeneigt, aber es gibt Grenzen. Die Abfackelung meines Ohrs erschien mir aus westeuropäischer Sicht als Tabubruch und ich sprang mit einem Schrei vom Frisiersessel auf.

Ein Geruch von verbrannter Haut lag in der Luft des türkischen Salons. Bärtige Männer, die nach dem Besuch einer nahe gelegenen Hinterhofmoschee auf einen Haarschnitt vorbeigekommen waren, hielten beim Teetrinken inne. Der Brandstifter war von meiner Reaktion ebenso geschockt wie ich. Er stammelte irgendetwas auf Türkisch und sein Kollege entschuldigte sich bei mir für den unerwarteten Schrecken.

Zur Versöhnung schmierte man mir einen Klumpen Gel in die neue Frisur.

Beim nächsten Frisörbesuch ging ich wieder zu Johan, dem akklimatisierten Rumänen in meiner Straße. Dort gab es zwar keine Gesichtsmassage, aber Nase und Ohren befanden sich in der Sicherheit einer quasi westeuropäischen Tabuzone.
--
Der neue westeuropäische Trend zur gewagten Ohrfrisur:
Ohrbewuchs

3 Comments:

Anonymous martha said...

Hach herrlich. Ich habe hier um die Ecke auch einen türkischen Friseur. Da bekommt man noch als Service die Augenbrauen gezupft...

3.6.06  
Anonymous Chris said...

Nach dieser möglicherweise fehl zu interpretierenden, nicht unbedingt völkerverständigenden Reaktion deinerseits, die zur Folge eine brutale Affektreaktion hätte haben können, hast du großes Glück gehabt und kannst dir nun in möglichst interkultureller, unmissverständlicher Abgeschiedenheit "Die gerette Zunge" durchlesen. ;-)

3.6.06  
Blogger Markus Quint said...

@martha: Hoffentlich benutzt er stilecht einen Bindfaden zum Zupfen der Augenbrauen - diese Methode hat mich bei Reisen in orientalische Länder immer sehr beeindruckt.

@chris: Vielen Dank, ich werde mir deinen Lektüretipp für den nächsten Zahnarztbesuch vormerken.

3.6.06  

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